Hitze, Hitzetote, Klimaschutz: Was Wien jetzt tun muss
Das Thermometer kratzt an der 40-Grad-Marke. In den Freibädern wird jeder Schattenplatz zur Mangelware und Wiesen verfärben sich gelb-braun. Gleichzeitig steigt die Zahl der hitze-assoziierten Todesfälle. Trotzdem verschwindet die Debatte über den Klimawandel oft genauso schnell wieder, wie die Temperaturen sinken. Klimaforscher Marc Olefs spricht über politische Fehlentscheidungen, Wiens Rolle im Kampf gegen die Klimakrise und warum er trotz allem optimistisch in die Zukunft blickt.
Nach jeder Hitzewelle ist der Klimawandel plötzlich wieder Thema. Vergessen wir ihn zu schnell?
Marc Olefs: Während extremer Wetterereignisse wie einer Hitzewelle oder Starkregen rückt der menschengemachte Klimawandel wieder stärker ins Bewusstsein der Menschen. Erfahrungsgemäß nimmt diese Aufmerksamkeit aber schnell wieder ab, sobald die unmittelbare Betroffenheit vorbei ist.
Klimaforscher Marc Olefs von Geo Sphere Austria
Sagen sie Klimawandel, Klimakrise oder Klimakatastrophe?
Ich sage menschengemachter Klimawandel. Ich verwende es am liebsten in dieser Kombination, weil so Problem sowie Verursacher klar benannt werden.
Ist dieser Sommer eine Ausnahme – oder schon die neue Normalität?
Diese extreme Trockenheit wird es nicht jedes Jahr geben – da handelt es sich um ein Zusammenspiel von Niederschlagsarmut und steigender Verdunstung. Durch den Klimawandel wird die Verdunstung natürlich mehr. Daher steigt die Wahrscheinlichkeit solcher Trockenperioden, und natürlich die Temperaturen.
Wie ist Wien beim Klimaschutz aus Ihrer Sicht aufgestellt?
Wien ist besser aufgestellt als viele andere Regionen. Mit dem Klimagesetz und dem Klimafahrplan wurden wichtige Grundlagen geschaffen. Außerdem investiert die Stadt in die Wasserversorgung und baut Speicherkapazitäten aus, um besser auf Trockenperioden vorbereitet zu sein. Dieser langfristige Ansatz kann auch für andere Regionen ein Vorbild sein.
Der öffentliche Raum wird immer wertvoller. Deshalb müssen wir ihn klug nutzen, um Emissionen zu senken und die Stadt gleichzeitig an diese Extremwetter-Zustände anzupassen. Schulen stehen etwa den ganzen Sommer leer und könnten in dieser Zeit als Cooling-Stätten genutzt werden. Gerade für ältere und gesundheitlich vorbelastete Menschen ist Hitze eine enorme Belastung.
Klimaforscher bei Geo Sphere
Dabei spielen Sie vermutlich auch auf die hitze-assoziierten Todesfälle an. Wer trägt dafür die Verantwortung?
Ja, leider. Die Verantwortung trägt ganz klar die Politik – auf allen Ebenen. Zur Eindämmung braucht es internationale sowie nationale wirksame klimapolitische Maßnahmen. Wir brauchen bessere Hitzeschutzpläne, gezieltere Warnsysteme und mehr bauliche Maßnahmen gegen die Hitze. Ein gutes Beispiel ist Frankreich: Dort gibt es ein freiwilliges Register, in das sich besonders gefährdete Menschen eintragen können. Bei Hitzewellen werden sie regelmäßig und gezielt kontaktiert. Solche Modelle sollten wir uns anschauen.
Wo hat die Politik Ihrer Meinung nach die größten Fehler gemacht?
Mich hat geärgert, dass die verpflichtende Dekarbonisierung im Gebäudebestand nicht gekommen ist. Vereinfacht gesagt: Es gibt keine Verpflichtung, alte Öl- und Gasheizungen in bestehenden Gebäuden schrittweise durch klimafreundliche Alternativen zu ersetzen. Beim Neubau passiert bereits viel – die größte Herausforderung sind die bestehenden Gebäude.
Gab es auf der anderen Seite eine politische Entscheidung, über die Sie sich besonders gefreut haben?
Ja, die Einführung der ökosozialen Steuerreform. Sie sorgt dafür, dass klimaschädliche-Emissionen entsprechend ihrer tatsächlichen Schäden bepreist werden. Ohne eine solche Regelung würden die Folgekosten des Klimawandels von der Allgemeinheit getragen. Gleichzeitig werden klimafreundliche Entscheidungen attraktiver. Viele Menschen bekamen über den Klimabonus einen Teil der zusätzlichen Kosten zurück. Leider wurde dieser wieder abgeschafft. Aus Sicht der Klimaökonomie war das die wichtigste nationale Klimaschutzmaßnahme der vergangenen Jahre.
Die Klimakleber haben Österreich gespalten. Wie blicken Sie heute auf diese Proteste?
Ob diese Form des Protests legitim ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Aus physikalischer Sicht kann ich aber sagen: Die Angst, die hinter diesen Protesten steckt, ist völlig berechtigt.
Hat diese Form des Protests dem Klimaschutz am Ende geholfen oder eher geschadet?
Studien können das bisher nicht eindeutig beantworten. Friedliche Protestformen gehören für mich zu einer demokratischen Gesellschaft. Sobald allerdings Menschen oder Sachen zu Schaden kommen, ziehe ich eine Grenze. Das Bewerfen des Van-Gogh-Gemäldes mit Suppe war aus meiner Sicht keine sinnvolle Aktion, weil am Ende mehr über die Protestform als über den Klimawandel diskutiert wurde. Die Angst, die diese Menschen antreibt, halte ich dennoch für völlig berechtigt.
Lässt sich Klimaschutz überhaupt noch vermitteln, ohne zu provozieren?
Gute Frage. Da bin ich mir gar nicht so sicher. Friedliche Demonstrationen und andere demokratische Protestformen sind wichtig, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Sie haben sicher dazu beigetragen, das Bewusstsein für den Klimawandel zu stärken.
Historisch haben auch disruptive Protestformen wesentlich dazu beigetragen, Grundrechte wie die Überwindung der Rassentrennung oder das Frauenwahlrecht durchzusetzen. Ob vergleichbare Aktionen dem Klimaschutz heute tatsächlich helfen, lässt sich wissenschaftlich bisher allerdings nicht eindeutig beantworten.
Klimaforscher bei Geo Sphere
Erlauben Sie sich manchmal ein schlechtes Umweltgewissen?
Auch als Klimaforscher ist man nur ein Mensch. Gerade weil ich Kinder habe, beschäftigt mich ihre Zukunft sehr. Trotzdem müssen auch wir mit den Rahmenbedingungen leben, die es derzeit gibt. Wichtig ist, ein gutes Vorbild zu sein. Deswegen verreisen wir auch ab und zu. Reisen sind für meine Kinder Bildung und ich möchte, dass sie die Welt kennenlernen. Natürlich mache ich mir als Klimaforscher darüber mehr Gedanken als andere, aber ich bin eben auch Vater und das Klima kann nicht immer an erster Stelle stehen.
Welche Rolle spielen Eltern dabei, ihren Kindern einen bewussten Umgang mit dem Klima mitzugeben?
Eine ganz Entscheidende. Was wir unseren Kindern heute über Nachhaltigkeit, Wasser oder Mülltrennung mitgeben, prägt, wie sie später mit dem Klimawandel umgehen. Dieses Bewusstsein im Alltag zu schaffen, ist enorm wichtig.
Was würden Sie jemandem sagen, der glaubt : „Ich allein kann ohnehin nichts ändern“?
Jeder kann etwas beitragen. Jeder kann im Alltag seinen Beitrag leisten. Genauso wichtig ist aber, politische Entscheidungen mitzugestalten. Deshalb muss jeder und jede sein Wahlrecht ernst nehmen. Nur wenn beides zusammenkommt, also persönliches und politische Handeln, wird es gelingen, den Klimawandel wirksam zu bekämpfen.
Blicken Sie optimistisch auf Wien im Jahr 2050?
Ja, ich bin optimistisch. Es passiert schon viel, und Hoffnung macht mir vor allem, dass erneuerbare Energien inzwischen oft günstiger sind als fossile. Entscheidend ist, ob die Energiewende schnell genug gelingt.
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