© Kurier/Gilbert Novy

Donaustadt
06/20/2021

Den Wurschtl kann keiner derschlag’n

Die Putzerei Zemann hat 110 Jahre hinter sich und vielleicht nicht mehr so viele vor sich. Die Leut’ ziehen sich nicht mehr anständig an.

von Barbara Mader

Frau Zemann-Simeier lebt in einer Zeitkapsel. Aus der kann und will sie nicht heraus. Selbst wenn ihr die Neubauten nebenan in den Hof hineinwachsen. Die Balkons, deren Besitzern man „Gartenblick“ versprochen hat, hängen fast schon über den Zemann’schen Zaun in Richtung Zemann’scher Werkstatt, wo seit einhundertzehn Jahren Anzüge, Kostüme und Uniformen genäht, gereinigt und gebügelt werden.

Dass es zuletzt immer weniger wurden, nimmt Susanne Zemann-Simeier mit einem Lächeln hin. Sie hat nicht viel zu lachen und tut’s trotzdem: „Den Wurschtel kann man nicht derschlag’n.“

So heißt ein alter Heinz Conrads-Schlager und von alten Schlagern und ebensolchen Traditionen weiß die 55-jährige Donaustädterin einiges. Aufgewachsen in einem Haus, das sie mit Eltern und Großeltern bewohnte, hat sie ihr ganzes Leben hier, wo die Donaufelder auf die Wagramer Straße trifft, verbracht.

Der Urgroßvater kam 1912 mit seiner Schneiderei aus der Klosterneuburgerstraße hierher, kaufte das Haus und ehelichte eine Dame, deren Familie praktischerweise eine Wäscherei besaß. Es wurde ein großer, stolzer Betrieb.

Man nähte und wusch Uniformen, unter anderem für die Spanische Hofreitschule und die Militärakademie und noch heute erkennen Fachkundige eine echte Simeier-Uniform, denn die ist schicker als alle anderen. Man achte auf den Kragen!

Der Betrieb wurde zuletzt 1960 komplett renoviert. Die Geschäftsausstattung samt anschließender Wohnung besticht im pastellfarbenen Charme der Zeit. Eine Portion Türkis hier, ein Hauch Mintgrün da, dort ein Anstrich in zartgelb. Das kleine Geschäftsportal mit dem altmodischen Schriftzug wirkt heute verloren zwischen den Neubauten. Seit die U-Bahn 2006 hierhergekommen ist, hat sich die Gegend rasant verändert. Was noch kommt, daran wollen wir gar nicht erst denken. Weiter vorne im Donaufeld, da werden gerade die letzten Äcker verbaut. Der 22. ist eine neue Stadt geworden, sagt eine Schulfreundin, die zum Plauscherl vorbeigekommen ist. Vor dreißig, vierzig Jahren waren hier rundherum nur Felder. Jetzt ist alles zugepflastert. Es ist zuviel.

Die Putzerei Zemann ist eine Anlaufstelle für sozialen Austausch gerade für die, die sich jetzt ein bisserl aus der Zeit gefallen fühlen. Manche Kunden kamen schon zur Oma Zemann. Jetzt kommen sie zur Enkelin – als Kunden, aber auch nur zum Tratschen und sogar der Pfarrer von der Kirche gegenüber schaut regelmäßig vorbei. Man redet gerne vom Gestern, wenn das Heute so erdrückend ist.

St. Georg, gegründet 1050, ist die älteste Pfarre Wiens und das älteste Gebäude auf dieser Seite der Donau. Nicht ganz so alt, aber auf seine recht eigene Art traditionsreich, ist das Falk schräg gegenüber, ein legendäres Taxler-Café, das es fast schon so lang wie die Zemanns gibt. Dann ist da noch der Romantausch drüben am Kagraner Platz, er wirkt wie ein Relikt einer anderen Zeit, und das Gasthaus Napoleon mit den alten Nussbäumen im Garten steht immerhin auch noch.

Als Susanne Zemann-Simeier ein kleines Mädchen war, hat sie hinten in der Werkstatt ihre Schulaufgaben erledigt und die Mami hat daneben gebügelt. Eine elegante Frau war sie, die vielen Fotos an den Wänden belegen das und auch die Schulfreundin, die sich in der kleinen Küche niedergelassen hat, bestätigt: „Sie war immer tipptopp.“

Heute sind das die wenigsten, was schlecht für’s Geschäft ist. Die Anzugträger sind rar und jeder glaubt, er kann alles selber. „Den Menschen ist nicht bewusst, dass Textilreinigung ein Lehrberuf mit dreijähriger Ausbildungszeit ist. Alle glauben, dass sie alles selber waschen können. Dem ist aber nicht so! Viele müssen erst ein Lieblingsstück ruinieren, um draufzukommen.“ Jetzt ist natürlich dazu gekommen, dass die Ballsaison ausgefallen ist. Das Geschäftsjahr ist nicht mehr zu retten. Aber grundsätzlich ziehen sich die Leute ja nicht mehr vernünftig an. Anzug, Krawatte? Nicht einmal im Konzert! Susanne Zemann-simeier war unlängst beim Jonas Kaufmann. „Ich war mit meinem schwarzen Kleid einfach overdressed!“

Ganz schlimm ist’s, wenn sich die Männer in der Oper ihres Sakkos entledigen. „Ein Mann zieht nie das Sakko aus, höchstens dann, wenn alle anwesenden Damen einverstanden sind.“ Von kurzen Hosen brauchen wir gar nicht erst anfangen. „Ich habe noch nie gehört, dass ein Mann mit langen Hosen derschwitzt wäre.“

Die adrette Geschäftsfrau lacht schallend, wahrscheinlich über sich selbst: „Ich lebe hier in meiner Zeitkapsel zwischen Himmel und Erde und weiß nicht, wie es weiter geht. Es schaut nicht rosig aus. Aber man derappelt sich.“

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