© Foschum Markus

Chronik Niederösterreich Sankt Pölten
12/24/2021

Mit Liebe und Kompetenz allen eine Chance geben

Der St. Pöltner Emmaus-Gründer Karl Rottenschlager widmet sein Leben Menschen vom Rande der Gesellschaft.

von Markus Foschum

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„Es gibt keine hoffnungslosen Fälle. Im Grunde strebt jeder danach, dass sein Leben gelingen kann“, sagt Karl Rottenschlager und fügt hinzu: „Schließlich braucht man eine Vision.“

Diese Vision, ans Gute im Menschen zu glauben, begleitet Karl „Charly“ Rottenschlager schon sein Leben lang. Jene am Rande der Gesellschaft haben ihn von Anfang an fasziniert, warum kann er nicht genau sagen. „Ich wollte nach dem Theologiestudium Entwicklungshelfer in Malawi werden, aber es stellte sich heraus, dass ich nicht tropentauglich bin. Also dachte ich mir, mein Afrika ist eben hier“, blickt der 75-Jährige zurück.

Dann wurde ein Sozialarbeiter für die Justizanstalt Stein gesucht, doch niemand fand sich. Für Rottenschlager das Signal: „Das ist für mich das Richtige. Es hat mich gereizt, mit diesen Ausgegrenzten etwas zu unternehmen.“

Die ersten Erfahrungen waren ernüchternd. „Da ist dem Buben vom Land (Anm.: geboren in Steyr) eine neue Welt aufgegangen. Es gab insgesamt 19 Sozialarbeiter für 9.000 Gefangene. Ein Häftling hat zu mir gesagt, der Häfen ist eine Schule des Hasses, es braucht aber eine Schule der Liebe. Die Rückfallquote lag bei 80 Prozent. Ich dachte, das darf doch nicht wahr sein.“

„Bitte nicht bei uns“

In NÖ existierte damals keine Einrichtung, die entlassene Häftlinge bei der Resozialisierung unterstützte. „Ich hatte die andere Seite gesehen, die meisten wurden sozusagen ins Nichts entlassen. Mir war klar, es braucht einen Platz, wo sie willkommen sind und Beschäftigung finden. Sonst ist der Rückfall vorprogrammiert“, sagt Rottenschlager.

Die ersten Versuche scheiterten am Widerstand der Bevölkerung. Man fand zwar die Idee super, aber „bitte nicht bei uns“. Im November 1979 gab es eine Zusage für zwei Sozialwohnungen und dann – passierte eine Tragödie. Ein psychisch kranker Rechtsbrecher ermordete während eines Haftausgangs drei Menschen. Vielleicht zeigte aber gerade dieser Vorfall, wie wichtig Betreuung ist: Zwei Monate später, im März 1980, wurde jedenfalls der Verein „Sprungbrett“ für Obdachlose und Haftentlassene gegründet. Wieder zwei Jahre später wurde Rottenschlager von der Caritas der Diözese für ein Obdachlosenprojekt freigestellt. Der neue Verein erhielt den Namen „Emmaus“.

„Unmögliches möglich“

Heute ist Emmaus eine Institution mit 160 Angestellten, doch anfangs „war alles keine g’mahde Wies’n. Es brauchte Verrückte, die da mitmachten und dank der Hilfe vieler wurde das Unmögliche möglich“, sagt Rottenschlager lachend.

Heute ist die Emmausgemeinschaft auf vier Wohnheime, drei Notschlafstellen, zwei Tageszentren für psychisch Kranke und vier Betriebe für leichteren Einstieg in den Berufsalltag angewachsen. Zudem gründete Rottenschlager einen Sozialmarkt. Befürchtungen, die Nachbarschaft zu ehemaligen Häftlingen und Suchtkranken könnte gefährlich werden, bewahrheiten sich nicht.

„Seit 1996 kann St. Pölten mit Recht behaupten, dass kein Obdachloser im Freien nächtigen muss. Der Polizeidirektor hat mir einmal gesagt, dass Emmaus viel dazu beigetragen hat, dass die Kriminalitätsrate in St. Pölten eine der niedrigsten in Österreich sei“, sagt Rottenschlager.

Rund 12.000 „Gäste“ waren im Laufe der Jahre bei Emmaus. „Es heißt Gast und nicht Kranker, Vorbestrafter oder Prostituierte, weil ein Gast ist willkommen“, betont Rottenschlager.

„Unser Ziel ist der liebes- und arbeitsfähige Menschen und wir bieten dafür Arbeit, Wohnung und Hoffnung. Liebe alleine reicht aber nicht, es braucht auch Kompetenz. Die Liebe als Grundhaltung, und Kompetenz heißt nichts anderes als professionelle Begleitung unserer Gäste. Die Leute brauchen eine faire Chance zu klaren Bedingungen. Das ist ein Angebot für Menschen, die kaum Regeln einhalten können. Die Spielregeln sind aber ganz wichtig. Viele schaffen es nicht sofort, es gibt auch welche, mit denen wir überfordert sind. Aber es gibt keinen Punkt, wo einer gar nicht mehr zu uns kommen darf“, so Rottenschlager.

Die meisten Gäste, die zu Emmaus kommen, seien voller Hass, auf sich selbst, auf die Mutter, auf andere. Was auch Thema in seinem aktuellen Buch „Hassen oder vergeben?“ ist. „Aussöhnung mit der eigenen Lebensgeschichte ist möglich und notwendig. Man muss die ausgestreckte Hand aber auch ergreifen. Zwei Drittel der 12.000 Gäste, die das Sozial- und Arbeitstraining in den Emmaus-Wohnheimen und -Betrieben sowie die therapeutischen Angebote genutzt haben, schafften einen echten Neubeginn.“

Nicht selten erfolgt diese Wandlung bei Menschen, wo man es kaum erwartet. „Wir haben viele junge Neonazis. Einer war besonders aggressiv, provokant. Dann, eines Tages, erschien er beim Frühstück und spendierte Semmeln für alle. Einige Zeit später haben wir sein Kind getauft. Jede Provokation ist ein Schrei nach Liebe.“

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