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Geschichten mit Geschichte
02/19/2020

Das Vorhangverbot des Burgtheaters

Georg Markus über eine Zeit, als Schauspieler keinen Applaus bekamen.

von Georg Markus

Am Burgtheater gab es lange Zeit die recht kuriose Bestimmung des „Vorhangverbots“: Während es die Schauspieler aller anderen Bühnen der Welt genießen konnten, am Ende der Vorstellung den möglichst lang anhaltenden Applaus des Publikums entgegen zu nehmen, mussten die Mimen des Burgtheaters darauf verzichten. Denn der Vorhang blieb, als das Stück vorbei war, geschlossen. Grund dafür war die Ehrfurcht, die die Wiener einst ihrem Kaiser entgegenbrachten: Sollten doch in Anwesenheit des jeweiligen Monarchen nicht andere Personen als dieser umjubelt werden. Doch das Vorhangverbot galt weit über die Kaiserzeit hinaus.

In den rund 200 Jahren des Verbots, sich zu verbeugen, gab es unter den Schauspielern zwei „Parteien“, die immer wieder lautstark aneinander gerieten. Die einen wollten das Verbot beibehalten, die anderen waren für seine Abschaffung.

Er hasste den Applaus

Der große Mime Werner Krauß etwa, der von sich behauptete, „den Applaus zu hassen“, trat sein Leben lang für das Vorhangverbot ein: „Es ist die größte Prostitution für einen Schauspieler“, schreibt er in seinen Memoiren, „wenn er zum Beispiel als toter König Lear aufstehen und sich verbeugen muss. Das finde ich schrecklich.“

Ganz anders die Meinung des nicht minder bedeutenden Schauspielers Raoul Aslan, der vor dem Theatertreffen dreier Bühnen prophezeite: „Nachher wird man sagen, das Berliner Staatstheater hat 35 Vorhänge gehabt, das Deutsche Theater hat 45 Vorhänge gehabt und das Burgtheater h ä t t e 55 Vorhänge gehabt.“

Was das Wort Tradition in Wien bedeutet, erkennt man auch daran, dass das Vorhangverbot nur an der „Burg“, nicht aber an deren Dependance, dem Akademietheater, galt. Dort mussten sich die Mimen – ob sie wollten oder nicht – verbeugen. Die einzige Ausnahmegenehmigung wurde Paul Hörbiger erteilt, der jeden Abend nach der Vorstellung in sein niederösterreichisches Domizil nach Wieselburg pendelte und der Theaterdirektion glaubhaft versichern konnte, dass er den um 23.45 Uhr vom Westbahnhof abfahrenden letzten Zug versäumen würde, so er gezwungen wäre, den Applaus entgegenzunehmen.

Burgtheaterdirektor Achim Benning ließ in den 1970er-Jahren im Ensemble abstimmen, ob das Vorhangverbot bleiben sollte oder nicht. Da es von der Mehrheit der Mimen abgewählt wurde, dürfen sich die Burgschauspieler seither vor dem Vorhang verbeugen. Werner Krauß muss sich im Grab umgedreht haben, war er doch der Meinung: „Das Ende des Vorhangverbots wäre der Untergang des Burgtheaters.“

 

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