Eichenprozessionsspinner können Juckreiz und Atemnot verursachen.

© dpa-Zentralbild/Patrick Pleul

Wissen Wissenschaft
07/20/2020

Raupen: Verwandlungskünstler in Verruf

Eine Handvoll Arten sorgt für ein schlechtes Image. Dabei bereichern die Kinder der Schmetterlinge die Natur.

von Hedwig Derka

Zunächst sind sie braun-gelb, dann werden sie grau-schwarz und bekommen am ganzen Körper Härchen. Die halbe Million am Hinterleib hat es in sich: Die Brennhaare enthalten Nesselgift, das nicht nur Fressfeinde irritiert. Es kann genauso bei Menschen juckende Hautausschläge bzw. Atemnot auslösen.

Wegen dieser Abwehrstrategie hat es die Raupe des Eichenprozessionsspinners zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Auch die Handvoll nimmersatter Arten in Land- und Forstwirtschaft trägt zu einem schlechten Image der Verwandlungskünstler bei. Dabei erfüllen die Kinder der Schmetterlinge wichtige Funktionen im Ökosystem.

Großteil ist harmlos

„Schmetterlinge haben einen hohen Sympathiewert. Raupen dagegen werden generell als Schädlinge gesehen“, sagt Dominik Linhard, Biologe bei der Umweltschutzorganisation Global 2000. Zu Unrecht, ist der Großteil der kleinen Tierchen doch harmlos. Der Eichenprozessionsspinner, aus dem dereinst ein unscheinbarer Nachtfalter wird, ist bei uns „so gut wie die einzige Art, die für Menschen eine gesundheitliche Gefahr“ darstellt. In den intensiv genutzten Monokulturen wiederum bohrt sich z. B. der Baumwollkapselwurm in Salat, Fisolen, Paprika und Mais; der Apfelwickler frisst sich von der Fruchtspitze bis zum Kerngehäuse vor. „Es gibt ein paar Beispiele, die bei einem Massenauftreten großen ökonomischen Schaden anrichten“, sagt Linhard: „Raupen tun das aber nicht generell.“

Gefährdet

Im Gegenteil: Die Mehrzahl der Schmetterlinge in spe ist „nützlich, schützenswert und vom Aussterben bedroht“. In Österreich gibt es um die 4000 Arten. Rund 40 Prozent der Nachtfalter stehen auf der Roten Liste. Von den zirka 220 Tagfaltern ist mehr als die Hälfte gefährdet.

„Die Raupe ist das wichtigste Stadium und sehr empfindlich“, sagt der Insekten-Experte Patrick Gros vom Haus der Natur Salzburg. In dieser Entwicklungsphase ernähren sich die späteren Überflieger meist sehr unausgewogen. Viele sind auf eine bestimmte Futterpflanze angewiesen. Wird diese abgemäht, mit Gülle überschüttet oder aus ihrem Lebensraum verbannt, stirbt auch der Nahrungsspezialist.

Außerdem reagieren die Turbofresser, die sich während ihrer Metamorphose immer wieder häuten, sensibel auf klimatische Veränderungen. Viele Schmetterlinge überwintern als Raupe – im Boden oder eingefroren auf Bäumen, neben der Knospe, die sie im Frühling sättigt.

Insgesamt nützen die Larven unterschiedliche Überlebensstrategien. „Spannerraupen zum Beispiel schauen aus wie ein Ast oder ein Blatt“, beschreibt Linhard. Andere setzen auf Farbe und schrecken mit leuchtenden Signaltönen ab – siehe Wolfsmilchschwärmer – bzw. passen sich mit dezenten Tönen an. Mitunter halten sie Feinde mit Borsten, Duft- oder Giftstoffen fern – siehe Buchsbaumzünsler oder Großer Gabelschwanz. Nicht immer mit Erfolg: Der sesshafte Falternachwuchs ist üppige Mahlzeit für Vögel, Reptilien, Fledermäuse & Co. Ein Schmetterlingsweibchen legt hunderte bis tausende Eier. Nur ein Bruchteil davon wird erwachsen.

Nützlich

„Raupen sind sehr effiziente Zersetzer. Sie bauen grüne Pflanzenteile, Holz, Pilze oder Tierhäute ab und scheiden sie als Dünger aus“, nennt Linhard eine weitere wichtige Raupen-Rolle im Ökosystem. Nicht zuletzt fungieren die Imagos als Bestäuber.

„95 Prozent aller Schmetterlinge sind sehr anspruchsvoll. Das ist in Österreich so, weltweit ist es dasselbe“, sagt Gros. Ihr komplexer Lebenszyklus macht sie denn auch zu verlässlichen Bioindikatoren: Wo es viele Raupen bis zum Schmetterling schaffen, ist die Natur im Gleichgewicht. 

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