© youtube screenshot

Wissen Wissenschaft
07/30/2021

So bringt man Wissenschaft unters junge Volk

Wie vermittelt man Forschung in Zeiten von Fake News und Informationsflut, fragten sich Forscher und fanden Antworten.

von Susanne Mauthner-Weber

In Sekunde 13 blafft Mai Thi Nguyen-Kim in die Kamera: „Scheißen Sie auf die Wissenschaft.“ Was insofern überraschend ist, als sie selbst Wissenschafterin ist. Und Youtube-Star. Die 33 Jahre alte promovierte Chemikerin produziert für ihren Kanal MaiLab alle zwei Wochen ein wissenschaftliches Erklärvideo. Der Kanal ist Teil des Formats „Funk“ von ARD und ZDF. 2020 hat sie mit „Corona geht gerade erst los“, in dem sie Modellrechnungen und die zu erwartende Dauer der Pandemie erklärt, das erfolgreichste Video in ganz Deutschland hergestellt. Damit ist sie der Prototyp eines Phänomens: Wissensvermittlung via Video.

Leitmedium Youtube

„Normalerweise steht Youtube ja eher im Ruf, dass sich Verschwörungstheoretiker dort tummeln, die Fake News verbreiten. In Wahrheit gibt es aber durchaus schöne Formate, die Wissen verbreiten“, sagt Dennis Lichtenstein und hat für eine Studie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften die Szene unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse sind im britischen Fachmagazin Journalism Studies erschienen.

Youtube ist nach Google die zweitgrößte Suchmaschine der Welt. Viele junge Menschen informieren sich direkt und zuallererst dort. Eine Tatsache, auf die öffentlichrechtliche Sender in Deutschland mit „Funk“ reagiert haben. Mit unterschiedlichen Videoformaten zum politischen und gesellschaftlichen Tagesgeschehen sollen hier Menschen zwischen 14 und 29 Jahren erreicht werden.

„Die Kunst ist es, die Inhalte so weit runter zu brechen, damit sie beim Publikum auch ankommen. Das ist die große Herausforderung“, sagt Lichtenstein. Wobei das erstaunlich gut funktionierte. „Natürlich ist das keine Tiefenerklärung mit allen Pros und Kontras zu den einzelnen Themen, es geht aber darum, Interesse anzuregen und Orientierung zu geben.“ Denn ein Hauptproblem junger Menschen sei das Einordnen der widersprüchlichen Informationen aus der Onlinewelt.

Unterhaltende Infos

Dabei helfen MrWissen2go oder Die da oben!. Sie experimentieren mit Social Media sowie mit Apps und probieren aus, wie man auf Youtube Wissen rund um Politik, Geschichte und das aktuelle Zeitgeschehen vermitteln kann. Konkret hat der Forscher vom Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der ÖAW 16 journalistische Youtuber in- und außerhalb des Funk-Netzwerkes befragt.

Mit einer Mischung aus Information, Faktencheck, Kommentar und Humor werden Nachrichten emotional und mitunter auch spielerisch vermittelt. Lichtenstein erklärt das so: „Für einen generationenspezifischen Journalismus ist Gamification ein Thema (spielerische Elemente sollen Nutzer motivieren, Anm.). Information darf unterhaltend sein und Emotionalisierung soll zur Diskussion anregen.“ Meinungsbildung sei durchaus erwünscht.

Dieser Tage hob Nguyen-Kim in „MaiLab“ die Antibabypille auf den Prüfstand, warb für die Pille für den Mann – und damit indirekt auch für Feminismus. Damit trifft sie thematisch einen Nerv der Jungen, hat Lichtenstein in seiner Untersuchung herausgefunden. Andere Themen, die gefragt sind: Heimat und Identität, Nachhaltigkeit und Klima. Wobei junge Leute es aus einer anderen Perspektive behandelt haben wollen, ist die Erfahrung von Lichtenstein: Was kann ich tun, um das Klima zu retten?

Brückenfunktion

Qualität und Youtube müssen kein Widerspruch sein, legt die aktuelle Interviewstudie nahe: „Journalistische Youtuber nehmen eine Brückenfunktion ein, um auch bei einem jüngeren Publikum Interesse für wichtige Themen anzuregen, indem sie sie mit Humor und Emotion verbinden.“

Nguyen-Kim ergänzt: „Das Schöne bei Youtube ist, dass man Menschen erreichen kann, die man sonst nicht erreichen würde“. Gerade das Wissen und Interesse der jüngeren Generation „brauchen wir dringend, um die Solidarität in der Pandemie aufrechtzuerhalten“.

Ach ja: Der eingangs zitierte „Scheißen-Sie-auf-die-Wissenschaft“-Sager stammt aus dem Video Wissenschaftler irren und das ist innovativ, inspirierend und irre komisch. Also unbedingt anschauen, auch wenn Sie nicht zwischen 14 und 29 sind.

Martin Moder
Der Molekularbiologe und „Science Buster“ konnte mit seinen Fakten-Checks schon einige Corona-Mythen entkräften.

CrashCourse
12,5 Millionen Abonnenten sehen die (englischsprachigen) Videos der zwei Brüder, die sich geistes- und naturwissenschaftliche Themen aufteilen.

Breaking Lab
Der Physiker und Sozialwissenschafter Jacob Beautemps nimmt aktuelle Themen wissenschaftlich unter die Lupe. 400.000 folgen ihm auf Youtube. 

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