Nur Weibchen saugen Blut.

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Invasion
07/23/2020

Warum manche Stechmücken das Stadtleben lieben

Haus-Gelsen nützen jede Lacke, Unterschlupf und das günstige Klima im urbanen Bereich. Der Herbst wird blutig.

von Hedwig Derka

Ein schlanker Körper, lange, dünne Beine und ein Mundwerk, das sich sehen lassen kann. „Zum Teil sind sie wunderschön“, schwärmt Carina Zittra – über Gelsen. Der Biologin am Department für Funktionelle und Evolutionäre Ökologie der Uni Wien geht es tatsächlich um Äußerlichkeiten: Sie kann erwachsene Stechmücken unter anderem anhand der filigranen Beschuppung bestimmen.

Nur 50 der weltweit 3500 Arten sirren in Österreich, zehn mehr als 2005. Wer genau hinschaut, entdeckt Unterschiede. Ein paar Neue kommen immer wieder über Reiserouten, Transportwege oder mit Glücksbambus ins Land. Die Gruppe der Haus-Gelsen findet aufgrund der starken Regenfälle gerade in der Stadt perfekte Bedingungen für eine massenhafte Vermehrung.

Haus-Gelsen im urbanen Gebiet

Stechmücken leben belegt seit rund 80 Millionen Jahren auf der Erde; ausreichend Zeit, um sich an unterschiedlichste Lebensräume anzupassen. „Die Stadt und ländliche Siedlungsgebiete bieten viel für Gelsen an“, sagt der Ökologe Bernhard Seidel. Die Insekten, die es auf bis zu 2,5 Flugkilometer pro Stunde bringen, steuern die kleinsten Wasserstellen an. Im urbanen Bereich werden sie eher fündig als „in der Natur draußen“. Ob Vogeltränke, Friedhofsvase, Sandspielzeug oder Untersetzer für den Blumentopf – jede Lacke eignet sich zur Ei-Ablage. Dazu kommt, dass „die Stadt den Klimawandel vorwegnimmt“, sagt Seidel. Die Temperaturen beschleunigen die Entwicklung vom schwimmenden Schiffchen über die Larve und die Puppe zum Imago. In zwei bis drei Wochen geht sich eine Generation aus. Im Winter finden die Weibchen Unterschlupf in Dachböden, Kellern oder Schuppen. Kälte und Frost sind für die Kulturfolger hier keine Bedrohung. Nahrung gibt es im Überfluss.

Überschwemmungs-Gelsen je nach Hochwasser

„Bei den Überschwemmungs-Gelsen überwintern die Eier im feuchten Boden“, grenzt Zittra die Arten ab, die in ihrer Entwicklung auf Hochwasser angewiesen sind. Nährstoffe aus dem Wasser setzen den Schlupf der Larven in Gang. Sechs Wochen später ist der Spuk vorbei. Davor saugen die Weibchen, die Blut für die Brut brauchen, an Amphibien, Wild – und am Menschen.

„Im Vorjahr gab es Hochwasser an der Donau. Da waren verschiedenste Arten lästig unterwegs“, erinnert sich Seidel: „Jetzt vermehren sich Gelsen landesweit extrem, wo der Mensch nicht Ziel der Begierde ist.“ Noch nicht. Der Experte prognostiziert bis September mindestens fünf weitere Generationen an Haus-Gelsen.

15 Millarden Tierchen

„Zu Beginn dieses Jahres war es generell sehr trocken. Beim Monitoring wurden viel weniger Mücken gefangen als in den Vorjahren“, weiß Zittra. Doch: „Das Wetter jetzt hat einen Anstieg vor allem bei den Haus-Gelsen bedingt.“ Ein Weibchen sorgt im Schnitt für 150 Nachfahren; ergibt bis Saisonende summa summarum 15 Milliarden Tierchen.

Nützlich im Ökosystem

„Das Massenaufkommen ist auch nützlich“, sagt die Expertin. Mücken erfüllen im Ökosystem wichtige Aufgaben. Sie sind ein wesentliches Glied in der Nahrungskette. Selbst Nektar- und Pflanzensaftfresser sättigen sie, zu Wasser z. B. Fische und Frösche, zu Land Vögel, Libellen und Fledermäuse. Darüber hinaus tragen sie als diffuse Bestäuber zur ökologischen Vielfalt bei.

Mensch wird im Herbst vermehrt zum Wirt

Den Wirt Mensch freilich freuen die durstigen Überflieger weniger. Vor allem Städter werden sie „im Herbst deutlich zu spüren bekommen“, sagt Seidel voraus. Dann verirren sich die Zweiflügler nicht mehr in Häuser, sie suchen den Schutz für die kalte Jahreszeit vielmehr gezielt auf.

Welche Blutsauger medizinisch relevant sind

Krankheitserreger übertragenExperten überwachen medizinisch relevante InsektenStichproben. Stechmücken sind Blütenbesucher. Sie ernähren sich von Nektar und Pflanzensäften. Für die Produktion der Eier benötigen die Weichen allerdings Protein aus Blut.

„Es gibt Gelsen-Arten, die sich für den Menschen gar nicht interessieren“, sagt die Biologin Carina Zittra. Andere sind medizinisch bedeutsam, sie haben das Potenzial, Krankheitserreger zu übertragen.

Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) hat die Blutsauger daher seit Jahren im Blick. An 37 Standorten in ganz Österreich werden laufend Mücken gefangen – bis zu 5000 Exemplare pro Saison – und bestimmt. „Wir sind weit weg von einer Epidemie“, heißt es bei der AGES.
Relevant sind vor allem jene Arten, die ihren Wirt mit dem West-Nil-Fieber anstecken können. In Österreich wurden zwischen 2009 und 2019 insgesamt 49 im Inland erworbene West-Nil-Virus-Fälle bestätigt; bisher gibt es keinen nachgewiesenen Todesfall beim Menschen.

Besonderes Augenmerk gilt auch einer eingeschleppten Art: Die Asiatische Tigermücke hat sich laut AGES in Südtirol bereits etabliert. Von dort kommt sie sporadisch nach Österreich; meist mit dem Auto. Sie kann, was heimische Arten nicht können: Viren à la Zika, Chikungunya und Dengue übertragen.

„Die Malaria-Mücken sind schon immer da“, schließt Zittra: „Doch in Österreich kommen Krankheitsfälle nur bei Reiserückkehrern vor.“

  1. Mit 30.000 Sinneszellen ortet die Gelse aus weiter Entfernung Kohlendioxid aus der Atemluft. Etwas näher kommen dann Milch-, Fettsäuren und Ammoniak, heißt Schweißgerüche, ins Spiel. Zuletzt  locken Körperwärme und Feuchte an.
  2. Das Weibchen bohrt seinen Stechrüssel gezielt in ein Blutgefäß. Dabei fließt ein Blutgerinnung hemmendes Sekret durch den Speichelkanal in die Wunde.
  3. Über einen Kanal in der Oberlippe pumpt die Mücke ungestört bis zu zwei Minuten lang Blut in den Hinterleib. Sie kann das Vielfache ihres Körpergewichts aufnehmen.
  4. Die Haut des Wirtes reagiert auf Stich und Speichel des Insekts mit der Ausschüttung von Histamin; ein juckender „Gelsendippel“ entsteht.
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