Wien könnte total autofrei werden

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Foto: Deutsch Gerhard Stopp dem Autowahnsinn, fordert Experte Knoflacher in seinem neuen Buch.

Verkehrsexperte will Garagenbau stoppen und mehr Staus, um Lenker zu erziehen.


Das Auto ist ein Virus. Wie in der Medizin brauchen wir eine virenfreie Umgebung. 100 Jahre haben wir jetzt genau das Gegenteil gemacht“, sagt Hermann Knoflacher.

Der Universitätsprofessor ist nicht irgendwer, sondern einer der anerkanntesten Verkehrsexperten des Landes. Sein heute erscheinendes Buch (siehe unten) hat jedenfalls das Potenzial zum Aufreger. Zurück zur Mobilität kommt man nur durch autofreie Siedlungen, Dörfer und Städte, schreibt der Fachmann. „Das Auto steht der menschlichen Entwicklung entgegen. Die Zahl der Autos wächst schneller als die Zahl der Kinder, das sollte uns zu denken geben“, sagt er im Gespräch mit dem KURIER.

Stadtgespräch:Thema: "Wiener U-Bahn: Gefährlich, z… Foto: jürg christandl Knoflacher: 'Keine Zeitersparnis trotz Fortschritts'

Seine Theorie in wenigen Sätzen erklärt: Seit Jahrzehnten benötigen die Bewohner für den Weg von A nach B die gleiche Zeit. Trotz Fortschritts habe sich nichts verändert. Nur wurden die Menschen unter die Erde verbannt (z. B. U-Bahnen, Anm.) und die Stadt den Benzinfressern und dem Smog überlassen. „In einer Stadt bis zu einer Million Einwohner kann man alles zu Fuß erreichen, bis zehn Millionen reichen Fahrräder. Das hat Peking früher bewiesen. Auch in Wien lebten früher zwei Millionen Menschen ohne Auto“, erklärt der emeritierte TU-Professor. Vor 50 Jahren radelte er in Peking von einem Bekannten in die Innenstadt in 45 Minuten, heute braucht er mit dem Auto 70. Die angebliche Zeitersparnis sei eine Illusion. Knoflacher: „Haben die Menschen jetzt mehr Zeit?“

Radikale Methoden

Neue Straßen bringen jedenfalls nur neue Einkaufszentren an den Stadträndern und noch mehr Verkehr. Das radikale Gegenmittel: Keine Autoabstellplätzen in menschlichen Siedlungen, ein Stopp des Garagenbaus und die Erziehung der Lenker durch mehr Staus – nur so könne der Umstieg auf andere Verkehrsmittel erreicht werden.

„Null Autos in der Stadt sind keine Vision, sondern eine Illusion“, entgegnet Lydia Ninz, Generalsekretärin des ARBÖ. „Gerade für eine älter werdende Bevölkerung ist es wichtig, am sozialen Leben und dem Verkehr teilzunehmen. Ein Feldzug gegen das Auto ist kein Konzept.“ Allerdings sei die Wiener Stadtpolitik auf dem Weg dorthin. „Das Auto wird derzeit in Wien salamitaktikartig abgeschafft, durch Dinge wie höhere Gebühren und Parkpickerl. Erschwingliche Preise für Garagen bringen Autos unter die Straße. Den Verkehr zum Erliegen zu bringen, ist keine Lösung.“

Grüne Reduktion

„Knoflacher ist ein Visionär, aber eine völlig autofreie Stadt geht nicht“, sagt der grüne Verkehrssprecher Rüdiger Maresch. „Denn es gibt auch einen notwendigen Verkehr, wie etwa Krankentransporte.“ Er glaube an eine Reduktion: „Derzeit haben wir 27 Prozent Autoanteil. 20 Prozent wären ein realistisches Ziel.“ Dafür brauche es erzieherische Maßnahmen wie das Parkpickerl. Gleichzeitig habe die Stadt die 365-Euro-Jahreskarte eingeführt: „Man muss ökologisch richtiges Verhalten belohnen“, sagt Maresch. Durch die Pendlerpauschale werde das Gegenteil belohnt. Daher ist er gegen den Ausbau von Stadteinfahrten. Bei den Garagen sieht Maresch Handlungsbedarf. „Es stehen viele Garagen frei.“ Bei Neubauten müsse man sich daher überlegen, ob jeder Bewohner einen Parkplatz brauche.

Die zuständige Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou wollte erst nach der Lektüre des Buches etwas zu den radikalen Vorschlägen sagen. Dafür präsentierte die grüne Vizebürgermeisterin ein Verkehrsprojekt der Superlative in der Donaustadt. Mehr dazu hier.

Hintergrund

Knoflachers radikale Thesen

Das Buch

„Zurück zur Mobilität – Anstöße zum Umdenken“ erscheint heute im Ueberreuter-Verlag. Das 112-seitige Buch (ISBN 978-3-8000-7557-7) kostet 9,95 Euro. Offiziell vorgestellt wird es von Roland Düringer am 22. April bei Thalia in der Wiener Mariahilfer Straße.

Der 72-jährige Villacher Hermann Knoflacher ist der führende Experte für Verkehrsplanung in Österreich. In seinem neuen Buch "Zurück zur Mobilität - Anstöße zum Umdenken" (Uberreuter-Verlag) vertritt der Professor an der TU Wien radikale Thesen. Im Folgenden ein Überblick. "Zurück zur Mobilität kommt man nur durch autofreie Siedlungen, Dörfer und Städte. Das Auto bekommt seinen Platz außerhalb der menschlichen Lebensräume am Rande der Städte und Dörfer" Im Bild: Park&Ride-Anlage in Wien-Hütteldorf „Das Auto steht der menschlichen Entwicklung entgegen. Die Zahl der Autos wächst schneller als die Zahl der Kinder, das sollte zu denken geben.“ „In einer Stadt bis zu einer Million Einwohner kann man alles zu Fuß erreichen, bis zehn Millionen reichen Fahrräder. Das hat Peking früher bewiesen. Auch in Wien lebten früher zwei Millionen Menschen ohne Auto.“ "Die Autofahrer können nur durch Staus erzogen werden. Je mehr Straßen es gibt, desto mehr Verkehr ziehen sie an." „Die Autobahnen wurden zu breit angelegt. In den USA wurden pro Spur 12 Fuß festgelegt und in der Nazizeit wollte man für das 1000-jährige Reich etwas mehr haben, deshalb wurden sie 3,75 Meter breit. Dann musste man erst so große Fahrzeuge bauen, dass sie dort hineinpassen.“ Im BIld: Riesen-Lkw (Gigaliner) in Stuttgart "Die Infrastruktur passt sich den Straßen an, jetzt fahren die Menschen kilometerweit, um einzukaufen. Früher konnten sie das beim Greißler ums Eck erledigen." Im Bild: Parkplatz der Shopping City Süd (SCS) "Vor 50 Jahren waren die Leute zu Fuß so schnell in der Innenstadt wie heute mit dem Auto. In Peking fuhr man in den 50er-Jahren in einer drei Viertel Stunde mit dem Fahrrad in die Stadt, heute benötigt man trotz fünf großer Autobahnen 70 Minuten für den gleichen Weg." "Eine Stadt bis eine Million benötigt gar kein Verkehrsmittel, bis zehn Millionen reichen Fahrräder", meint Knoflacher. Im Bild: Straßenbahn in Innsbruck
  "Das Auto ist ein Virus und wir brauchen eine virenfreie Umgebung. Aber es ist ein sehr attraktiver Virus.“
Verkehr in Wien

Aktuelles in Zahlen

675 Tausend Autos gibt es in Wien. Jeder dritte Wiener besitzt damit ein Auto.

27 Prozent beträgt der Autoanteil im Wiener Verkehr derzeit. Die Zahlen sinken jährlich.

240 Gewerbliche Garagen mit 90.000 Stellplätzen gibt es in Wien, 7770 davon in Park-and-Ride-Anlagen.

2851 Kilometer Straßen gibt es in Wien. Die Zahlen steigen aber in den letzten Jahren kaum.

1204 Kilometer Radverkehrsanlagen weist die Statistik aus. Seit 2003 kamen 300 Kilometer dazu.

350 Kilometer davon sind baulich getrennte Radwege.

(kurier) Erstellt am
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