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Geophysiker: „Das wird die stärkste Hitzewelle, die wir je hatten“

395 hitzeassoziierte Todesfälle alleine im Juni. Und die aktuelle Hitzewelle soll diese noch übertreffen, hat ein Physiker errechnet.
++ THEMENBILD ++ HITZE: KLIMAWANDEL VERSCHÄRFT AKTUELLE HITZEWELLE

Das ist bislang noch gar nicht vorgekommen: die AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) veröffentlicht eine Zwischenauswertung zu den Hitzetoten in Österreich. Das ist – mitten in der größten Hitzewelle der Geschichte des Landes (mehr dazu später) – aufgrund der massiven Junihitzewelle erfolgt.

Und die Zahlen sind tatsächlich dramatisch – und noch höher als etwa von der Umweltorganisation Greenpeace zuvor geschätzt. Denn laut AGES wird die „hitzeassoziierte Sterblichkeit“ – so der Fachbegriff – für den Juni 2026 auf 395 Opfer geschätzt. „Das ist mit Abstand der höchste Wert in einem Juni in den vergleichbaren Auswertungen seit 2017“, hielt das Gesundheitsministerium am Samstag fest.

Zweifelhafter „Rekord“

Damit wird der bisherige Negativrekord in einem Juni, der 2019 mit einer Schätzung von 335 hitzeassoziierten Todesfällen verzeichnet wurde, noch einmal um rund 20 Prozent übertroffen. Dass die Hitze eine große Belastung darstellt, zeigen auch die Einsatzzahlen der Wiener Berufsrettung. „Wir haben derzeit pro Tag um zumindest zehn Prozent mehr Einsätze als an nicht so heißen Tagen“, bestätigte ein Sprecher auf KURIER-Anfrage.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass in Zeiten extremer Hitzephasen die Todesfälle um 10 bis 30 Prozent ansteigen, hat Quantenphysiker und Wissenschaftskommunikator Florian Aigner zuletzt betont und dabei auch auf die große Hitzewelle in Frankreich im Jahr 2003 verwiesen, die als eine der bislang extremsten Heißphasen des Kontinents gilt. In diesem Jahr sind 55 bis 60 Prozent mehr Personen gestorben als gewöhnlich.

Und der Wissenschafter räumt auch mit dem Gegenargument auf, dass es sich dabei um Personen gehandelt habe, die „sowieso bald gestorben“ wären. Denn Hitzetote seien zwar nicht eindeutig zu beziffern, aber real: „Die wissenschaftliche Beweislage dafür ist unstrittig.“ 

Jede Menge „Rekorde“

In der Junihitzewelle, die zu den geschätzten 395 zusätzlichen Toten geführt hat, wurde eine ganze Menge an „Rekorden“ übertroffen. Nach den Daten der Geosphere Austria wurde an rund der Hälfte aller Wetterstationen zumindest einmal die Marke von 35 Grad erreicht oder überschritten. An 46 Wetterstationen wurden Tageshöchstwerte von mindestens 38 Grad gemessen, an 15 Wetterstationen sogar 39 Grad oder mehr.

In Wien gab es am 28. Juni mit 40,0 Grad einen neuen Hitzerekord für die Bundeshauptstadt, in Bad Deutsch-Altenburg am Tag darauf mit 40,1 Grad einen neuen österreichweiten Spitzenwert für einen Juni-Tag.

Und die aktuelle Hitzewelle legt wohl noch einmal nach. Am Freitag wurde der Österreichrekord für die höchste jemals in einem Juli registrierte Temperatur gebrochen: In Wieselburg (NÖ) wurden 40,3 Grad gemessen und der 43 Jahre alte Juli-Rekord gebrochen – am 27. Juli 1983 wurden in Dellach im Drautal (Kärnten) 39,7 Grad registriert. Auch in Oberösterreich und Wien wurden neue Juli-Rekordwerte gemessen.

„Stärkste Hitzewelle bisher“

Und die Fahnenstange ist in der aktuellen Hitzewelle wohl noch nicht erreicht. Ohne den menschengemachten Klimawandel wäre sie zudem nicht so heftig ausgefallen. Das ist das Ergebnis der Messungen und Forschungen von Gottfried Kirchengast, Geophysikprofessor am Wegener Center for Climate und Global Change an der Uni Graz.

Kirchengast hat die Hitzewelle vom Juni in sogenannten „Arealgradtagen“ vermessen. Dabei handelt es sich um eine Kennzahl, die zeigt, wie lange und wie erheblich die Temperaturschwelle von 30 Grad flächendeckend (bis 1.500 Meter Seehöhe) überschritten wurde. Die Juni-Hitze brachte es etwa 16.700 Arealgradtage. Ohne den Faktor, den der Mensch dazu beigetragen hat, wären es lediglich 2.700 Arealgradtage gewesen.

Neue „Rekorde“ möglich

Die schlechte Nachricht: Die aktuelle Hitzewelle wird noch extremer. Laut seinen aktuellen Berechnungen geht Kirchengast davon aus, dass die Hitzewelle 22.700 bis 25.000 Arealgradtage erreichen wird. Im Vergleich dazu: Die bislang stärkste Hitzewelle im Juli und August 2013 dauerte 24 Tage und erreichte laut Kirchengast 22.100 Arealgradtage. Er sagt: „Die laufende Hitzewelle wird in ihrer Gesamtextremität voraussichtlich die stärkste jemals in Österreich registrierte Hitzewelle.“ Vor 1980 haben es Hitzewellen nie auf mehr als 8.000 Arealgradtage gebracht.

Und der Wissenschafter hat eine grobe Schätzung der sozioökonomischen Schäden angestellt, die er „zu rund 80 Prozent als durch die menschengemachten Emissionen verursacht“ einordnet: Er rechnet mit 1,4 Milliarden Euro Schaden.

Aber zurück in die aktuelle Hitzewelle: Auch der Samstag war heiß mit 38,2 Grad in Eisenstadt und Bad Deutsch-Altenburg. Mit Ausnahme von Bregenz wurde in jeder Landeshauptstadt ein Hitzetag mit mehr als 30 Grad verzeichnet. Am Nachmittag traten teils heftige Wärmegewitter auf. Die Vorschau verheißt nichts Gutes: Wettermodelle zeigen nach einem leichten Rückgang am Sonntag Temperaturen von über 40 Grad ab Montag, es wird damit gerechnet, dass im Osten der Temperaturrekord von 40,5 Grad (Bad Deutsch-Altenburg 2013) fallen könnte.

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