Unheimliche Grabraub-Serie: Plünderung wie im alten Ägypten

Seit zwei Jahren werden in NÖ, Wien und dem Burgenland Gräber aufgebrochen, Goldzähne und Schmuck der Toten gestohlen.
13 Grüfte geöffnet: Der Korneuburger Friedhof wurde zum Tatort.

Am Mittwochmorgen ist es bedächtig still am Korneuburger Friedhof. In den letzten Tagen war dies oft anders. „Es waren überall Polizisten unterwegs“, schildert eine Bewohnerin der Stadt, die vor Ostern das Grab ihrer Familie besucht.

Denn der Friedhof ist über Nacht zum Tatort geworden: Am Wochenende des 21. März wurde in insgesamt 13 Grüfte eingebrochen. Aufgebrochene Grabdeckel und Schleifspuren auf den Böden zeugen von den kriminellen Aktivitäten.

Ein Mitarbeiter der Stadtgemeinde Korneuburg entdeckte die Schäden an den Grabstellen, die von einem breiten Laubengang verdeckt werden, und alarmierte die Polizei. Diese sucht nun nach den derzeit unbekannten Tätern – und nach Spuren, die diese hinterlassen haben.

Auf Goldzähne abgesehen

Zwölf der betroffenen Grüfte wurden mit Einverständnis der Besitzerinnen und Besitzer im Beisein der Polizei in den vergangenen Tagen geöffnet. 40 Särge sind laut Polizeiangaben beschädigt worden. Auf der Suche nach Grabbeigaben wie Schmuck, Uhren und Wertgegenständen wurden die Särge durchsucht. Ein schauriges Detail: Aus den Gebissen der Toten dürften auch Goldzähne entnommen worden sein.

„Diese Pietätlosigkeit ist doch unbegreiflich“, schüttelt eine andere Besucherin den Kopf. Sie hat von den Vorfällen gelesen und fühlt mit den Familien, deren Grüfte beschädigt wurden. „Das hätte auch das Grab meines Mannes oder das meiner Mutter sein können“, ist ihr bewusst.

Ein Mann, der zum Hochzeitstag seiner verstorbenen Frau eine Blume auf deren Grab niederlegen will, macht keinen Hehl aus seiner Meinung. „Bei den Menschen, die so etwas machen, kann hier doch etwas nicht stimmen“, deutet er sich an die Stirn.

An mehreren Grabplatten wurden Schäden entdeckt.

An mehreren Grabplatten wurden Schäden gefunden.

Artefakte geraubt

Grabräuber gibt es seit Menschengedenken. Seit die Ägypter im 5. Jahrtausend vor Christus damit begannen, ihren Verstorbenen Beigaben in die Gräber zu legen, gab es Menschen, die sich daran bereicherten. Besonders das profitable Geschäft mit antiken Werkzeugen und Gegenständen hat dazu geführt, dass immer wieder historisch wichtige Stätten zerstört und ihrer Artefakte beraubt werden – mit dem niederen Motiv, finanziellen Profit daraus zu schlagen.

Dass so etwas im 21. Jahrhundert aber immer noch vorkommt, sorgt bei den Friedhofsbesuchern für ungläubiges Staunen.

Ermittelt wird wegen des Verdachts der Störung der Totenruhe und des Einbruchsdiebstahls. Wer Schmuck von einer Beisetzungs-, Aufbahrungs- oder Totengedenkstätte entfernt, ist mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 180 Tagessätzen zu bestrafen, heißt es im Strafgesetzbuch.

Geringe Strafandrohung

Ob es mit der geringen Strafandrohung für derartige Delikte zu tun hat, dass die Staatsanwaltschaften die Ermittlungen an den vielen Tatorten noch nicht zusammengeführt und gebündelt haben, bleibt derzeit unbeantwortet. Denn begonnen hat die unheimliche Serie bereits 2024 in Wien, gefolgt von Tatorten im vergangenen Sommer in Niederösterreich im Raum Tulln, Klosterneuburg sowie im burgenländischen Parndorf.

Mehrere Tätergruppen?

In allen Fällen ermittelten die örtlichen Polizeikräfte. Beim jüngsten Zwischenfall vor wenigen Tagen in Korneuburg rückte die Kriminaldienstgruppe des Bezirkes aus. „In vielen Fällen war anfänglich nicht klar, ob überhaupt etwas erbeutet wurde und falls ja, was. Daher wurden auch nicht die Landeskriminalämter mit der Sache betraut“, heißt es auf Anfrage des KURIER in Polizeikreisen.

Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen den einzelnen Friedhöfen bzw. Tatorten konnte bislang nicht hergestellt werden. Man gehe davon aus, dass mehrere Tätergruppen parallel in Ostösterreich aktiv sind. Die Vermutung liegt nahe, dass die Übeltäter aus dem östlichen Ausland stammen, so die Polizei.

Schwerstarbeit

Die Taten wurden allesamt im Schutz der Dunkelheit begangen. Sonst wäre das Vorgehen sicher nicht unentdeckt geblieben. „Mehrere hundert Kilogramm schwere Grabsteinplatten wurden zur Seite geschoben. Das schafft man nur mit mehreren Personen und dem entsprechenden Einsatz von Werkzeug und technischen Hilfsmitteln“, erklärt ein Kriminalist.

Den Tätern ist bisher zugutegekommen, dass die betroffenen Bereiche auf den Friedhöfen nicht bzw. nur bedingt videoüberwacht waren. Die Anhaltspunkte und Spurenlage wird insgesamt als „bescheiden“ beschrieben. Kurz gesagt: Aktuell tappt die Polizei im Dunkeln, wer die Kriminellen sind, die sich über „jede moralische Regel und Grenze hinwegsetzen“, so ein Kriminalist.

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