Wohnen
18.07.2018

Architektur: Raumgestaltung mit Licht

Dunkelkammer oder homogener Lichtbrei? Lichtgestalter erklären, wie es richtig geht.

Jahrhundertelang war sie gut genug: Die eine zentrale Hängeleuchte über dem Esstisch. Doch die Zeiten haben sich geändert. „Heute haben wir einen anderen Anspruch an Beleuchtung im Wohnraum“, weiß Lichtplaner Martin Aigner von Lichtprojekt. Im Licht liegt Ruhe und Entspannung, aber auch gute Laune und Spaß. „Da wir jeden Tag in einer anderen Stimmung sind, muss auch die Beleuchtung variabel sein“, sagt er weiter. Um für jede Eventualität gerüstet zu sein, empfiehlt der Experte mindestens fünf Lichtlösungen für Räume wie Wohn- und Esszimmer.

Das richtige Lichtmaß zu finden, ist allerdings nicht leicht. Denn Lichtempfinden ist subjektiv. Was dem einen zu hell ist, empfindet der andere als zu dunkel. Ein Abendessen mit Freunden ist das beste Beispiel: „Es kann eine nette Runde sein, aber wenn die Beleuchtung nicht passt, wird sich niemand so richtig wohlfühlen und der Abend kann kein Erfolg werden“, erklärt der Lichtplaner.

Um solche unangenehmen Situationen zu vermeiden, lautet die erste Licht-Regel: Weniger ist mehr. Obwohl jeder Wohnraum individuell anders ist, sei dieser Rat immer gültig. „Das Auge kalibriert sich am Feuer. Das ist uns von den Höhlenmenschen geblieben. Wir brauchen unbeleuchtete Ecken, um uns wohl zu fühlen“, erklärt Lichtexperte Aigner. Außerdem fehle einem Zimmer ohne Dunkelzonen jegliche Spannung. Die Folge: Ein Lichtbrei entsteht. Dem schließt sich auch Michael Schwarz, Lichtplaner bei Illumina an: „Die richtige Kombination aus Licht und Schatten beeinflusst und erhöht ein positives Raumgefühl.“ Daher ist eine gelungene Mischung aus Allgemeinbeleuchtung, Akzenten und Details entscheidend.

Der enorme Einfluss des Lichts auf den Gemütszustand ist in der Gastronomie schon lange bekannt. „Daher wird die Beleuchtung in Restaurants nie dem Zufall überlassen“, erklärt Ulrike Pohl vom Innenarchitekturbüro Vienna Interiors. Unterbewusst signalisiert die Lichtstimmung den Gästen den Unterschied zwischen einem schnellen Mittagsmenü und einem eleganten Galadinner. „Restaurantbetreiber müssen dafür nur einen Knopf drücken und das Licht wird automatisch gedimmt“, weiß Pohl weiter. Die einzelnen Lichtstimmungen sind im System gespeichert und durch die richtige Verkabelung können sie sofort abgerufen werden. Auch in privaten Wohnungen werde sich der Smart Home-Trend durchsetzen. In einigen Jahren müssen keine Lichtschalter mehr gedrückt werden. „Wir werden die Haustür öffnen und je nach Laune empfängt uns die passende Lichtstimmung“, so Pohl.

Die Frage nach den Leuchtentrends entlockt Michael Schwarz ein Schmunzeln: „Was die Kunden derzeit am meisten wollen, ist indirektes Licht und dazu braucht es keine Leuchten.“ Lampenschirme werden im Wohnraum immer weniger. „Sie verschwinden hinter Deckenverbauungen, Regalen und Sofas“, sagt Schwarz. An einer Stelle halten sie sich allerdings hartnäckig: Dominant und dekorativ hängen sie nach wie vor über dem Esstisch – dem Zentrum eines jeden Hauses. „Dort sind sie ein Eyecatcher“, weiß Schwarz. Die passende Leuchte für diesen wichtigen Ort zu finden sei eine der schwierigsten Aufgaben für Innenarchitekten. Das Design darf vom Gesamtkonzept abweichen und auffallen, auch wenn die restliche Einrichtung schlicht ist. „Sie ergänzen den Raum und sind derzeit besonders in Rotgold, Kupfer oder Gold gefragt“, erklärt Aigner. Sehr beliebt seien auch große Glühbirnen, in denen die Fäden zu sehen sind und filigrane Leuchten, fügt Pohl hinzu.

Auf diesen Trend gehen auch österreichische Hersteller wie Prolicht ein. Das Tiroler Unternehmen hat mit der Leuchte „2Look4“ (Coverbild) eine zarte Leuchte entworfen, die individuell zusammengesteckt werden kann.

LED macht’s möglich. Die Lichter sind energiesparend, sehr vierseitig und vor allem klein. „Eine LED-Leuchte ist einen Zentimeter breit und zwei Millimeter hoch. Das bedeutet, dass die Form des Lampenschirms keine Rücksicht auf die Lichtquelle nehmen muss“, erklärt Pohl. Jahrelang war die Technik dem Vorwurf des grauenvollen Lichts ausgesetzt.

Der Grund: LEDs leuchten eigentlich Blau. Durch eine Phosphor-Beschichtung können andere Farbe erzeugt werden. „Die erste Farbe war ein sehr unangenehmes Weiß. Mittlerweile arbeitet man aber stark mit den Farben Rot und Orange, die auch gedimmt werden können“, erklärt Aigner.

 

Bei der Wahl des LED-Lichts muss auf zwei Dinge geachtet werden. Der Farbwiedergabeindex (CRI) sollte über 92 Prozent liegen. „Dieser Wert zeigt an, wie viel Prozent der Farben natürlich wiedergegeben werden. Ist der Wert zu niedrig, kann Dunkelblau als Dunkelgrün gesehen werden“, erklärt Schwarz.

Die zweite Angabe, die unbedingt beachtet werden muss, ist die Farbtemperatur, in der die LED-Lampe leuchtet. Sie wird in Kelvin gemessen und jeder Wohnraum benötigt eine andere Intensität. Dabei gilt: Umso niedriger der Wert, desto wärmer die Farbe (siehe Grafik). „Im Wohn- und Schlafzimmer brauchen wir warmes Licht mit maximal 2700 Kelvin. Für Bad und Küche beträgt die Kelvinzahl 3500 und im Büro oder Arbeitszimmer muss es hell sein, daher braucht es sogenanntes Tageslichtweiß, das mit 5000 Kelvin erreicht ist“, so Pohl.

Konkrete Tipps für Lichtakzente wollen die Experten zwar pauschal nicht geben, einige Punkte können aber beachtet werden. „In geteilten Räumen, wie einer Wohnküche, weißt Licht den Bereichen ihre Aufgaben zu“, erklärt Schwarz. Durch eine abgehängte Decke kann der gesamte Raum geflutet werden. Im Küchenbereich beleuchten zusätzliche Lichter die Arbeitsfläche und im Wohnzimmerbereich erzeugen Spots und Leselichter individuell Helligkeit. Lichtbänder setzen außerdem das Lieblingsmöbel in Szene.

Ein weiterer Blickfang: Die Lichtquelle über dem Couchtisch hängt nicht mehr von der Decke, sie ragt als Stehlampe hinter dem Sofa in den Raum hinein. Auch im Schlafzimmer verschwindet die klassische Nachttischlampe und wird von Wandleuchten ersetzt.

Dafür ist das Badezimmer ein Raum, in dem (fast) alles beim Alten bleibt: Vor dem Spiegel braucht es nach wie vor viel Licht. Moderne Akzente werden mit Lichtbändern gesetzt: Sie werden zwischen den Duschfliesen eingebaut. Durch Beleuchtung gelingt der Spagat zwischen dem notwendigen hellen Licht am Morgen und warmer Wohlfühl-Atmosphäre zum Entspannen in der Badewanne am Abend.