Phantombild versus Fantasiebild.

© Montage: Karner, Grit Schüler/Forensisches Institut Zürich, istockphoto

Wissen
04/28/2019

Wie Leonardo da Vinci wirklich aussah

Das hat ein Historiker zum 500. Todestag recherchiert und ein Phantombild des Genies anfertigen lassen.

von Susanne Mauthner-Weber

Alles Fake! Überall verkaufen Straßenhändler die Zeichnung eines greisen Mannes mit Mähne und langem Bart. Keiner stellt dabei infrage, ob das Bild tatsächlich Leonardo da Vinci zeigt. Fest steht: Es entstand erst etwa 200 Jahre nach Leonardos Tod und drückt wohl vor allem aus, wie wir uns einen alten Gelehrten vorstellen.

Bernd Roeck jedenfalls ist sicher, dass die Zeichnung nicht Leonardo zeigt. Der Zürcher Historiker ist ein profunder Kenner der Renaissance und hat ähnliche Abbildungen in anderen Gemälden gefunden – etwa in einem von Raffael, das den Philosophen Platon darstellt und dem greisen da Vinci verblüffend ähnlich sieht. Mittlerweile sagt Roeck, der zum 500. Todestag (am 2. Mai) eine Biografie über Leonardo da Vinci herausgebracht hat: „So gut wie alle Bilder sind falsch.“

Phantombild eines Genies

Unglaublich, aber wahr: Der Maler, Anatom und Ingenieur Leonardo wurde zu Lebzeiten nie porträtiert. Einzig Francesco Melzi hat seinen guten Freund da Vinci Jahre nach dessen Tod gezeichnet, fand Bernd Roeck heraus. Mit diesem Bild (oben rechts) ging der Historiker der Universität Zürich ins Forensische Institut der Zürcher Kantons- und Stadtpolizei, dorthin, wo man Phantombilder von gesuchten Verbrechern erstellt. Die Forensikerin Grit Schüler war zuerst überrascht, dass ein Professor mit dem Wunsch kam, ein Phantombild eines über 500 Jahre alten Mannes zu realisieren. Doch dann fing man auf der Kripo Feuer. Berücksichtigt wurden die Rötelzeichnung von Windsor und alle Informationen, die Leonardo und andere über sein Aussehen preisgegeben hatten. Roeck: „Wir haben Leonardo rasiert, denn  aus den Quellen wissen wir, dass er keinen Bart trug und Haarwuchs im Gesicht um 1490 nicht angesagt war.  Wir wollten Leonardo als etwa Vierzigjährigen zeigen. Wir wissen, dass er damals braune Haare und ein angenehmes Äußeres hatte.“ Der Vorlage  folgend, ist ein Profilbild (oben links) entstanden.

Im Interview verrät Roeck, was Leonardo antrieb, wie der Meister tatsächlich aussah und was eine Forensikerin damit zu tun hat.

KURIER: Sie haben die mentalen Prozesse, die zu Leonardos Kunst geführt haben, ziemlich genau rekonstruiert. Wie hat er denn getickt?

Bernd Roeck: Ich habe alle Quellen studiert, die es über Leonardo gibt – immerhin 6.000 Folioblätter. Er war ein Typ, der von Ideen regelrecht bedrängt wurde. Leonardo selbst schreibt, dass er ständig Bilder im Kopf hat. Heute würde man vielleicht ADHS diagnostizieren. Wenn er ein Problem gelöst hat, beginnt das nächste in ihm zu rumoren. Er war extrem vielseitig, hat aber vieles nicht zu Ende gebracht. Er versuchte, die Bewegung des Wassers in Worte zu fassen. Mehr als 64 Versionen hat er beschrieben und dann aufgegeben. Im Codex Madrid hat er großartige Beschreibungen zu mechanischen Apparaten gemacht, die man sofort nachbauen könnte. Er war Perfektionist, unendlich neugierig und hat noch dazu zum Experiment geneigt. Da ist es ein Wunder, dass er überhaupt irgendwas fertig gemacht hat.

War er eher Ingenieur, Anatom oder Künstler/Maler?

Es war alles. Als Anatom war er Weltklasse und das bis zum 18. Jahrhundert. Bis dahin gab es niemanden, der ihm auch nur annähernd das Wasser hätte reichen können.

Woher hatte er sein Wissen: Gab es Vorbilder oder hat er nur aus sich selbst geschöpft?

Er hat Bücher gelesen, Anatomen zugeschaut und Handwerker bei der Arbeit beobachtet. Aber er hat alles weiter gedacht. Und Neues erfunden. Hätte er das publiziert – was er nicht getan hat –, hätte es vieles in Wissenschaften und Technik verändert. Beispielsweise hat Leonardo das Kugellager erfunden – 200 Jahre ehe es dann tatsächlich eingesetzt wurde. Sein Gleitflieger war gar nicht schlecht, er hätte die Flügel nur beweglich bauen müssen, um den Flieger zu steuern. Leonardo ist aber auch Irrtümern aufgesessen: Er meinte etwa, dass der Mond mit Wasser bedeckt sei, weil er das Licht so unterschiedlich reflektiert. Er lag auch damit falsch, dass Winde von astrologischen Konstellationen ausgelöst werden. Und sein Plan, eine Brücke über den Bosporus zu bauen, wurde ebenfalls nie umgesetzt.

Wie wurde er sozialisiert, und hat ihn seine uneheliche Geburt je behindert noch belastet?

Wir wissen nicht genau, wo er geboren wurde, vielleicht in Vinci selbst. Wir wissen aber, dass zu seiner Taufe viele Verwandte kamen. Er wurde mit Freude in die Familie aufgenommen. Es war damals durchaus üblich, uneheliche Kinder zu haben. Denken sie nur an die Päpste. Nein, es hat seine Karriere nicht behindert. Ich glaube, dass er im wesentlichen in Florenz aufwuchs. Der Vater war ein Star-Notar, sein Studio lag zentral, er arbeitete für die Medici und war wohlsituiert. 

Wer war Leonardos Mutter?

Was sicher nicht stimmt ist, dass sie eine orientalische Sklavin war. Sie war vermutlich ein Bauernmädchen aus der Nähe von Vinci. Beide waren jung... Später hat sie geheiratet – einen Mann, der den Beinamen „der Streitbare“ trug. Er besaß einen Brennofen, war also nicht ganz arm, aber auch nicht reich. Sie hat wohl in einfachen Verhältnissen im Dorf weitergelebt.

Sie sagen, Leonardo war reich, wie kam das, und wer hat ihn gefördert?

Der Vater hat ihn wohl herumgereicht. Schon für einen seiner ersten Aufträge bekam er eine Bezahlung, wie nur arrivierte Künstler sie bekommen haben, ein Sandro Botticelli etwa. Ich vermute, dass er einen großartiger Entwurf gemacht haben muss, der aber nie verwirklicht wurde.

Wie viel hat er verdient, und war er sparsam?

Glaube ich eher nicht: Er hat Pferde gehalten, hatte einen Diener. Leonardo verdiente zwar an seinen Bildern und Entwürfen. Viel wichtiger waren aber all die Dinge, die fast völlig verloren sind – die Ingenieurarbeiten: Dieser Roboter, der funktioniert hat, oder der Löwe, der ein paar Schritte ging, die Brust öffnete und Lilien herausfallen ließ. Dieses Zeug war damals viel höher bewertet, als wir heute glauben. Ein guter Ingenieur war weit begehrter als ein guter Maler, der – wie bei Handwerkern meist üblich – nach Quadratmetern bezahlt wurde. Als Maler verkaufte er vermutlich oft nur Ideen, die andere ausführen mussten. Auch Bühnenbilder und Festdekorationen waren eine gute Einnahmequelle. In Mailand bekam er einen Weingarten geschenkt, weil der Herzog von Mailand kein Geld mehr hatte.

Leonardo ist kontinuierlich aufgestiegen: Zuerst Florenz, dann wurde er nach Mailand, an einen der reichsten Höfe Europas, gerufen. Zurück in Florenz wohnte er in den Appartements, die sonst der Papst hatte. 1513 ging er dorthin, wo das Geld war – nach Rom. Dort war er Schützling der Medici. Schließlich rief der französische König, und er bekam ein kleines Schloss (Clos Lucé in Amboise, wo er auch starb). Es ging also ständig bergauf. Leonardo war auf Augenhöhe mit den Königen.

Was war er für ein Mensch?

Die Quellen sagen, dass er ein gut aussehender, sympathischer Mann war. Er hat andere Menschen für sich eingenommen, hatte immer einen guten Witz auf Lager, konnte singen und Gedichte vortragen. Leonardo war elegant gekleidet, hat gut gerochen – nach Rosenwasser oder Lavendel; hat sich später die Haare kastanienbraun gefärbt – mit einem Nusssud, den er erfunden hat. Und er hatte keinen Bart. Er war also nicht der Zausel, den wir von den Bildern zu kennen glauben.

Gibt es überhaupt ein Bild, das tatsächlich Leonardo zeigt?

In Schloss Windsor liegt eine Rötelzeichnung, die Francesco Melzi, ein Freund Leonardos, angefertigt hat – das wahrscheinlich einzige authentische Porträt. Auf dieser Grundlage haben wir, die Forensikerin Grit Schüler und ich, eine Rekonstruktion erarbeitet.

Er sei homosexuelle gewesen, woher weiß man das?

Durch zwei Anzeigen gegen den jungen Leonardo, als er noch bei seinem Lehrmeister Andrea del Verrocchio war. Eine Untersuchung der Homosexualität in Florenz ergab, dass es damals abertausende solcher Fälle gab, die fast alle glimpflich endeten. Wenn man sich dazu bekannte, hatte es gar keine oder nur geringe Folgen. In dem war man liberal.

Wie war das Gottesbild Leonardos?

Kompliziert. Da Vinci war kein Christ. Gott war für ihn ein allumfassendes Prinzip. Er geht davon aus, dass die individuelle Seele mit dem Leib vergeht. Stirbt der Leib, strebt die Seele – aus dem fünften Element, der Quintessenz, –  zurück zum Ursprung, in dem sie aufgeht. Das ist die Weltseele. Er hat ein ganz kühles Gottesbild, wie von einem Aufklärer.

Klingt nach einem modernen Menschen?

Ja, sehr modern. Er glaubt nicht an Geister, hält nichts von Theologie und spottet über Mönche.

Wo würden Sie da Vinci heute sehen?

Heute wäre er wohl ein Weltstar wie damals. Er war ein Mensch, der sich verkaufen konnte. Über ihn finden sie fast nur positive Urteile, die Leute haben ihn bewundert. Es gab ein paar Kritiker – die, die sauer waren, weil er sie nicht beliefert hat. Jedenfalls war er revolutionär – Begründer einer neuen Epoche der Kunst. Sie hätten gerne einen Abend mit ihm verbracht.

 

Buchtipp: Bernd Roeck: „Leonardo. Der Mann, der alles wissen wollte“, C.H.Beck, 28 €