Chronik 05.01.2013

Das Schicksal hinter Nummer 20

Votivkirche Flüchtlinge © Bild: Elias Natmessnig

Der KURIER verbrachte eine Nacht bei den Flüchtlingen und zeichnete ihre Geschichte auf.

Turi Muntazir Abbas ist Nummer 20 auf der Liste der Hungerstreikenden. Seine dunklen Augen liegen tief in den Augenhöhlen, die Wangen sind eingefallen. „Wie ich hergekommen bin, habe ich 68 Kilo gehabt, jetzt sind es 62“, sagt Turi. Gestern war er im Spital, erzählt der 27-Jährige, der noch immer wackelig auf den Beinen steht. Es ist zehn Uhr abends, und die Temperaturen in der Votivkirche sind nahe am Gefrierpunkt.

Seit dem 18. Dezember harren hier knapp vierzig Asylwerber aus, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Seit 10 Tagen befinden sich fast alle im Hungerstreik. Viele der Asylwerber sitzen in Decken gehüllt auf Matratzen und starren vor sich hin. Turi setzt sich und trinkt einen Schluck Tee. „Ich bin schon sehr schwach“, sagt er und reibt seine Knie. Dann erzählt er seine Geschichte.

Geboren wurde der Paschtune in einem Dorf nahe der Stadt Parachinar, im sogenannten Tribal Area, ein pakistanisches Sonderterritorium an der Grenze zu Afghanistan. Etwa 3 Millionen Menschen leben hier. Nach dem Angriff der USA auf Afghanistan wurde diese Region ab 2001 zum Rückzugsgebiet der Taliban.

Damit begannen die Probleme. 2004 startete das pakistanische Militär eine Offensive, die bisher von Stämmen dominierte Provinz wurde zwischen den zwei Mächten aufgerieben.

Flucht

„Mein Vater war Mitglied der lokalen Miliz. Er wurde im Mai 2008 an einem Checkpoint von der pakistanischen Armee erschossen“, sagt Turi. Sein Cousin starb ein Jahr später im Gefecht mit den Taliban, 2011 der Onkel bei einem Drohnenangriff. Sein Bruder wurde vom pakistanischen Geheimdienst ISI verschleppt. „Ich weiß nicht, ob er noch lebt.“

2011 beschloss Turi zu fliehen. Zuerst zu Fuß nach Kabul in Afghanistan, denn auf der Straße Richtung Pakistan stand das Militär: „Die hätten mich sofort erschossen.“ Über die Berge ging es nach Pishawar, für umgerechnet 300 Euro flog Turi nach Damaskus, Syrien. „Das war kein guter Ort“, sagt Turi. Er fuhr in den Irak, wo er als Hotelboy arbeitete, um Geld für ein Visum im Iran zu bekommen. Dort warteten Freunde auf ihn. Mit ihrer Hilfe kam er über die Türkei, Griechenland und Serbien nach Österreich. Mal zu Fuß, mal mit Hilfe von Schleppern. Zehn Monate war Turi alleine unterwegs durch alle Krisenregionen im Nahen Osten, bis er in Österreich aufgegriffen wurde.

Andere Flüchtlinge haben sich neben Turi gesetzt, jeder will etwas sagen. Die Geschichten ähneln einander, so wie jene von Ali Nawab, Nummer 24 auf der Liste der Hungerstreikenden. Nach Jahren als Matrose auf See, kehrte der Pakistani 2010 in sein Heimatdorf Bara Bandi im Swat-Tal zurück und musste zusehen wie die Taliban Gräueltaten verübten. „Meine Heimat ist wunderschön, doch solange die Taliban dort sind, ist es unmöglich dort zu leben“, sagt Ali. „Wenn du dort aus deinem Haus gehst, schaust du noch einmal zurück, weil du nicht weißt ob du es je wiedersehen wirst.“ 2009 begann auch dort eine Offensive der pakistanischen Armee, Zehntausende flüchteten seither.

Viele der Asylwerber, die seit zwei Wochen in der Kirche ausharren, sind aus dem Swat-Tal. Ihre Angaben sind schwer zu überprüfen, die Verzweiflung, die in ihren Stimmen liegt, ist echt. Fast jeder hat einen negativen Asylbescheid, doch abgeschoben werden sie nicht, da es mit Pakistan keinen entsprechenden Vertrag gibt.

Besprechung

Es ist zwölf Uhr Mitternacht, die Flüchtlinge halten eine letzte Besprechung ab. Noch einmal werden die Regeln des Hungerstreiks durchgegangen. Genug trinken, zumindest zwei Becher Wasser oder Tee pro Tag, notfalls auch Tabletten nehmen. Plötzlich wird der Ton lauter: Einigen Flüchtlingen, die erst spät in die Kirche zurückgekehrt sind, wird vorgeworfen, etwas gegessen zu haben und so die Gruppe zu sabotieren. Die Zwischenrufe werden hitziger, bis die Streithähne von den anderen besänftigt werden. Es kehrt wieder Ruhe ein.

Kälte

Caritas-Mitarbeiter Michael Dewam füllt unterdessen heißes Wasser in Wärmflaschen. „Die Kälte ist die größte Herausforderung“, sagt er, „sie kriecht langsam bis in deine Knochen und lässt dich nicht mehr los.“ Dazu komme der Hungerstreik. Hoffnung auf eine rasche Lösung hat er nicht. „Die Situation wirkt wie einbetoniert“, sagt Dewam und verteilt Wärmeflaschen.

Es ist bereits ein Uhr Früh, die Flüchtlinge bereiten sich auf die Nacht vor und klettern in ihre Schlafsäcke. Trotz Matratze und Iso-Matte kriecht die Kälte vom Boden in die Schlafsäcke. Zusätzliche Decken sollen warm halten, ein kleiner Heizstrahler surrt einsam vor sich hin.

Um 3 Uhr kehrt endlich Ruhe ein, bis der erste zu Schnarchen beginnt. Die Flüchtlinge haben die Hauben tief ins Gesicht gezogen, denn abgedreht wird das Licht in der Kirche nie. Nur die Nasenspitzen ragen hervor.

Um Sieben wird es hell, die Farben der dunklen Kirchenfenster beginnen zu leuchten und tauchen die Kirche in schummriges Licht. Wackelig stehen die ersten auf und reiben sich die Augen.

Zum Frühstück gibt es einige Schluck Tee.

„Flüchtlinge sind sehr erschöpft“

KURIER: Seit dem 18. Dezember ist die Kirche besetzt. Wie versucht die Caritas, den Flüchtlingen zu helfen?

Seit Beginn der Besetzung sind wir rund um die Uhr vor Ort. Wir haben Decken, Winterkleidung, Schlafsäcke und Heizstrahler organisiert. Wir versuchen, die Flüchtlinge zu unterstützen, zu vermitteln und zu deeskalieren. Ich selbst bin immer wieder bis 3 Uhr Früh vor Ort.

Was erzählen die Flüchtlinge von ihrer derzeitigen Situation?

Die Menschen, die wir betreuen, haben kaum vorstellbare Lebensgeschichten und oft dramatische Fluchterfahrungen hinter sich. Persönlich berührt es mich sehr, wenn man ihnen zuhört und ihre Wünsche erfährt.

Welche Wünsche haben die Asylwerber?

Sie wünschen sich, ein glückliches Leben führen zu dürfen. Sie wollen arbeiten, für sich und ihre Familien selbst sorgen und nicht jahrelang zum Nichtstun verdammt sein, weil die Asylverfahren zu lange dauern.

Wie geht es den Flüchtlingen in der Kirche derzeit?

Die Flüchtlinge die seit zehn Tagen im Hungerstreik sind, sind bereits sehr erschöpft. Das macht mir große Sorgen. Wir unternehmen alles, damit sie ausreichend trinken. Ich wäre aber froh, wenn sie den Hungerstreik beenden würden, weil ich glaube, dass sie mit Hilfe der Menschen, die sie unterstützen und Organisationen wie der Caritas weiter für ihre Anliegen eintreten können.

Immer wieder ist zu hören, dass die Flüchtlinge auch Angst haben, die Kirche verlassen zu müssen. Berechtigt?

Die Kirche und die Caritas werden auch weiter den Schutzsuchenden helfen.

Erstellt am 05.01.2013