Wohnen 13.06.2018

Kleine Häuser, ganz groß: Wohnen im Kleingarten

© Bild: Heidrun Henke

Das Architekturbüro Allcolours hat in den Wiener Weinbergen ein Einfamilienhaus auf 35 Quadratmeter Grundfläche realisiert.

Idyllische Gärten soweit das Auge reicht, die Hügel des Leopolds- und Nussbergs, die Donau, die Reichsbrücke und die Wiener Skyline im Blick: Einen Neubau an solch einen Ort zu setzen ist selten. Und heikel. Weil die Wiener Weinberge zu den schönsten Lagen zählen, die Grundstücke rar und teuer und oft nur über schmale, steile Wege erreichbar sind. So auch in Döbling (1190 Wien), wo die Architekten von Allcolours ein Wohnhaus im urbanen Grün realisierten.

Wie ein Fels thront das Haus zwischen den Rebstöcken, dessen Lärchenholzfassade als Reminiszenz an Vorarlberg, die Heimat der Eigentümerin, gedacht ist. Ganze 98 m² beträgt die Wohnfläche, maßgeschneidert nach den Wünschen der Auftraggeberinnen: Ein großer Esstisch, an dem problemlos zwölf Personen Platz finden. Ein Rückzugsbereich zum Klavierspielen, Platz für Übernachtungsgäste, ein Fahrradabstellraum und ein 14 m² großer Swimmingpool. Dieser ist in Beton gegossen und weniger zum Schwimmen als zum Genießen des Gartens gedacht: Denn vom Wasser aus bietet sich den Bewohnerinnen ein einmaliger Blick auf die Stadt und die Weinberge.

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Unterhalb des in Beton gegossenen Pools befindet sich der Fahrradraum samt Pooltechnik. © Bild: Heidrun Henke

Das Resultat erscheint umso beeindruckender, wenn man sich die Gegebenheiten des Grundstücks vor Augen führt: Gelegen an einem für die Weinberge typisch steilen Hang ist es nur über einen 1,4 Meter breiten, nicht befestigten Kiesweg erreichbar.
Alle Bauarbeiten – vom Abtransport des Aushubs bis zur Anlieferung der Holzfertigteile – mussten über diesen schmalen Zugang erfolgen, ohne ihn zu lange zu blockieren. Denn der Weg ist auch für die übrigen Bewohner der Kleingartenanlage der einzige Zugang zu ihren Häusern. Eine zusätzliche Herausforderung war das knappe Platzangebot. Auf dem 310 m² großen Grundstück durften nur 35 m² bebaut werden. „Üblicherweise sind in Wiener Kleingärten 50 m² erlaubt. Für dieses Grundstück wurde das Maß jedoch nochmals reduziert“, sagt Markus Taxer von Allcolours.

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Großzügige Verglasungen erweitern den Wohnraum ins Freie. © Bild: Heidrun Henke

Ausnahme bildet das Untergeschoß, das als keilförmiger Einschnitt in den Hang eingebettet ist. Ausgeführt in Sichtbeton bietet es eine Wohnfläche von 45 . Großzügige Verglasungen lassen Tageslicht bis in die letzten Winkel vordringen.
Im Badezimmer, das sich an der tiefsten Stelle befindet, fällt zusätzlich Tageslicht durch die Decke. Ein Glasoberlicht in der Dusche stellt Sichtkontakt zur darüberliegenden Terrasse her. Die Durchsicht war den Auftrageberinnen sehr wichtig. Der unverhoffte Blick auf vorbeiziehende Vögel und Wolken oder auch das tanzende Spiel der Wassertropfen bei Regen lässt diese Absicht sofort verstehen. Wer sollte auch schon hinabsehen? „Das Haus ist sehr privat und Einblicke von Passanten oder Nachbarn sind nicht möglich“, sagt Taxer. Neben dem Bad sind zwei kleine Schlafzimmer von je 10 m², ein Schrank- und ein Technikraum sowie ein kleines Vorzimmer untergekommen.

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Dank Oberlicht ist das Bad hell und gut beleuchtet – obwohl es sich am tiefsten Punkt befindet. © Bild: Heidrun Henke

Hauptachse ist eine spiralförmige Stiege aus dunklem, roh belassenem Stahl, die alle drei Geschoße vertikal verbindet. Die Einzelteile wurden per Laser ausgeschnitten, leicht poliert und mit Klarlack pulverbeschichtet. Die Montage erfolgte vor Ort. „Anfangs wollten die Auftraggeberinnen gar keine Wendeltreppe“, sagt Taxer. Dennoch haben sie sich auf den Vorschlag der Architekten eingelassen. „Die runde Form ist bei kleinen Grundrissen ideal geeignet. Bei einem Radius von 90 Zentimetern ist sie selbst mit einem Tablett und einem Glas Wein in der Hand noch bequem zu begehen und zugleich zart und zierlich.“

Der Eintritt erfolgt ebenerdig über die Wohnküche. Sie nimmt das ganze Stockwerk ein und wirkt dank bodentiefer Fenster großzügig, hell und offen. Im Sommer kann der Raum zur vorgelagerten Terrasse hin geöffnet werden, sodass sich die Bewohnerinnen nahtlos zwischen drinnen und draußen bewegen können. Herzstück des 27 großen Raumes ist der große Tisch, der von Anfang an gewünscht war. Wird er nicht gebraucht, kann er platzsparend eingeklappt werden.
Hinter Türen versteckt sind noch eine kleine Garderobe und ein WC eingebaut: „Der Weg dorthin führt rund um die Treppe und durch die Garderobe. Das schafft gefühlte Distanz. Dicke Mauern sorgen für den nötigen Schallschutz“, erklärt Taxer.

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Am Esstisch finden bis zu zwölf Personen Platz. © Bild: Heidrun Henke

Am höchsten Punkt des Hauses befindet sich das Wohnzimmer. Es ist, wie das Erdgeschoß, in Holzmassivbauweise ausgeführt und sorgt mit hellem Fichtenholz für einen charmanten Kontrast zu den massiven Wänden aus Sichtbeton im Untergeschoß. Das schmale, hohe Wohnzimmerfenster ist so platziert, dass die Nachbarhäuser ausgeblendet und die Blicke gezielt auf die Donau und die Reichsbrücke gelenkt werden.

„Die Frage war, wie ein großzügiges Wohngefühl entstehen kann“, resümiert Taxer, der mit seinem Projektpartner Bernd Leopold schon vor einigen Jahren ein ähnliches Objekt realisierte: In der Kleingarten-Anlage „Neu-Brasilien“ am Wiener Donaukanal haben sie auf einem knapp 200 m² großen Grundstück eine Fläche von nur 50 m² bebaut – und konnten trotzdem eine Nutzfläche von 120 m² mit einer Raumhöhe von fünf Metern über dem Esstisch schaffen.
Auch bei ihrem jüngsten Objekt setzten sie auf bewährte Bausteine – etwa auf angenehme Höhen und die Erweiterung des Raumes durch großzügige Verglasungen. Letztere brauchen weniger Platz als Massivwände, lassen Innen und Außen ineinanderfließen und heben einengende Hausgrenzen auf. So entstand trotz aller Kompaktheit ein Gefühl von Größe, das seine Bewohner und Besucher nicht unberührt lassen dürfte.

Komfortabel wohnen auf kleiner Fläche: Bauen im Kleingarten

Restriktive Rahmenbedingungen, schwierige Lagen, wenig Platz: Was erlaubt ist und wie man die Kleinheit in den Griff bekommt.

Wohnen im Grünen innerhalb der Stadtgrenzen: das ist in Wiener Kleingärten seit Anfang der 1990er-Jahre möglich. Die Nachfrage nach Parzellen  ist groß, die Gründe rar und teuer. Doch gerade wegen ihrer Kleinheit sind sie noch eher finanzierbar als große Grundstücke. Die Errichtungskosten für  ein dauerhaft bewohnbares Haus im Kleingarten sind gleich oder teurer als beim herkömmlichen Einfamilienhaus – u.a. wegen der oft schwierigen Grundstückslage, einem hohen Kelleranteil und maßgefertigter Einbaulösungen.  
Für Neubauten ist das Wiener Kleingartengesetz anzuwenden – und das sieht  viele Einschränkungen vor. Je nach Grundstücksgröße und Widmung sind Volumen und Fläche des Gebäudes  beschränkt. Maximal dürfen ein Viertel der Grundstücksfläche bzw. 50 m² bebaut werden, fallweise auch nur 35, 25 oder 16. Die Gebäudehöhe darf 5,5 Meter bzw. 265 Kubikmeter betragen.

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Bodenbündige Fenster bringen Helligkeit in die unteren Räume, ein gedeckter Außenbereich verschönert den Aufenthalt im Freien. © Bild: Lichtbildkultur Martin Schlager

Auf architektonische Vielfalt muss man deshalb nicht verzichten. Das zeigt unter anderem Jürgen Radatz, der an der Alten Donau zwei Kleingartenhäuser am Wasser geplant hat. Damit man die Kleinheit nicht merkt, hat er einige Kniffe angewendet. Laut Bauordnung darf der Keller nämlich größer sein als die Obergeschoße – und zwar um bis zu 2/3 der Hausgröße. Bei einer bebaubaren Fläche von 50 m² darf der Keller somit 83 m² betragen, die Terrasse (die mit dem Haus verbunden sein muss) 33 m². „Wer zusätzlich Wohnfläche schaffen will, sollte das ausnutzen.“ sagt Radatz. Dadurch konnte er an der Alten Donau eine Split-Level-Lösung  realisieren: „Wir haben eine Haushälfte ins Erdreich abgesenkt. So ist im Wohnraum eine Höhe von 3,6 Meter entstanden. Im Untergeschoß, wo angenehm kühles Klima herrscht, befindet sich das Schlafzimmer“, schildert Radatz. Die Konstruktion bildet ein vorgefertigter Holzriegelbau: Die Außenwand ist 32 Zentimeter dünn, hat gute Dämmwerte und bietet im Vergleich zum Ziegelbau rund 5 % mehr Nutzfläche.

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An der Alten Donau entstanden mittels Split-Level-Bauweise halb versetzte Ebenen mit 3,6 Meter Raumhöhe.   © Bild: Lichtbildkultur Martin Schlager

Weitere Tipps des Architekten

  • Bodenbündige Fenster bzw. ein  Lichtband bringen Helligkeit in die unteren Räume und werten den Keller zu einem vollwertigen Untergeschoß auf.
  • Raumhohe Verglasungen sind platzsparend, aber teurer als Wände aus Ziegel oder Beton. Als Schutz gegen die sommerliche Überhitzung benötigen sie zudem ein Beschattungssystem.
  • Ist der Nachbar einverstanden, darf bis an die Grundstücksgrenze gebaut werden. Die Häuser können dann platzsparend zusammengebaut werden, Gartenmauern bieten guten Sichtschutz.
  • Ein gedeckter Außenbereich, ein Balkon und eine außenliegende Treppe zum Untergeschoß erhöhen den Komfort und die Aufenthaltsqualität im Freien.  
  • Ein effizientes Raumprogramm: Möglichst keine Gänge, jedoch Einbaumöbel, die Stauraum bieten und  keine Quadratmeter verschwenden. 
( kurier.at , celm ) Erstellt am 13.06.2018