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Chronik Burgenland
07/24/2022

Vom Gasthauskind zur gefragten Schneidermeisterin

Andrea Sifkovits übt einen mittlerweile seltenen Beruf aus: Sie ist Schneiderin. Als einziger burgenländischer Betrieb bildet sie noch Lehrlinge aus

von David Marousek

Angefangen hat alles in der – damals noch so benannten – Hauptschule. „Ich hatte eine super Handarbeitslehrerin, die mit mir alles gemacht hat“, erinnert sich Andrea Sifkovits, Schneiderin aus Leidenschaft, an ihre Anfänge zurück.

Nach dem Abschluss der Modefachschule in Oberwart zog es die Rudersdorferin über Umwege über Unterlamm und Wien im Jahr 2004 wieder zurück in ihre Heimat.

Dort errichtete sie, fast direkt neben dem heimischen Fußballsportplatz, ihre eigene Schneiderei. Vor fünf Jahren wurde sogar zugebaut, weil Maschinen und Mitarbeiterinnen mehr wurden und der Platz nicht reichte.

Auf rund 340 Quadratmetern werden nun Uniformen, Trachten und Ballkleider fabriziert. Dabei ist Sifkovits in einem Rudersdorfer Gasthaus groß geworden, eine Ausbildung in die Gastronomie wurde von ihr jedoch nie angestrebt. Schnell war klar: Die Karriere geht in Richtung Modewelt.

Unterwegs im Land

Die gebürtige Rudersdorferin ist jedoch nicht nur im Jennersdorfer Bezirk tätig, sondern praktisch im gesamten Süden und Osten Österreichs. Vereine in Kärnten, der Steiermark, Wien, Niederösterreich und dem Burgenland werden von der Schneiderei Sifkovits ausgestattet.

Für die entfernteren Orte fährt Andrea Sifkovits immer selbst zu den Vereinen und nimmt bei allen Vereinsmitgliedern Maß. Neben den klassischen Blasmusikvereinen zählen auch historische Vereine und Kameradschaftsbunde sowie Feuerwehren zu ihrem Klientel.

„Wir haben sehr viele Stammkunden“, erklärt Sifkovits; auch Anlassmode und Ballkleidung seien im Angebot. Der größte Kundenstock besteht jedoch aus den zahlreichen Vereinen. Die Anforderungen jeder Gruppierung ist anders – und dennoch gibt es Gemeinsamkeiten.

So haben sich zum Beispiel die meisten Jennersdorfer Vereine für eine hochgeschlossene Jacke entschieden. Trends würden sich jedoch laufend ändern.

Ausbildung
Aktuell gibt es sieben angestellte Schneiderinnen in Rudersdorf. Fast jährlich werden zudem ein oder zwei Lehrlinge ausgebildet

Vereine
Fast das gesamte süd-östliche Bundesgebiet deckt die Schneiderei Sifkovits ab. Rund 120 Vereine werden von  Rudersdorf aus betreut. Zusätzlich bestellen noch zahlreiche private Stammkunden maßgeschneiderte Mode bei Andrea Sifkovits 
 

Die ausgefallensten Aufträge, an die sich die Schneiderin erinnert? „Einmal haben wir den Kaiserrock von Freddy Mercury und ein Beatles-Gewand für die Gruppe ,Triffnix Horns‘ angefertigt.“ Auch Besucher des Wiener Life Balls griffen auf Werke aus dem Hause Sifkovits zurück.

Das Präsentationskomitee der österreichischen Skifahrerinnen und Skifahrer in Kapstadt für die Schladminger Weltmeisterschaftskandidatur 2008 wurde ebenfalls mit Stoffen aus Rudersdorf ausgestattet.

Automatisierung kein Problem

Angst vor steigender Automatisierung und einem geringeren Bedarf an menschlicher Arbeitskraft hat Sifkovits nicht: „Bei uns geht maschinell gar nichts. Unser Maschinenpark ist gut erneuert, vieles muss aber mit der Hand gemacht werden.“

Rund ein Drittel der Arbeit erfolge rein manuell, der Rest im Verbund von Schneiderin und Nähmaschine. „Unser Gewand muss stabiler sein, das soll oft für 20 Jahre halten. Das ist dann auch etwas kostspieliger“, erklärt die Schneidermeisterin. Bis ein Stück fertig ist, gibt es mehrere Proben, Zuschnitte und Änderungen – und dann muss es schlussendlich auch noch gefallen.

Außerdem würden Stammkunden die individuelle Beratung schätzen. Immerhin ist jedes Stück maßgeschneidert und könne im Nachhinein um bis zu zwei Größen vergrößert werden – vor allem um die winterliche Mehlspeisenzeit ein nicht zu verachtender Vorteil.

Innenleben wurde teurer

Auch die Lieferkettenproblematik hat das Unternehmen bis jetzt noch nicht eingeholt: „Es ist schon alles teurer geworden, vor allem die Fixiermaterialien und das Innenleben. Bei den Stoffen ist es noch nicht so schlimm.“

Kurioserweise hatte die Schneiderei zu Beginn der Corona-Pandemie die fast stressigsten Monate ihres Lebens. In Rudersdorf wurden nämlich Tausende Mund-Nasen-Masken genäht, teilweise auch mit Firmenlogos, Slogans und Mustern. „Das war schon eine stressige Zeit“, erklärt die Meisterschneiderin.

Einziger Lehrbetrieb

Während die meisten Schneidereien Ein-Mann- oder, besser gesagt, Ein-Frau-Betriebe sind, hat Sifkovits in Rudersdorf sieben Mitarbeiterinnen angestellt und bildet einen Lehrling aus. „Wir sind eigentlich immer der einzige Betrieb des Landes, der Lehrlinge ausbildet. Ab und zu eine Dame, manchmal auch zwei “, so Sifkovits.

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