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Wissen Wissenschaft
09/20/2021

Vergiftete Riesen: Warum Wale stranden

Die Zahl der Meeressäuger geht aus vielen Gründen zurück. Quecksilber dürfte für die Strandungen mitverantwortlich sein.

von Hedwig Derka

Ein Massaker in diesem Ausmaß gab es hier auf den Färöer-Inseln noch nie. An Land reihte sich Kadaver an Kadaver, das Wasser war rot gefärbt. Zuvor hatten Boote eine Delfinschule in den Skalafjord getrieben. Im Seichten blieb der Herde keine Chance, den Lanzen und Messern der Jäger zu entkommen. Die alljährliche „Grindadrap“-Jagd vor einer Woche kostete 1.400 Meeressäuger das Leben. Selbst eingefleischte Fans der Tradition aus Wikingertagen hielten die große Zahl an getöteten Tieren für „überzogen“.

„Wir lehnen jeden Walfang ab; auch den für wissenschaftliche Zwecke. Wir nehmen unsere Proben nur an gestrandeten Walen“, sagt Jörg Feldmann. Der Umweltchemiker der Universität Graz konnte kürzlich mit französischer Technologie nachweisen, dass der hohe Quecksilbergehalt in den Weltmeeren mitverantwortlich für Walstrandungen sein könnte. Auch andere Experten wissen um die Auswirkungen des Nervengifts auf Tier und Mensch.

Ungünstige Verbindung

„Wir haben in der frischen Leber eines Pottwals, der in Schottland angespült wurde, hoch konzentriertes Quecksilberselenid gefunden“, erklärt Feldmann. Eine extrem empfindliche Analysemethode machte die gefährliche Verbindung in den Organzellen sichtbar: Sie entsteht aus Quecksilber, das u.a. durch die Verbrennung von Kohle in die Umwelt und über Regentropfen in die Ozeane gelangt, und dem körpereigenen Selen.

Mangel-Selen könnte in die Irre führen

Jenes essenzielle Spurenelement steuert an sich Stoffwechselvorgänge und Hirnfunktionen. Darüber hinaus soll es Zellen vor Schädigung bewahren. Müssen die antioxidativen Kräfte jedoch besonders viele Radikale einfangen, fehlt der Schutz im Gehirn. „Der Mangel an Selen könnte bei Walen zu Krankheiten wie zum Beispiel Epilepsie führen und damit die Orientierungslosigkeit auslösen“, sagt der Professor für Analytische Chemie: „Wir sind gerade dabei, unsere Ergebnisse aus dem 50-Nanometer-Bereich biologisch zu interpretieren.“

Gesundheitsgefahr

„Das in organischer Form vorliegende Quecksilber als Methylquecksilber ist seit Langem als neurologisches Toxin bekannt“, sagt Axel Hein. Der Meeresbiologe beim WWF weiß, dass sich das Gift vor allem bei großen Räubern wie Haien und Schwertfischen sammelt. Je näher sich ein Tier am Ende der Nahrungskette befindet, desto höher wird die Konzentration des Toxins in seinem Organismus. Die Riesen der Ozeane, die belastetes Plankton, Makrelen und Sardinen fressen, überschreiten die verträglichen Grenzwert so im Laufe der Zeit um das bis zu 5.000-fache. „Die Gesundheitsbehörde rät Schwangeren und Kindern daher vom Verzehr großer Raubfische ab“, sagt der Experte. Wie Studien u.a. auf den Färöer-Inseln belegen, bringen Babys dort ein geringeres Geburtsgewicht auf die Waage. Zudem kann die zu hohe Aufnahme von Quecksilber zu Parkinson, Nieren- und Hirnschäden führen.

Lärm, Krankheiten und soziales Wesen

„Wir wollen weiter untersuchen, was der Selen-Mangel im Hirn der Tiere genau anrichtet. Vielleicht lassen sich irgendwann Strandungen ganzer Walgruppen verhindern“, sagt Feldmann. Tatsächlich sind die Ursachen für Massenstrandungen noch immer nicht gänzlich geklärt. „Prinzipiell zeigen Studien, dass die Lärmverschmutzung in den Ozeanen und Krankheitserreger plausible Gründe sind“, sagt Hein. Auch die natürlichen Verschiebungen der Erdmagnetfelder, die den Weitwanderern als innerer Kompass dienen, können in die Irre führen; genau so wie Veränderungen des Futterangebots durch den Klimawandel. Schwimmt ein Tier fehlgeleitet Richtung Ufer, folgen die sozialen Artgenossen mit in den Tod. Für Hein steht jedenfalls fest: „Der Mensch hinterlässt auch im Meer einen großen ökologischen Fußabdruck.“

Etwa 90 Arten zählen zu den Walen, darunter Orcas, Delfine und damit auch Tümmler. In europäischen Gewässern konnten bisher 32 dieser Spezies nachgewiesen werden. Dabei wurden Wale seit jeher gejagt. Sie lieferten nicht nur Fleisch, sondern auch Tran, der z.B. als Lampenöl und Seifenrohstoff diente, sowie Knochen, die etwa im Hausbau und für die Herstellung von Reifröcken verwendet wurden. Heute setzen den Meeressäugertieren vor allem Fischerei, Lärm und die Verschmutzung der Ozeane zu. Schätzungen zufolge ist etwa jede vierte Walart vom Aussterben bedroht. Vom Blauwal, dem größten Tier des Blauen Planeten, soll es aktuell zwischen 10.000 und 25.000 Exemplare geben

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