© Kurier / Gilbert Novy

Chronik Österreich
11/21/2021

Groß-Demo in Wien: "Dieser Weg wird kein leichter sein"

Zehntausende gingen am Samstag auf die Straße. Befeuert von Impfpflicht, Lockdown und Verschwörungstheorien. Nicht alle blieben dabei friedlich – die Polizei war dabei nur ein Feindbild von vielen.

von Sophie Seeböck, Antonio Šećerović, Paul Haider, Michaela Reibenwein, Gilbert Novy

Der deutsche Sänger Xavier Naidoo kann auf eine treue Fangemeinde vertrauen: „Dieser Weg wird kein leichter sein“, tönt es Samstagnachmittag von der Bühne. FPÖ-Politiker Udo Landbauer applaudiert. Sänger Naidoo hat sich in den vergangenen Monaten mit obskuren Verschwörungstheorien hervorgetan und rief auch zur Teilnahme bei der Corona-Demo in Wien auf. Zumindest 40.000 Menschen (Polizeiangaben) gingen am Samstag tatsächlich auf die Straße. Befeuert durch den neuen Lockdown und die Ankündigung der Impfpflicht.

Schon im Vorfeld war die Stimmung in den einschlägigen Telegram-Gruppen aufgeheizt. Es wurde auch zur Gewalt aufgerufen. Und tatsächlich kam es wieder zu Übergriffen auf Polizisten. Ein Demonstrant versuchte sogar, einem Beamten die Dienstwaffe aus dem Holster zu reißen. Andere bewarfen die Uniformierten mit vollen Bierdosen und Flaschen, zündeten Bengalos. Die Polizei musste auch Pfefferspray einsetzen.

Schon um die Mittagszeit war es auf der Wiener Mariahilfer Straße voll. Während viele noch die letzten Angebote vor dem Lockdown nutzten, zog es viele Richtung Museumsquartier und Heldenplatz, wo Kundgebungen gegen die Corona-Maßnahmen stattfanden.

Masken-Problem

Vor eine gewaltige Aufgabe stellte die Polizei dabei die geltende Maskenpflicht. Nur wenige Demonstranten hielten sich daran. Das, obwohl die Veranstalter, wie etwa die beim Museumsquartier versammelte FPÖ, mehrmals auf das Tragen hinwiesen, da sonst eine Auflösung der Veranstaltung drohe.

Angeführt hätte die Kundgebung eigentlich Bundesparteiobmann Herbert Kickl. Da er sich aber mit einer Corona-Infektion in Heimquarantäne befindet, meldete er sich per Videobotschaft an die „Bewahrer der Freiheit“. Er zeigte sich kampfbereit und betonte, dass die Regierung bei den neuen Maßnahmen vergesse, dass „alles, was man mit Gewalt bekommt, auch mit Gewalt gehalten werden kann“.

Auch das von Kickl angepriesene Pferdewurmmittel „Ivermectin“ wurde hochgelobt. So meinte die Grazer Allgemeinmedizinerin Maria Hubmer-Mogg, dass zig Studien zeigen würden, dass dieses Medikament „wunderbar bei Covid-Infektionen“, wirke. Der Hersteller selbst warnt übrigens ausdrücklich davor.

Doch das war nicht die einzige „Information“ mit fragwürdigem Inhalt. So gab es in den diversen Corona-Gruppen auch denkwürdige Impf-Verschwörungen. Angefangen vom Polizeihubschrauber, der Impfstoff auf die Demonstranten versprüht („Körperöffnungen dicht halten!“), über Impfungen aus dem Hinterhalt aus Kanaldeckeln („Hohe Stiefel anziehen!!“) bis zu Impfgewehren der WEGA („Trag am besten drei Schichten Kleidung!“).

Fackeln und Knaller

Neben Verschwörungstheoretikern marschierten am Samstag auch einschlägige Rechtsextreme, Antisemiten und Hooligans. Vermummte und Betrunkene reihten sich an die Spitze des Demozuges, wo sie Beamte anbrüllten und beschimpften. Umso weiter sich der Pulk am Ring fortbewegte, desto heftiger wurden die Ausschreitungen der Teilnehmenden. Immer wieder vernebelten Bengalos die Straßen, auf Höhe der Votivkirche, aber auch vor dem Äußeren Burgtor und vor dem Kunsthistorischen Museum wurden einige Knaller gezündet. Mit Einbruch der Dunkelheit statteten sich die Teilnehmenden mit Fackeln aus. Auf Höhe der Babenbergerstraße eskalierte die Lage dann, Polizisten wurden mit diversen Gegenständen beworfen.

Die Polizei berichtete schon nachmittags von mehreren Anzeigen und Festnahmen – unter anderem wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und nach dem Verbotsgesetz.

Am späten Nachmittag setzte sich ein harter Kern der Demonstranten nochmals in Bewegung. Mitarbeiter in den zahlreichen Geschäften schauten in ihren letzten Arbeitsstunden vor dem Lockdown auf vermummte Männer mit Fackeln. Einige Passanten quittierten den Demozug mit dem Stinkefinger.

Impfpflicht und Lockdown: Großdemos gegen die neuen Corona-Maßnahmen

  • 11/21/2021, 07:29 AM

    Nachtrag

    Innenminister Karl Nehammer und Landespolizeivizepräsident Franz Eigner zogen am Sonntag Bilanz zur gestrigen Groß-Demo

  • 11/20/2021, 07:35 PM

    Wir melden uns an dieser Stelle vorerst ab

    "Die stehen jetzt vor dem McDonald's am Stephansplatz und schreien nur irgendwas mit Zwang und Demokratie", berichtet KURIER-Reporter Antonio Šećerović, der sich nun auch auf den wohlverdienten Heimweg begeben wird.

    Dementsprechend werden wir an dieser Stelle nur noch sporadisch tickern.

    Somit, bis auf Weiteres: Schönen Abend und bleiben Sie gesund!

  • 11/20/2021, 07:12 PM

    "So viele haben wir nicht erwartet"

    Unserer Reporter brechen jetzt langsam ihre Zelte ab. Derzeit ist es halbwegs ruhig.

    "So viele haben wir auch nicht erwartet", sagt ein Veranstalter zu einem Polizeibeamten.

  • 11/20/2021, 06:59 PM

    Unsere Reporter berichten, dass nun "das hier" gemacht wird:

  • 11/20/2021, 06:57 PM

    Wütendes Plakat aus Tirol

    "Wir sind nicht gegen die Impfung, sondern gegen einen Zwang", brüllt ein Redner bei einer Zwischenkundgebung am Stephansplatz. Danach soll es zum Abschluss zum Ballhausplatz gehen.

    Auf einem Plakat steht: "Ungeimpft - Steckt euch eure Impfung in den Arsch"

  • 11/20/2021, 06:45 PM

    Unentschlossene, Zögerer und Zauderer

    Derzeit sind 300 bis 400 Menschen vor dem Hotel Sacher und dem Albertina Museum. Sie wissen offensichtlich nicht, wohin sie wollen.

  • 11/20/2021, 06:43 PM

    Unangemeldetes Feuerwerk

    Jetzt gibt es auch noch ein unangemeldetes Feuerwerk. Aber ist es so harmlos, wie es scheint? Wer hat es organisiert?

    Heute gab es bereits Gerüchte, dass die WEGA mit Impfgewehren unterwegs sei, körperlich unversehrte Demo-Teilnehmer durch Kanaldeckel in die Waden geimpft werden, Hubschrauber Pfizer-Impfwolken versprühen und die Stadt Wien Ungeimpfte mit Wasserwerfern voller Impfstoff niedermäht.

  • 11/20/2021, 06:37 PM

    Gar 200.000? Naja...

    Sprechchöre und Fackeln am Ballhausplatz, es ist weitestgehend friedlich. Derweil werden bei der Abschlussrede immer unrealistischere Teilnehmerzahlen genannt: "Heute waren 150.000 bis 200.000 in Wien auf der Straße."

  • 11/20/2021, 06:20 PM

    Der Aufstand

    Am Ballhausplatz wird der "Volksaufstand" ausgerufen.

  • 11/20/2021, 06:19 PM

    "Vollhonks"

    "Lieber G-Punkt als G-Regel", steht auf einem Plakat.

    Wie auch immer: Der Demozug ist deutlich kleiner und ruhiger im Bereich des Naschmarktes. An der Spitze gehen zwei Männer mit der österreichischen Fahne, sonst sind ungewöhnlich viele junge Frauen dabei. Einer schreit vom Fenster aus: "Vollhonks". Er wird ausgelacht.

  • 11/20/2021, 06:00 PM

    Auseinandersetzungen beim Burgtor

    Ein Video auf Twitter zeigt, wie Demonstranten beim Burgtor Gegenstände - darunter auch Bengalos - auf Polizisten werfen. Ein ruhiger Abend kündigt sich eher nicht an.

  • 11/20/2021, 05:48 PM

    Innenminister meldet sich zu Wort

    Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) dankt den Polizisten, die heute im Dienst waren bzw. noch immer sind und richtet kritische Worte an die FPÖ: "Wenn im Zuge einer Versammlung – die von einer im Parlament vertretenen Partei organisiert und beworben wird – Polizisten angegriffen und strafbare Handlungen nach dem Verbotsgesetz gesetzt werden, ist das völlig inakzeptabel. Mit der Verwendung von gelben Sternen mit der Aufschrift „Ungeimpft“ versuchen Aktivisten, sich als Opfer von Verfolgung zu inszenieren und sich damit mit den Opfern des NS-Regimes gleichzusetzen. Das ist nicht nur völlig geschmacklos, sondern verharmlost die Verbrechen der Nationalsozialisten und beleidigt die Millionen Opfer der NS-Diktatur und deren Angehörige."

     

  • 11/20/2021, 05:36 PM

    Rettung mit Knallkörper beworfen

    KURIER-Reporter Antonio Šećerović berichtet: Rettungswagen sind über die Schienen gefahren, Demonstranten haben Knallkörper in ihre Richtung geworfen.

  • 11/20/2021, 05:35 PM

    Polizei setzt Pfefferspray ein

    Im Bereich des Burgtors wurde die Polizei unter anderem mit Pyrotechnik beworfen. Die Beamten setzten Pfefferspray ein.

  • 11/20/2021, 05:34 PM

    Sogar 40.000

    Polizei korrigiert nach oben: 40.000 Teilnehmer.
  • 11/20/2021, 05:28 PM

    38.000 Teilnehmer, mehrere Festnahmen und Anzeigen

    Die FPÖ hatte heute eine rechte Freude, wir ziehen einmal Demo-Zwischenbilanz: Laut Polizei gab es 38.000 Teilnehmer, laut FPÖ über 100.000. Bis zum Nachmittag wurden mindestens zehn Menschen festgenommen. Außerdem gab es mindestens zehn Anzeigen nach dem Verbotsgesetz. So trugen mehrere Aktivisten an den Judenstern angelehnte gelbe Sterne mit der Aufschrift "ungeimpft", auch wurden Plakate mit dem Wortlaut "So begann es 1938" oder "Schallenberg = Mengele" hochgehalten. Die Demonstration verlief bisher größtenteils friedlich. Abgesehen davon, dass Polizisten mit Gegenständen beworfen wurden und ein verunsicherter Bürger versucht haben dürfte, einem Beamten die Schusswaffe aus dem Sicherheitsholster zu entreißen.

  • 11/20/2021, 05:21 PM

    Achtung, Stau

    Es kommt zu größerem Auto-Stau vor dem Westbahnhof. Der Demozug ist jetzt auf dem Gürtel, bewegt sich in Richtung Gumpendorfer Straße. Abseits davon: Derzeit nichts Neues im impfscheuen Westen.

  • 11/20/2021, 05:15 PM

    Ein flüchtiger Eindruck von der Mariahilferstraße.

  • 11/20/2021, 05:00 PM

    Bemitleidenswerte Mitarbeiter und mutige Passanten

    Mitarbeiter der zahlreichen Geschäfte schauen in ihrer letzten Arbeitsstunde vor dem fünften Lockdown auf Männer mit angezündeten Fackeln. Aus dem Lautsprecher kommen Polizeisirenen, gebrüllt werden die gleichen Parolen wie seit März 2020.

    Im Übrigen gibt es auch mutige Passanten, die den Demonstranten den Mittelfinger zeigen.

  • 11/20/2021, 04:52 PM

    Demonstranten bewerfen Polizisten

    Eskalation, Höhe Babenbergerstraße: Polizisten werden mit diversen Gegenständen beworfen

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