Pre winter sports season in Ischgl

© EPA / CHRISTIAN BRUNA

Chronik Österreich
03/07/2021

Das Kapitel Ischgl ist noch lange nicht geschlossen

Am 7. März 2020 gab es den ersten positiven Test: Der Name des Skidorfs gilt heute als Synonym für unkontrollierte Ausbrüche.

von Christian Willim

Am Mittwoch hat Ischgl endgültig die Segel gestrichen. Und angekündigt: Der Skibetrieb startet in diesem Winter nicht mehr. Eine ganze Saison ohne Lifttag und Touristen, das gab es noch nie, seitdem die Hänge hinter dem einstigen Bergbauerndorf ab 1961 seilbahntechnisch erschlossen wurden.

Zum wirtschaftlichen Totalausfall kommt der Imageschaden. Tausende Touristen kamen im vergangenen Winter aus dem Ort im Tiroler Paznauntal mit einer Infektion nach Hause. Ischgl wurde zum Synonym für unkontrollierte Ausbrüche.

Die erste Infektion im Ort selbst wurde genau vor einem Jahr, Samstagnacht, am 7. März, bekannt. Ein Kellner der Après-Ski-Bar "Kitzloch" wurde positiv auf Corona getestet. Am Montag darauf war klar, dass das komplette Serviceteam infiziert ist. Und damit stand fest, dass Ischgl ein Problem hat.

Erste Hinweise darauf kamen bereits am 5. März aus Island, wo Ischgl-Rückkehrer positiv auf Covid-19 getestet wurden. Das Land Tirol informierte zwar über den Fall, mutmaßte allerdings über eine Ansteckung im Flugzeug. Und schloss daraus in einer Aussendung, dass es "wenig wahrscheinlich" sei, dass es in Tirol Ansteckungen gab. Der Name von Ischgl blieb da noch außen vor.

Fehleinschätzung

Die gravierendste öffentlich verbreitete Fehleinschätzung jedoch war, dass eine Übertragung des Coronavirus auf Kitzloch-Gäste "aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich" sei. Diese "unrichtigen" Informationen seien von Tourismusbetrieben und Gästen ernst genommen worden, urteilte die Ischgl-Kommission unter Leitung von Ronald Roher im vergangenen Herbst.

5. März 2020
Das Land Tirol informiert, dass 14 Isländer in ihrer Heimat nach einem Urlaub im Tiroler Oberland positiv auf Corona getestet wurden. Ischgl wird nicht erwähnt. Die verlautbarte Annahme, dass die Ansteckung im Flugzeug passiert ist, ist falsch

7. März
Der erste Fall direkt in Ischgl wird bekannt. Ein 36-jähriger Mitarbeiter der Après-Ski-Bar "Kitzloch" ist mit Covid-19 infiziert. Eine Übertragung des Virus auf Gäste des Lokals wird von der Landessanitätsdirektion tags darauf als "eher unwahrscheinlich" eingestuft. Das Gegenteil ist der Fall

9. März
16 weitere Fälle – ausgehend vom Kitzloch – werden entdeckt. Immer mehr Fälle von infizierten Ischgl-Heimkehrern werden bekannt. Der Ort wird zu einem der größten Corona-Brandherde Europas

13. März
Ischgl und das gesamte Paznauntal sowie das nahe St. Anton werden unter Quarantäne gestellt. Die Polizeikontrollen sind aber noch nicht eingerichtet. Tausende Urlauber fliehen aus der Region

Er ortete ."Fehleinschätzungen von allen Seiten". Massive Kritik übte Rohrer an Bundeskanzler Sebastian Kurz, der am 13. März, "überraschend, ohne unmittelbare Zuständigkeit und ohne substanzielle Vorbereitung" eine Quarantäne über das Paznauntal und St. Anton am Arlberg ankündigte. Tausende Skigäste flohen unkontrolliert aus der Region.

Rechtlich ist die Causa noch nicht aufgearbeitet. Da stehen einerseits Klagen von Geschädigten ins Haus (siehe rechts). Die Staatsanwaltschaft Innsbruck ermittelt zudem nach wie vor gegen Ischgls Bürgermeister Werner Kurz, Landecks Bezirkshauptmann Markus Maaß und zwei seiner Mitarbeiter. Der Verdacht: Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten.

Was wurde aus den Protagonisten?

Der Landeshauptmann: Günther Platter ist in seiner Funktion der oberste Krisenmanager. Lange verwies er zu den Folgen von Ischgl darauf, dass es eben leichter sei, das Buch von hinten zu lesen. "Es tut mir leid, sehr leid", erklärt er schließlich im Herbst auf die Frage einer deutschen Journalistin, warum es ihm so schwerfalle, das Wort Entschuldigung in den Mund zu nehmen. Dass durchaus Fehler passiert seien, räumt er ein. Politisch brachte Ischgl Platter nicht in Bedrängnis. Die Auswirkungen auf das Image des Tourismuslandes könnten das jedoch.

Der Gesundheitslandesrat: Mit der Devise "Die Behörden haben alles richtig gemacht" hat Bernhard Tilg (ÖVP) in einem ZiB2-Interview im März 2020 für Empörung gesorgt. Die Aussagen waren fatal für die Außenwirkung. Sie stehen sinnbildlich für den Ruf, den das Bundesland für sein Krisenmanagement genießt. Seinen Posten musste der Landesrat nicht räumen. Wie die Ischgl-Kommission aufzeigte, hatte Tilg die Kompetenzen zur Pandemiebekämpfung in der Krise unberechtigt an den Landesamtsdirektor ausgelagert und diesen mit Verantwortung "überfrachtet". 

Der Barbesitzer: Das "Kitzloch" von Bernhard Zangerl ist durch das Corona-Desaster in Ischgl weltberühmt geworden. Einer seiner Barkeeper war im März 2020 der erste positiv getestete Fall in Ischgl. Bei Zangerl und seinem gesamten Serviceteam wurde in der Folge ebenfalls eine Infektion festgestellt. Während die Verantwortlichen im Ort auf Tauchstation gingen, stellte er sich der Kritik. Er habe alle Behördenauflagen eingehalten, rechtfertigte sich der junge Wirt. Aufsperren konnte er seine Après-Ski-Bar seit der Sperre vor einem Jahr bislang nicht mehr.

Der Bürgermeister: Als Ischgl und das gesamte Paznauntal am 13. März unter Quarantäne gestellt wurde, sollte Werner Kurz das Sprachrohr für die Talschaft geben. Schon bald war der Bürgermeister von Ischgl aber nicht mehr erreichbar. Erst im April beantwortete er wieder Fragen und äußerte sein "Bedauern für jeden Einzelnen, der sich in Ischgl infiziert hat". Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn. Der Vorwurf: Er soll eine Verordnung der BH zur Schließung des Skigebiets verspätet ausgehängt haben. Laut Kurz in Absprache mit der Behörde.

Der Bezirkshauptmann: Markus Maaß steht der BH Landeck vor, die als Gesundheitsbehörde vor Ort für die Corona-Region Ischgl, Paznauntal und St. Anton am Arlberg verantwortlich ist. Die Staatsanwaltschaft Innsbruck soll auch gegen ihn und zwei seiner Mitarbeiter ermitteln. Die bestätigt nur, dass es um vier Beschuldigte – einer davon ist Ischgls Bürgermeister Werner Kurz – geht. Im Dezember wurde Maaß für weitere fünf Jahre als Bezirkshauptmann bestellt. "Ich freue mich, dass wir weiterhin auf seine Erfahrungen setzen können", meinte Platter dazu.

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