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Wissen Wissenschaft
06/16/2020

Weniger Corona-Fälle dank Sommerwetter?

Die Saisonalität ist weiterhin Gegenstand der Forschung.

Vermutungen, dass warmes Wetter die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamen könnte, gibt es bereits seit seinem ersten Auftreten bei Menschen. Schließlich breiten sich auch Grippeviren insbesondere im feucht-kalten Winter aus. Auch die derzeitige deutliche Entspannung der Lage in Europa scheint für die These eines saisonalen Erregers zu sprechen.

Trotz vieler wissenschaftlicher Untersuchungen zu der Frage ist eine klare Antwort allerdings schwierig: "Viele Atemwegsviren sind saisonal", sagt der Genfer Epidemiologe Antoine Flahault. Auch SARS-CoV-2 könnte durch jahreszeitliche Faktoren wie Temperatur, Feuchtigkeit, Sonneneinstrahlung oder das menschliche Sozialverhalten beeinflusst werden.

Dafür sprechen verschiedene Indizien. So trat das neuartige Coronavirus beim Menschen erstmals im Winter auf dem chinesischen Festland auf. In der Folge habe es "zwischen Jänner und Mai starke Epidemien in gemäßigten Zonen der Nordhalbkugel" gegeben, hebt Flahault hervor. In den gemäßigten Zonen der Südhalbkugel, wo in diesem Zeitraum Sommer war, sei das Virus hingegen deutlich weniger aktiv gewesen.

Abschwächung auf Nordhalbkugel

Der Leiter des Instituts für globale Gesundheit der Universität Genf weist darauf hin, dass sich die Pandemie mittlerweile auf der Nordhalbkugel - mit Ausnahme einiger US-Bundesstaaten sowie Regionen in Schweden und Polen - abschwäche. Mit dem Herannahen des Winters auf der Südhalbkugel nehme wiederum in Argentinien, Chile, dem Süden Brasiliens und in Südafrika die Zahl der Neuinfektionen deutlich zu.

"Insgesamt besteht der Eindruck, dass der Sommer einen bremsenden Effekt hat, aber vielleicht ist dieser nur partiell oder führt nicht zwangsläufig dazu, eine - vielleicht gemäßigte - Ausbreitung während des gesamten Sommers in unserer Hemisphäre zu verhindern", resümiert Flahault.

Eindeutig beweisen lässt sich die These einer Saisonalität des neuartigen Coronavirus schwerlich, sagt der Infektiologe Pierre Tattevin aus dem bretonischen Rennes. Schließlich fiel in Europa der Anstieg der Temperaturen mit umfangreichen Ausgangsbeschränkungen zusammen. "Es gibt so viele Faktoren, die da hineinspielen", sagt Tattevin. Daher lasse sich nicht mit Sicherheit feststellen, "was mit dem Klima zusammenhängt, was mit dem Wetter oder mit der Tatsache, dass die Menschen aufpassen."

Geringe Herdenimmunität

Forscher der US-Universität Princeton kamen in einer im Mai im Fachblatt Science veröffentlichten Studie zu dem Schluss, dass Temperatur und Feuchtigkeit zumindest in der Anfangsphase für die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus zweitrangig sind. "Das Virus wird sich schnell verbreiten, egal wie die klimatischen Bedingungen sind", prognostizierte Studienautorin Rachel Baker. Eine deutlich wichtigere Rolle als das Wetter spiele die derzeit geringe Herdenimmunität gegen SARS-CoV-2.

Nach Auffassung des Genfer Epidemiologen Flahault hätte eine Saisonalität des Virus eine positive und eine negative Seite. Zum einen könnte dies in Europa und anderen Regionen auf der nördlich Erdhalbkugel zu einem Sommer mit deutlich geringeren Fallzahlen führen. Zum anderen bestünde dann aber das "hohe Risiko" einer zweiten Corona-Welle im Herbst und Winter.

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