Chronik | Österreich
06.11.2017

Doppelmord in Stiwoll: "Hinterher ist man immer gescheiter"

Nach Doppelmord in Stiwoll: Gutachter und Justiz schieben einander Verantwortung für Ermittlungseinstellungen gegen Flüchtigen zu.

Mehr als hundert Hinweise auf Friedrich Felzmann hat die Polizei erhalten. Doch nur wenige Tipps zu dessen Versteck waren konkret genug für Durchsuchungen. Wie etwa jener einer Landwirtin Samstagnacht, die an der Gemeindegrenze von Stiwoll/Gratwein-Straßengel wohnt: Aus der Tiefkühltruhe in ihrem Keller wurden Lebensmittel gestohlen. Möglich, dass sich der 66-Jährige mit Essbarem eingedeckt hat.

Seit mehr als einer Woche ist der Hobbyimker auf der Flucht. Vermutlich bewaffnet, laut Polizei gefährlich: Felzmann soll am 29. Oktober in Stiwoll, Graz-Umgebung, zwei Nachbarn erschossen und eine Nachbarin verletzt haben. Gerhard E., 64, wurde am Sonntag begraben, Heidi H.s Beerdigung findet am Dienstag statt.

Verfahren eingestellt

Unterdessen wird eine Frage immer heftiger diskutiert: Hätte der Doppelmord verhindert werden können? Felzmann ist der Justiz seit Jahren bekannt, im Grazer Straflandesgericht hatte er nach Drohungen gegen Richter und Staatsanwälte sogar Hausverbot. Zuletzt wurde im Mai gegen den Verdächtigen ermittelt gefährliche Drohung gegen einen Nachbarn. Doch ein Gutachter attestierte ihm Unzurechnungsfähigkeit, die Staatsanwaltschaft Graz stellte das Verfahren ein. Wie ein halbes Jahr zuvor ihre Kollegen in Leoben, nachdem ein anderer Sachverständiger Felzmann ebenfalls als unzurechnungsfähig einstufte.

Dieser Gutachter war Manfred Walzl, bekannt auch aus dem Prozess gegen den Amokfahrer von Graz. Walzl war jener Gutachter, der Alen R. als zurechnungsfähig einstufte. In Bezug auf Felzmann attestierte er diese jedoch nicht. "Ich hätte ihn nicht so eingeschätzt, dass er zu so etwas neigt", verteidigte Walzl seine drei Expertisen gegenüber der Austria Presse Agentur. "Aber man kann in einen Menschen nicht hineinschauen. Hinterher ist man immer gescheiter." Er habe aber "dringend" eine Therapie empfohlen.

Allerdings hat Walzl den 66-Jährigen im November 2016 als nicht gefährlich eingestuft. Doch da sei es nur um Suizidgefahr gegangen, etwas anderes habe die Justiz nicht wissen wollen.

Die Oberstaatsanwaltschaft Graz konterte mit der Veröffentlichung eines Teils des Fragenkatalogs vom Oktober 2016: Ob zu befürchten sei, dass der Beschuldigte "eine mit Strafe bedrohte Handlung mit schweren Folgen" begehen könnte? Antwort des Gutachters: Man könne "nicht mit der im Gesetz geforderten großen Wahrscheinlichkeit von neuerlichen Tathandlungen mit schweren Folgen ausgehen". Ergebnis: Verfahren eingestellt und somit keine Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher.

Die "Sonderkommission Friedrich" setzte Felzmann am Samstag auf die Liste der meistgesuchten (mutmaßlichen) Täter Österreichs und arbeitet seither die Hinweise ab. Dass es so viele sind, ist für Psychiater Michael Lehofer nur menschlich. "Da ist vermutlich eine gewisse kollektive Angst dabei. Ein Phänomen, das bestimmt jeder kennt." Verstärkt werde das auch noch durch die ständig präsenten sozialen Medien. Im Ort selbst soll wieder so etwas wie Routine einkehren: Volksschule und Kindergarten wurden am Montag wieder geöffnet, wenn auch unter Polizeischutz.

Heer einsatzbereit

Ab Dienstag könnte auch das Bundesheer bei der Suche im Einsatz sein: Zwei "Husar" - Spezialfahrzeuge mit Wärmebildkameras - stehen auf Abruf in der Grazer Gablenz-Kaserne bereit, betont Oberst Michael Bauer vom Verteidigungsministerium. Sobald das Innenministerium sie anfordere, würden sie verlegt.