© Wilhelm Theuretsbacher

Bundesheer
03/06/2014

Rekruten trainieren mit Giftgas

Grundwehrdiener werden bei der tschechischen Armee mit Kampfstoffen ausgebildet

von Wilhelm Theuretsbacher

Österreichische Rekruten werden bei der tschechischen Armee mit todbringenden Kampfstoffen ausgebildet. Der Zweck ist es, den jungen Soldaten das Vertrauen in ihre Ausrüstung zu geben. Ein Vertrauen, das sie brauchen, sollten sie in der Heimat zu einem Terrorangriff gerufen werden.

Es ist weitgehend unbekannt, dass österreichische Rekruten Teile ihrer Ausbildung auch im Ausland absolvieren. Besonders gilt das für die ABC-Abwehrtruppe. Denn die tschechische Armee verfügt in Vyškov bei Brünn über eine ABC-Trainingsanlage (Atomare, biologische und chemische Kampfstoffe), in dem die todbringenden Chemikalien auch real eingesetzt werden können. In Österreich fehlen dafür die Voraussetzungen.

Nach drei Monaten Ausbildung in den Heimatgarnisonen machen die Rekruten der österreichischen ABC-Abwehrtruppe in Vyškov ihre Abschlussprüfung quasi im "scharfen Schuss" mit echten Kampfstoffen.

Der KURIER war vor Ort: 74 österreichische Soldaten, darunter 36 Grundwehrdiener, sind angetreten, um das Nervengift Sarin in der Anlage aufzuspüren. Jener Nervenkampfstoff, der derzeit im Bürgerkrieg in Syrien eine tragische Rolle spielt.

Major Dieter Rothbacher von der ABC-Abwehrschule in Korneuburg weiß, worum es geht. Er war Abteilungsleiter bei der weltweiten Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), die damit beauftragt ist, das syrische Chemiewaffenarsenal zu vernichten. Er hat auch die OPCW-Techniker ausgebildet. Jetzt hat er den Auftrag, die Rekruten gesund durch eine todbringende Sarin-Wolke zu bringen. Das soll ihr Selbstbewusstsein stärken.

Kernstück der Anlage ist die "Area Charly". Dort steht ein alter Panzer, ein paar entschärfte Bomben liegen herum. Dort lauert aber der Tod in Form jener Kampfstoffe, die von den Rekruten nun aufzuspüren sind.

Freiwillige

Niemand darf jetzt einen Fehler machen. Das wissen auch der 20-jährige Rene Luger und der 21-jährige Bayram Bayraktar, 21. Beide gehören zur ABC-Abwehrkompanie in Absam, Tirol. Sie haben sich freiwillig gemeldet. Bayraktar erklärt das Motiv: "Ich bin bei einer Freiwilligen Feuerwehr – wie fast alle hier. Die militärischen Kurse werden bei der Feuerwehr angerechnet. Zum Beispiel auch das Strahlenschutzabzeichen – das bekommen nur die Wenigsten." Luger, ebenfalls Feuerwehrmann, ergänzt: "Mir taugt es. Es gibt eine enge Zusammenarbeit zwischen uns und der Feuerwehrschule in Telfs."

Ja, aber da drinnen lauert der Tod. Ist es das wert? Die Stimmung unter den Rekruten ist etwas angespannt. Luger: "Natürlich hat man Respekt. Die Wirkung dieser Gifte haben wir erst in der Ausbildung erfahren." Aber wirklich Angst haben sie nicht. Wenn man einen Fehler macht, könne auch eine Gebirgsausbildung tödlich enden – obwohl es nur eine Übung war. Und den Fehler werden sie nicht machen. Davon sind die jungen Rekruten überzeugt. Sie haben drei Monate lang das Anlegen der Schutzanzüge trainiert. Die Ausrüstung ist hochmodern. Durch den Überdruck im Anzug kann selbst dann kein Gift eindringen, wenn ein Leck entsteht.

Dann heult eine Sirene, und es geht hinein – vorbei an einem Schild mit Totenkopf. Eine halbe Stunde später taucht eine unversehrte und vor allem jetzt höchst motivierte und selbstbewusste Truppe wieder auf.

Einsatzorganisation

Sie haben die Giftquellen entdeckt und neutralisiert. "Jetzt sind wir einsatzfähig, jetzt gehören wir dazu", strahlt Luger. Jene Rekruten, von denen manche behaupten, ihre Ausbildung wäre sinnlos, gehören in den kommenden drei Monaten zur Einsatzorganisation. Nämlich zu jener präsenten ABC-Abwehreinheit des Bundesheeres, die bereit steht für den Einsatz gegen Terroranschläge. Sollte es auch hierzulande nach dem Muster von Tokio zu einem Giftgasangriff auf die U-Bahn kommen, dann muss Luger mit seinen Kameraden hinein. Sie müssen die Giftquelle neutralisieren und Verletzte bergen. Und nach dem Abrüsten nehmen sie ihr Wissen mit zu ihren Feuerwehren. Dort ist man froh darüber. Denn im Ernstfall sind die Feuerwehren meistens lange vor dem Bundesheer am Einsatzort.

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