© Kurier/Franz Gruber

Interview
10/28/2021

IV-Präsident Knill: "Fachkräfte verdienen mehr als viele Akademiker"

Der Präsident der Industriellenvereinigung erläutert im Interview, warum eine Lehre oft die bessere Alternative zum Studium ist.

von Ute Brühl

Man kann es auch als eine gute Nachricht sehen: Die Wirtschaft sucht händeringend Fachkräfte. Warum das so ist und welche Chancen sich insbesondere für junge Menschen daraus ergeben, wollte der KURIER vom Präsidenten der Industriellenvereinigung, Georg Knill, wissen.

KURIER: Einerseits sucht die Industrie Lehrlinge, andererseits gibt es viele junge Menschen, die eine Lehrstelle suchen. Woran liegt das?

Georg Knill: Das Problem des Fachkräftemangels haben wir schon länger, nur wurde dies durch die Pandemie kurzfristig weggeblendet. Mehr noch: Corona hat das Problem verschärft. Viele junge Menschen blieben lieber in der Schule. Einerseits, weil sie wegen Corona die Aufstiegsklausel leichter erhalten haben, andererseits, weil sie sich in der Schule wohl auch sicherer fühlten als in der Wirtschaft. Fehlende Schnuppertage taten ein Übriges.

Dennoch gibt es Jugendliche, die eine Lehrstelle suchen. Hat das auch mit der mangelnden Schulbildung zu tun?

Viele Jugendliche scheitern nach neun Jahren Schule an grundlegenden Dingen. Das merken wir auch bei standardisierten Eingangstests, die wir in den Unternehmen haben. Da werden die Ergebnisse von Jahr zu Jahr schlechter. Oft müssen die ersten zwei Jahre der Lehre genutzt werden, um diese Defizite aufzuholen. Und das, obwohl wir eines der teuersten Bildungssysteme in der OECD haben. Das können wir uns als Gesellschaft auf die Dauer aber nicht leisten.

Was wäre Ihrer Meinung nach die Lösung?

Wir bräuchten eine Umkehr der Finanzierungspyramide im Bildungssystem, sollten also mehr Geld in die Elementarbildung und in die Volksschulen investieren. Dass wir immer weniger Lehrstellenbewerber haben, hat noch einen anderen Grund: Man hat für das Erfolgsmodell Hauptschule und Polytechnische Schule, die auf dem Land eine sehr gute Schulform war, keine Alternative gefunden. Viele drängt es in die Gymnasien, wo es wenig Durchlässigkeit nach der Unterstufe in Richtung Lehre oder berufsbildende Schule gibt. Zudem existiert ein gesellschaftlicher Druck, dass alle Kinder Matura machen müssen. Viele der jungen Menschen kommen dann nach zwei Semestern an der Universität darauf, dass das nicht Ihres ist.

Wenn Sie so dringend Fachkräfte suchen – hat die Industrie für diese Menschen ein spezielles Angebot?

Wichtig ist es uns zu vermitteln, dass sich die Jobprofile massiv gewandelt haben, auch weil Muskelkraft immer weniger notwendig ist. Das Klischee, wonach Männer Automechaniker und Frauen Friseurin werden, stimmt also nicht mehr. Mittlerweile gibt es viele neue Berufsbilder, alleine im Vorjahr kamen 22 hinzu. Wir versuchen diese neuen Berufe zum Beispiel auf Bildungsmessen oder bei Berufsorientierungen präsent zu machen.

Sie beklagen den Druck auf Kinder, Matura machen zu müssen. Warum sollten Eltern ihre Kinder ermuntern, eine Lehre zu machen?

Ein Lehrberuf garantiert einen sicheren Job mit allen Aufstiegsmöglichkeiten bis hin zu Geschäftsführerpositionen. Die Lebenseinkommenskurve eines Facharbeiters, der eventuell noch einen Robotik-Kurs gemacht hat, ist höher als die vieler Akademiker – ich finde, das sind zwei gute Gründe für eine Lehre. Matura und Studium führen nämlich nicht automatisch zu einem guten Job. Das Angebot der Studien ist breit, das akademische Jobangebot begrenzt – das ist in der Lehre nicht so. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Der Großteil der Lehrlinge in der Industrie wird übernommen und bleibt ein Arbeitsleben lang im Unternehmen.

Wenn ich mich als Studienabbrecher für eine Lehre entscheide, sitze ich mit 15-Jährigen in der Berufsschule. Das wirkt auf viele abschreckend.

Das geht klarerweise nicht. In Oberösterreich und Tirol gibt es bereits einen Ansatz, wie man das lösen kann: Die digitale Akademie ist eine verkürzte Fachausbildung, bei der vieles von der Matura anerkannt wird. Das ist ein viersemestriger Kurs, der an Fachhochschulen angelehnt ist, aber mit handwerklichem Bezug. Vielfach haben die Auszubildenden einen Vertrag mit einem Unternehmen.

Wie kann man sich dies in der Praxis vorstellen?

Es wird ein bisschen in Richtung HTL-Ingenieur gehen, wobei wir hier insbesondere Studienabbrecher in technischen Studien und Mathematik ansprechen. Wir brauchen ja nicht nur Programmierspezialisten, sondern auch viele in der Anwendung.

Kurzfristig kann der Fachkräftemangel aber so nicht behoben werden.

Ja, da braucht es andere Maßnahmen: Wir müssen zum Beispiel die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern, indem wir Kinderbetreuungsplätze vom ersten Lebensjahr an anbieten. Die Öffnungszeiten müssen den Betriebszeiten angepasst werden – da sind die Kommunen gefragt. Zudem müssen wir Anreize für ältere Mitarbeiter schaffen, damit sie länger im Berufsleben bleiben. Wenn man derzeit in der Pension arbeitet, bezahlt man noch immer Pensionsbeiträge – das ist kontraproduktiv. Auch qualifizierter Zuzug kann kurzfristig Abhilfe bringen, wobei man sich da nicht zu viel erwarten sollte – der Arbeitsmarkt ist weltweit angespannt.

Georg Knill
Der 1973 geborene Steirer ist verheiratet und Vater zweier Töchter. Seine berufliche Laufbahn begann er 1993 in der Knill Gruppe, für die er u. a. in der Schweiz, Großbritannien, Frankreich und Deutschland tätig war.

IV-Präsident
Georg Knill wurde 2016  Präsident der Industriellenvereinigung (IV) Steiermark, 2020 wurde er dann zum  Präsidenten der österreichischen Industriellenvereinigung gewählt und folgte somit Georg Kapsch nach.

 

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