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Chronik Niederösterreich
09/25/2021

NS-Vergangenheit holt den Kurort Semmering ein

Die Umbenennung einer Straße mit Nazi-Bezug wurde zu einem einjährigen Fiasko. Dabei deckte ein Autor auch noch die Beteiligung der Gemeinde an einer Arisierung auf.

von Patrick Wammerl

Straßen, die den Namen von Nazi-Schergen tragen. Landauf, landab sehen sich Gemeinden und Bürgermeister mit demselben Problem konfrontiert. Dass die Lösung desgleichen aber ein ganzes Jahr in Anspruch nimmt, hätte sich im Kurort Semmering wohl niemand träumen lassen. Nicht nur, dass bei der Namensgebung beinahe eine Person mit NS-Hintergrund durch eine andere mit brauner Vergangenheit ersetzt worden wäre, wurde auch noch ein dunkles Kapitel auf dem Hausberg der Wiener zu Tage gefördert. Nämlich dass die Gemeinde selbst vor 83 Jahren Nutznießer einer Arisierung war. Selbst für Bürgermeister Hermann Doppelreiter (ÖVP) eine überraschende und wenig erfreuliche Erkenntnis.

Schild verschwand

Die Angelegenheit der „Dr. Hermann Stühlinger Straße“ wird Doppelreiter und dem Gemeinderat wohl länger in Erinnerung bleiben, als den Kommunalpolitikern lieb ist. Im Herbst 2020 war der Buchautor Richard Weihs bei Recherchearbeiten zu seinem Buch „Am Semmering“ auf die NSDAP-Vergangenheit des Semmeringer Arztes und ehemaligen Betreibers des gleichnamigen Kurhauses Stühlinger gestoßen. Die Gemeinde ließ die Sache prüfen und das Straßenschild sofort verschwinden. Doch damit nahm das Fiasko erst seinen Lauf.

Mit der Semmeringer Skilegende Josef Wallner war rasch ein neuer Namensgeber aus dem Hut gezaubert. Doch kurz vor der Beschlussfassung im Gemeinderat musste die Notbremse gezogen werden, denn auch Wallner hatte NSDAP-Vergangenheit und war im Zuchthaus.

Jüdischer Arzt

Autor Richard Weihs mischte sich deshalb mit Rückhalt von Historikern in die Gemeindeangelegenheit ein. Wie er selbst meint, um der Ortsführung „eine weitere Blamage zu ersparen“. Auf Anraten der Historikerin Ingrid Oberndorfer, Spezialistin für die Geschichte der Juden in NÖ, wurde der jüdische Arzt Viktor Hecht als Namensgeber vorgeschlagen. Ein für seine Naturheilverfahren bekannter Alternativmediziner, der mehrere Sanatorien am Semmering führte und sofort nach dem Anschluss durch die Nazis enteignet wurde. Aus seinem Sanatorium wurde eine Anstalt für politische Schulung von Mitarbeitern der Nationalsozialistischen Bewegung. Für Weihs somit der perfekte Kandidat.

Doch die Gemeinde ließ sich bei der Entscheidung nicht von außen dreinreden – sehr zum Missfallen des Autors, der deshalb mit Doppelreiter auf Konfrontation ging und alle möglichen Stellen bis hin zu Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner anschrieb.

Akt des Gedenkens

Weihs glaubt einen Grund dafür zu kennen, „weshalb sich die Gemeinde so vehement dagegen sträubt, auch 76 Jahre nach Kriegsende einen Akt des Gedenkens zu setzen“. Historischen Aufzeichnungen zufolge habe der Kurort selbst von einer Arisierung profitiert. Die „Villa Annfried“ des jüdischen Industriellen Fritz Spiegler sei bei dessen Enteignung in den Besitz der Gemeinde übergegangen. Wie Doppelreiter erklärt, wusste er freilich nichts davon, „dass die Gemeinde Semmering eine Beteiligung an einer Arisierung hatte“.

Man habe eine neue Benennung der Straße aber „nicht nach einer jüdischen Person abgelehnt, sondern generell nach einer Person aus dieser Zeit“, erklärt der Ortschef. Ein neuer Name ist mittlerweile gefunden und wurde vergangene Woche im Gemeinderat beschlossen. Die Wahl fiel auf „Welterbeweg“ – in Anlehnung an das UNESCO-Weltkulturerbe Semmeringbahn. Das Kapitel ist für Doppelreiter damit abgeschlossen, „endlich“.

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