Karin Hammerl (2. v. li.)  bei der Spurensicherung – hier am Wiener Neustädter Domplatz

© Wammerl Patrick

Chronik Niederösterreich
12/27/2021

Paartherapie statt Leichengeruch am Tatort

Jahrelang pflasterten Mordopfer ihren beruflichen Weg. Die zutiefst menschliche Geschichte einer Kriminalistin, die ihren Job hinschmiss, um Ehepartner aus Krisen zu führen

von Patrick Wammerl

Karin Hammerl hat so viel Leid, Brutalität und seelische Abartigkeit gesehen und erlebt, dass es vermutlich für mehrere Leben reicht. Sie war wochenlang im Kellerverlies des Inzest-Vaters Josef Fritzl oder bei der Identifizierung von 71 Leichen im Schlepper-Lkw nach der Flüchtlingstragödie von Parndorf. Heute kann sie sich kaum erklären, wie man in einem Raum voller toter Menschen alle Emotionen ausblenden und sich nur auf seine Arbeit konzentrieren kann – nämlich wichtige Spuren zu sichern. Selbst als die Opfer der Gewaltverbrechen wenig später am Seziertisch des Gerichtsmediziners lagen, galt es, mit voller Aufmerksamkeit daneben zu stehen und nicht die Fassung zu verlieren. Erlebnisse, die ein Leben lang prägen, sagt die 46-jährige Niederösterreicherin.

25 Jahre Polizeiarbeit

In 25 Jahren Polizeiarbeit, zwölf Jahre davon als Tatort-Spezialistin bei der Spurensicherung des nö. Landeskriminalamts, war Karin Hammerl bei fast jedem schweren Verbrechen näher dran, als ihr heute lieb ist. Dennoch sind der Ermittlerin in ihrer aktiven Zeit fast nie Zweifel an ihrer Arbeit gekommen. „Man erlebt die hässlichsten Dinge, aber nicht allein, sondern in einem extrem starken Team. Das lässt einen im Job weiter funktionieren“, erklärt sie. Was vor allem geholfen hat, war jede Menge Galgenhumor. Wie könnte man das sonst ertragen, meint die einstige Kriminalistin.

Bruch

Irgendwann war es aber nicht mehr zu ertragen. Je intensiver sie sich abseits des Polizeiberufs mit Mentoring, alternativen Therapieformen, Bioresonanz und Humanenergetik auseinandersetzte und eine Ausbildung nach der anderen machte, desto tiefere Gräben brachen in ihrem Inneren auf. „Ich habe plötzlich jede Nacht von Leichen geträumt. Diese traumatischen Erlebnisse haben ganz tief in mir etwas angerichtet“, sagt Hammerl. Als sie mit einer Therapeutin die verschiedenen Traumata aufarbeitete, fasste sie vor zwei Jahren den Entschluss, den Polizeiberuf hinzuschmeißen.

„Kollegen wollten mich überreden, nicht zu kündigen. Niemand hat verstanden, dass ich einen so krisensicheren Job einfach hinwerfe. Aber ich konnte und wollte mit dieser ganzen negativen Energie, die der Job mit sich brachte, nicht mehr leben“, sagt die 46-Jährige.

Umgesattelt

Heute hilft sie anderen Menschen, besonders in schwierigen Lebenslagen. Hammerl hat die Dienstwaffe abgelegt und sich als Mentorin für Beziehungsthemen im Bezirk Wiener Neustadt in die Selbstständigkeit gewagt. Sie hilft unglücklichen Paaren mit eigenen Programmen, wieder Lust an ihrer Beziehung zu bekommen. „Die Scheidungsraten sind enorm. Fragt man die Paare, woran es gescheitert ist, hört man: Sie hätten sich auseinandergelebt, wir waren zu unterschiedlich, wir haben uns in andere Richtungen entwickelt“.

An dieser Stelle kommt Hammerl ins Spiel: „Ich zeige den Betroffenen, wie man wieder wertschätzend und auf Augenhöhe zueinanderfinden kann, damit da wieder diese geborgene, prickelnde Nähe als Paar entsteht. Damit Gedanken an Scheidung und Trennung endlich aus den Köpfen verschwinden“, erklärt die Mentorin.

Ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit beschäftige sich mit dem Kennenlernen des Unterbewusstseins, „weil dadurch Zusammenhänge erkannt werden, die das Verändern so einfach machen.“ Ein großes Beziehungsproblem sieht sie darin, dass viel starke, emanzipierte Frauen auch im Privatleben ihren „Mann stehen wollen“. „Das emotional distanzierte Verhalten wird oft in die Beziehung getragen. Genau dort wäre aber der weibliche Part so gefragt, um die nötige Balance von weiblicher und männlicher Energie herzustellen“.

Dies zeigt sie in ihren Programmen den Klienten. An einen Tatort will sie nie wieder zurückkehren. Infos: www.karinhammerl.com

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