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Zeitreise
11/28/2020

Wann der heimische Tourismus schon einmal lahmgelegt wurde

100-Mark-Gebühr und 1.000-Mark-Sperre wurden in der Zwischenkriegszeit zu Urlaubskillern.

von Susanne Mauthner-Weber, Christa Breineder

Ab dem 23. Juli 1931 waren Züge und Flugzeuge wie leer gefegt: „Im D-Zug nach Basel saßen nur 24 Fahrgäste“, erzählt Wolfgang Meixner. Die Flugzeuge nach Paris und Wien hatten gerade einmal zwei Passagiere an Bord. Und das nach London gehörte einem Mann quasi exklusiv.

Was war passiert? Die Weltwirtschaftskrise, in der auch Deutschland auf der Suche nach neuen Einnahmequellen war. Und so wurde jeder Deutsche, wollte er ins Ausland reisen, zu einer Gebühr von 100 Reichsmark verdonnert. Die Folgen: siehe oben.

Die deutsche „100-Mark-Gebühr“ von 1931 ist vielfach vergessen, hat alle Reiseländer betroffen, „wobei auch damals bereits viele Deutsche Österreich-Urlauber waren. Das Bergsteigen ist ganz stark mit dem deutschen Bürgertum konnotiert. Seit 1880 wurde der Tourismus dadurch befördert“, erinnert Meixner, der in Innsbruck Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie lehrt. „Das ist wie eine Fieberkurve: Wenn es der deutschen Wirtschaft schlecht geht, sinken die Tourismuszahlen in Österreich“.

 

Corona-Vorläufer

In der Ersten Republik fand Meixner gleich mehrere Einbrüche, die durchaus vergleichbare dramatische Folgen für die Tourismusbetriebe und die gesamten nachgelagerten Branchen hatten, wie jene heute. Schon Ende des Ersten Weltkrieges bremsten Reisevorschriften den aufstrebenden Tourismus. „Insbesondere der Visumzwang zwischen Deutschland und Österreich beeinträchtigte den Tiroler Tourismus“. Mit der 100-Mark-Gebühr wollte man dann „in der Weltwirtschaftskrise verhindern, dass die Devisen ins Ausland gehen“.

Die Auswirkungen der deutschen Regelung trafen allerdings nicht nur den Österreich-Tourismus, sondern auch deutsche Reiseveranstalter, Verkehrsbetriebe und die Bahn. Heftige Proteste waren die Folge. Und diplomatische Verhandlungen, die nach wenigen Tagen Wirkung zeigten. Die „100-Mark-Gebühr“ wurde gekippt.

"Anschluss" provozieren

Es sollte keine zwei Jahre dauern, ehe Adolf Hitler die Idee wieder aufgriff. Nur mit einem zehnmal so hohen Betrag und aus machtpolitischen Überlegungen: „Die ,1.000-Mark-Sperre‘ war anders als die ,100-Mark-Gebühr‘ dezidiert gegen Österreich gerichtet. Ein Werk Hitlers, der damit die Wirtschaft schwächen und den ,Anschluss‘ provozieren wollte. Sie traf Österreich zu einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit“, erzählt der Wirtschaftshistoriker. „Am 1. Juni 1933 wurde damit begonnen, eine Ausreisetaxe in der Höhe von 1.000 Reichsmark einzuheben, das entspricht heute etwa 3.500 Euro“.

Sofort blieben die Reichsdeutschen Urlauber aus, die Zahl der Arbeitslosen stieg um das Dreifache gegenüber dem Vorjahr an. Die Regierung reagierte mit einer Soforthilfe in der Höhe von acht Millionen Schilling.

Neue Konzepte halfen

In den 1930er-Jahren habe man die Krise aber auch als Chance erkannt und neue Konzepte gefunden, sagt der Historiker: „Die Werbung wurde österreichweit koordiniert, man hat neue Märkte und Gäste-Schichten erschlossen, sowie englisch-, holländisch- und französischsprachig geworben.“

Es entstanden zahlreiche Filme, die vor allem um Touristen aus anderen Ländern warben – Singende Jugend zeigte die Wiener Sängerknaben auf der neu eröffneten Großglockner-Hochalpenstraße. Großangelegte Kinderferienaktionen starteten, Vergünstigungen für längere Reisen mit der Österreichischen Bahn wurden angeboten und Druck auf Beamte ausgeübt, ihren Urlaub in Österreich zu verbringen, bis hin zu zusätzlichen Urlaubstagen, abhängig von der Destination.

Diese Ideen fehlen derzeit, sagt Meixner: Man setze viel zu sehr auf das, womit man lange erfolgreich war. „Wenn man ganz ehrlich ist: Der Tourismus ist auch ohne Corona in einem Strukturwandel.“

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