Föhrenwald-Brände: Munition wird zum Pulverfass für Behörden
Er gilt als das große Sorgenkind der Einsatzkräfte in Niederösterreich. Seit Jahrzehnten gilt der 4.000 Hektar große Föhrenwald zwischen Wiener Neustadt und Neunkirchen als Hotspot, was Waldbrände anbelangt. Denn im Erdboden schlummern immer noch Tonnen brandgefährlicher Munitionsreste aus dem Zweiten Weltkrieg. Beide Großbrände im August - insgesamt wurden dabei mehr als 160 Hektar Wald vernichtet - wurden durch freigesetzten Phosphor aus Munitionsteilen einer gesprengten Fabrik verursacht.
Waldboden gilt als Pulverfass
Während die Einsatzkräfte, die sich bei jedem Feuer im Föhrenwald wie auf einem Pulverfass bewegen, schieben Behörden seit fast 30 Jahren das Thema Munitionsräumung wie eine heiße Kartoffel von einer Stelle zur anderen. „Damit muss nun endlich Schluss sein. Es braucht eine Lösung, denn die Brände werden mehr und daher auch die Gefahr für die Einsatzkräfte“, erklärt der Neunkirchner Landtagsabgeordnete Hermann Hauer (ÖVP).
Der Föhrenwald nach den beiden Großbränden.
Krisengipfel im Herbst
Als politisch Verantwortlicher für die Region will er im September einen Gesprächsgipfel mit allen Beteiligten - Gemeinden, Bezirkshauptmannschaften, Feuerwehr, Landesregierung und Verteidigungsministerium - initiieren. „Das Thema kann nicht weiter aufgeschoben werden. Wir müssen Maßnahmen anstoßen, um das Risiko im Föhrenwald zu minimieren“, so Hauer.
ÖVP-LAbg. Hermann Hauer drängt auf einen Krisengipfel in Sachen Munitionsräumung.
In dem betroffenen Gebiet im Föhrenwald befindet sich die stillgelegte frühere „Pulverfabrik Föhrenwald“ im Gemeindegebiet von Saubersdorf (Bezirk Neunkirchen). Sie war 1890 von der Nobel Dynamit AG zur Produktion von Granaten gegründet worden. Um 1914 waren dort bis zu 100 Arbeiter im Schichtdienst beschäftigt, nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Betrieb eingestellt.
Im Zweiten Weltkrieg dürfte dort wieder Munition hergestellt worden sein, nach Kriegsende stand die Fabrik unter sowjetischer Kontrolle. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Fabrik gesprengt, dabei wurde nach Polizeiangaben phosphorhaltige Munition im Gelände verteilt. Diese dürfte sich aufgrund jahrelanger Witterungseinflüsse zersetzt haben. Tritt der freigelegte Phosphor mit Luftsauerstoff in Kontakt, kommt es zu einer chemischen Reaktion und zur Selbstentzündung, wurde zur Brandursachenermittlung erläutert.Von der Fabrik selbst steht heute nur mehr das baufällige Verwaltungshaus. Das Objekt gilt als „Lost Place“ und darf nicht betreten werden.
Nach den beiden Großbränden in St. Egyden am Steinfeld (Bezirk Neunkirchen) stellt sich die Frage, wie sich künftig derartige Ereignisse verhindern lassen. Denn die Rückstände der alten Weltkriegsmunition gelten auch in Zukunft als hochgefährlicher Brandherd. Tritt der freigelegte Phosphor mit Sauerstoff in Kontakt, kommt es zu einer chemischen Reaktion und zur Selbstentzündung.
Anfang der 2000er-Jahre wurde erstmals darüber diskutiert, ob man das Areal räumen lassen kann. Seitens der Bezirkshauptmannschaft Neunkirchen wurde später im Jahr 2013 die Räumung des Geländes von Munition geprüft. „Die rechtlichen Bestimmungen ermöglichen es der Bezirkshauptmannschaft Neunkirchen allerdings nicht, hier Abhilfe zu schaffen. Zudem wäre bei einer Räumung gleichzeitig die Rodung des Waldes notwendig“, heißt es auf Anfrage des KURIER bei der BH.
Entminungsdienst kommt erst bei Funden
Für die flächendeckende Suche nach Kriegsrelikten und der alten Munition müssten die unzähligen Grundstückseigentümer selbst eine Firma für Kampfmittelerkundungen beauftragen und dafür die teuren Kosten tragen. „Die Kosten für die Arbeiten dieser privaten Unternehmen sind vom jeweiligen Auftraggeber zu tragen“, heißt es aus dem Verteidigungsministerium. Erst ab dem Zeitpunkt eines Fundes kommt der Bund ins Spiel. Der Entminungsdienst des Heeres ist erst nach einem Fund für die kostenlose Bergung und Entsorgung zuständig. Allein heuer hat der Entminungsdienst (EMD) des Heeres bei 624 Einsätzen bereits 12.803 Kilogramm Kriegsmaterial und Munition geborgen und vernichtet. Der regionale Schwerpunkt der Bergungen lag in Niederösterreich, wo die Experten im bisherigen Jahresverlauf zu 296 Einsätzen ausrückten.
Politik macht Druck
Hauer ist bewusst, dass die rechtlichen Voraussetzungen in der Causa alles andere als „ideal“ sind. „Aber es bringt nichts, den Ball ständig weiter zu spielen. Wir haben als politische Vertreter eine Verpflichtung“, so der Abgeordnete.
Grundsätzlich gibt es laut der Bürgermeisterin von St. Egyden, Christa Tisch (Liste „Gemeinsam für St. Egyden“) Überlegungen, die Munitionsteile in dem betroffenen Gebiet entfernen zu lassen, sagte sie gegenüber der APA. Bei dem Treffen im September sollen Details geklärt werden.
Großbrand im Föhrenwald im August 2026.
Waldfachpläne erstellt
Auch auf Drängen der Einsatzkräfte sind in den vergangenen Jahren konkrete Maßnahmen zur Vermeidung bzw. besseren Bekämpfung von Waldbränden umgesetzt worden. Die BH Neunkirchen fasst einige der Punkte zusammen: Demnach wurden Schritt für Schritt insgesamt vier Löschteiche im Bereich des Föhrenwaldes errichtet, zuletzt 2022, die im Brandfall die Wasserversorgung rasch sicherstellen.
„Spezialgeräte, wie ein mobiles Schlauchverlegesystem und Falttanks, wurden mit Unterstützung des Waldfonds angeschafft. Auch die Initiative für den Waldfachplan, der inzwischen in ganz Niederösterreich ausgerollt wird, ging im Jahr 2007 von den Föhrenwaldgemeinden des Steinfeldes und der Bezirkshauptmannschaft Neunkirchen aus“, heißt es bei der BH Neunkirchen. Der Waldfachplan ist eine umfassende Kartierung der örtlichen Gegebenheiten für Feuerwehren und Behörden, die im Einsatzfall wertvolle Zeit spart und ein rasches Vorgehen ermöglicht. Mehrmals im Jahr wird mit den Gemeinden und den Einsatzorganisationen die Infrastruktur vor Ort evaluiert und optimiert, die Wege freigeschnitten und Maßnahmen gesetzt, um im Brandfall gut abgestimmt und schnell handeln zu können. Zudem werden in trockenen Sommermonaten Brandsicherheitswachen durch die örtlichen Feuerwehren durchgeführt.
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