Bilanzskandal rund um die Commerzialbank Mattersburg

© APA - Austria Presse Agentur

Chronik Burgenland
07/23/2020

Commerzialbank: Wer jetzt wie viel Geld verliert

Kommunen bangen um Guthaben von 6 Millionen Euro bei der Skandalbank, Firmenkunden um viel mehr.

von Thomas Orovits

"95 Prozent anspruchsberechtigter Kunden der Commerzialbank werden in voller Höhe entschädigt, sie fallen um nichts um", konnte Stefan Tacke, Geschäftsführer der Einlagensicherung, Tausende Privatkunden des wegen mutmaßlicher Bilanzfälschungen geschlossenen Bankhauses beruhigen.

Für 11 Gemeinden und einige Unternehmen gilt diese frohe Botschaft nicht.

Sie hatten bei der Regionalbank meist deutlich mehr Geld deponiert, und Kommunen sind von der Einlagensicherung bis 100.000 Euro ausgenommen, die viele kleine Sparer schadlos halten dürfte.

Wie viel Geld werden die Gemeinden verlieren?

In Summe sollen Guthaben von rund sechs Millionen Euro bei der Commerzialbank liegen und Darlehen über rund zwei Millionen Euro offen sein.

Bilanzen wurden gefälscht
In der Nacht auf den 15. Juli hat die Finanzmarktaufsicht der regionalen Commerzialbank Mattersburg per Bescheid die Fortführung des Betriebs untersagt, alle Filialen wurden geschlossen.

Gegen den langjährigen Vorstandschef und Gründer Martin Pucher und eine Co-Vorständin ermittelt seither die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft, es gab schon Hausdurchsuchungen.

Der Verdacht: Die Hälfte der Bilanzsumme von zuletzt 800 Millionen Euro könnte frei erfunden sein

Firmenkunden
Unter den 720 Firmenkunden der Regionalbank befinden sich auch die Wiener Wohnbaugesellschaften Gesiba (sie bangt um 17,5 Millionen Euro), EGW Heimstätte (30 Millionen) und Neuland (2 Millionen), aber auch Österreichs größter Konzertveranstalter Barracuda (34 Millionen Euro), Frequentis (31 Millionen) und die Energie Burgenland (5 Millionen)

 

Diese Zahlen wurden im Anschluss an einen "Gemeindegipfel" bekannt, zu dem Landeshauptmann-Stellvertreterin Astrid Eisenkopf (SPÖ) am Mittwoch geladen hatte. Botschaft des Landes: Man wolle die Liquidität der Gemeinden sichern.

Welche Orte sind betroffen?

Neben Bürgermeistern und Amtsleitern der neun Standortgemeinden der Commerzialbank im Bezirk Mattersburg (sieben sind rot, zwei haben einen ÖVP-Ortschef) war auch das rote Großhöflein aus dem Bezirk Eisenstadt Umgebung vertreten, weil 2015 für den Kanalbau ein Sparbuch über 200.000 Euro bei der nunmehrigen Pleitebank veranlagt wurde.

Mit am Tisch saß auch ein Vertreter der NÖ-Gemeinde Schwarzenbach, die ihre gesamten Rücklagen von mehreren Hunderttausend Euro bei der burgenländischen Bank gut angelegt glaubte.

Geschädigt ist auch der größte Wasserverband, der fast alle Gemeinden des Nordburgenlands versorgt. Um den niedrigen einstelligen Millionen-Euro-Betrag muss der Verband bangen; geplante Investitionen oder Kunden seien "nicht betroffen", versicherte Verbandsobmann Gerhard Zapfl, SPÖ-Ortschef in Nickelsdorf.

In den meisten der neun Gemeinden aus dem Bezirk Mattersburg war die Commerzialbank das einzige Bankinstitut im Ort. Am massivsten ist der Einschlag in Loipersbach und Forchtenstein, wo man jeweils auf mehr als eine Million Euro nicht zugreifen kann, seit die Bank vor einer Woche über Nacht dichtgemacht wurde.

Was haben die Kommunen jetzt vor?

"Wir waren eine Vorzeigegemeinde und sind unverschuldet ins finanzielle Fiasko geschlittert“, klagt Loipersbachs Bürgermeister Erhard Aminger. Sein Krensdorfer Kollege Karl Izmenyi, dessen Gemeinde das ganze Geld bei der Commerzialbank hatte, meint: „Ich kann derzeit nicht einmal eine Postkarte kaufen."

Jetzt überlegen die Gemeinden eine Sammelklage, um ihre Ansprüche gegenüber Bank und Aufsichtsbehörden geltend zu machen.

Wer sind die weiteren Geschädigten?

Neben den rund 13.500 Privat- gibt es auch 720 Firmenkunden. Vor allem diverse Wohnbauträger haben viel Geld bei der Commerzialbank veranlagt – in Summe wird von rund 100 Millionen Euro ausgegangen. Auch einige Unternehmen überlegen bereits, sich für eine Sammelklage zusammenzuschließen.

Einen "kreativen Gedanken" bringt hingegen Norbert Wess, der Anwalt von Bank-Chef Martin Pucher, aufs Tapet: Weil wegen aufgeblähter Gewinne vermutlich auch zu viel Steuern gezahlt wurden, müsste dieses Kapital von der Finanz zurückgefordert werden.

„Keine Gemeinde ist mit der anderen zu vergleichen“

Für Hirms Bürgermeisterin Inge Posch-Gruska (SPÖ) steht nur eines fest: „Außer Fragezeichen gibt es nur mehr Fragezeichen.“ Die Einstellung des Geschäftsbetriebes der Commerzialbank in der Vorwoche hat die erfahrene Politikerin  eiskalt erwischt. So wie auch tausende burgenländische Sparer.

„Mehr als eine Bank“„Rund 70 Prozent unserer Bürger dürften ein Konto bei der Commerzialbank haben – und ihre Sorgen sind auch meine“, blickt die Ortschefin in eine ungewisse Zukunft. Denn derzeit sei noch nicht klar, wie hoch die Verluste unter dem Strich ausfallen werden.

Die Gemeinde Hirm ist sogar doppelt betroffen. Erstens, weil die Commerzialbank ihre Hausbank war; zweitens, weil es auch eine gemeinsame Bau- und Errichtungsgesellschaft für Hausplätze gibt. "Die Commerzialbank war aber viel mehr als das, sie war Teil des Dorfes, hat jeden Verein und jedes Fest unterstützt", ist Posch-Gruska umso bestürzter über die Entwicklungen der vergangenen Tage.

"Jetzt steht alles still"

Gleichzeitig bricht sie aber eine Lanze für die Bank-Mitarbeiter, die "immer für die Kunden da waren – sie stehen jetzt so wie alle Betroffenen vor einem Scherbenhaufen." Und auch für die Zusammenarbeit im Gemeinderat gibt es Lob: "Alle helfen zusammen, es gibt keine Schuldzuweisungen."

Welche Auswirkungen die Causa auf anstehende Projekte in Hirm haben wird, ist völlig offen. "Da steht jetzt einmal alles still. Wir können ohne Geld weder gestalten noch planen. Auch die Sammelklage wird Geld kosten. Wir können jetzt nur abwarten, keine Gemeinde ist mit der anderen zu vergleichen."

Erste Interessenten für Innenstadtprojekt

Das gilt auch für Mattersburgs Bürgermeisterin Ingrid Salamon (SPÖ) und für das gemeinsam mit der Commerzialbank geplante 30 Millionen Euro teure Innenstadtprojekt, dessen Zukunft ungewiss ist.

Erste Interessenten dafür gibt es mit der Oberwarter Siedlungsgenossenschaft bereits, OSG-Obmann Alfred Kollar hat gegenüber dem KURIER bekannt gegeben, sich für das Projekt zu interessieren. Salamon bremst derzeit aber noch: "Die wahren Auswirkungen dieser Causa werden wir erst in einigen Monaten sehen. Derzeit liegen einfach kaum valide Zahlen am Tisch."

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