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08/09/2021

Werkstatt statt Hörsaal: Warum manche lieber eine Lehre machen

Drei Poträts von Menschen, die die Matura gemacht oder gar studiert haben - und dann doch eine Ausbildung begannen.

von Ute Brühl

Fragt man Eltern, was sie sich für ihre Kinder wünschen, so ist das eine gute Ausbildung. Gemeint ist damit meistens eine Matura und ein Studienabschluss. Doch nicht jeder und jede ist in einem Studium glücklich – und dass ein Akademiker besser verdient als ein Handwerker ist schon lange nicht mehr ausgemacht.

Was Maturanten und Studienabbrechern entgegen kommt: Sie werden als Lehrlinge dringend gesucht. Für sie wurden das Konzept der Dualen Akademie (dualeakademie.at) entworfen. In vier Bundesländern (OÖ, Salzburg, Vorarlberg und Wien) gibt es eine auf sie zugeschnittene Lehre. Der KURIER hat drei Menschen besucht, die vor und nach dem Gymnasium oder nach dem Studium den Schritt gewagt und eine Lehre begonnen haben.

Franziska Brugger: Zuerst studierte sie Biologie, dann wurde sie Tischlermeisterin

Wenn die Tischlermeisterin die Pfosten aufschneidet, diese so lange hobelt, bis die Maserung zum Vorschein kommt – dann ist das  für sie immer ein besonderer Glücksmoment, sagt die 45-Jährige. „Dieses Arbeiten mit den  Händen hat mir lange gefehlt“, erzählt sie.
 Zum Handwerk ist sie über Umwege gekommen. Zwar hatte Franziska Brugger sich schon nach der Hauptschule überlegt, eine Tischlerlehre zu machen: „Doch meine Eltern meinten damals, ich solle zuerst einmal maturieren, was ich auch gemacht habe.“ Das sei ein guter Entschluss gewesen, sagt sie auch heute noch.
Genauso wie das Biologiestudium, das sie  angefügt hat. „Das Fach gefällt mir, es ist aber nicht die einzige Welt,  in der ich zu Hause bin.“ Einige Jahre hat die Wienerin dann bei einem Wissenschaftsverlag  gearbeitet. Was ihr dabei gefehlt hat, war der unmittelbare Erfolg ihrer Arbeit: „Sicher ist irgendwann einmal ein Buch oder ein Journal erschienen, das man dann in der Hand hatte.“ Doch diese Glücksmomente waren zu selten und Brugger fragte sich: „Was mache ich jetzt?“

Frauen im Handwerk

Sie nahm ihren Mut zusammen, kündigte beim  Verlag: „Zum Glück gab es beim  AMS das FiT Programm: Frauen in Handwerk und Technik.“  Franziska Brugger überlegte damals auch, eine Ausbildung zur  Goldschmiedin zu  machen: „Doch beim Schnuppertag merkte ich, dass das ganz Feine nicht meines ist. Auch die Idee, Schuhmacherin zu werden, verwarf ich.  “
Im Alter von 33 Jahre besuchte sie dann die Berufsschule – allerdings nur die berufsspezifischen Fächer. „Das soziale Umfeld war schon eine Herausforderung  – viele junge Burschen. Da war  es nicht so einfach einen Draht zu  ihnen zu finden.“
Das ist jetzt schon wieder ein paar Jahre her. Nach ein paar Jahren als Angestellte hat sie die Meisterprüfung gemacht und wurde selbstständig. Jetzt tischlert sie Möbel auf Bestellung und freut sich, wenn ihre Kunden eine Freude mit ihren Werken haben.
Was sie feststellt: Manche Kollegen begegnen ihr als  Akademikerin mit Respekt:  „Leider  hat ein Lehrabschluss in unserer  Gesellschaft immer noch nicht den  nötigen Stellenwert. Dabei ist es mittlerweile mit manchen Studienabschlüssen viel schwieriger einen Job zu finden. Und manchmal ist ein Handwerksjob  sogar  besser bezahlt. Es wäre schön, wenn hier ein Umdenken stattfinden würde.“

Olga Vinakur ist heute eine preisgekrönte Fotografin

Ihr großer Wunsch nach der Matura war es, Fotografie und Grafikdesign  zu studieren.  Daraus wurde leider nichts  – oder vielleicht zum Glück. Denn heute ist sie nicht nur ausgelernte Fotografin, sondern auch mehrfache Preisträgerin: 2020 war die 27-Jährige z.B. die beste Nachwuchsfotografin Oberösterreichs. 

Die Gastronomie "fraß mich auf"

Olga Vinakur kam über Umwege zu ihrem Traumberuf. Nach der Schule jobbte sie in der Gastronomie.  „Nach ein paar Jahren merkte ich, dass mich das auffrisst.“  Und so kam sie auf die Idee, eine Lehre zu beginnen. Einiges hätte ihr gefallen,  auch etwas Kaufmännisches. Dann ist sie auf die  offene Lehrstelle als Fotografin gestoßen und hat sich beworben –  und Glück gehabt. Diesmal gehörte sie zu den Auserwählten.  „Ich habe mit 22 Jahren mein halbes Leben aufgegeben und musst plötzlich mit 1000 Euro weniger im Monat auskommen“. Heute ist sie  froh über den Schritt: „Ich könnte mir  nichts anderes vorstellen, als  Fotografin zu sein“, sagt sie.    Das hat auch mit ihrem Lehrherrn zu tun, der sich Zeit für sie genommen hat und ihr  etwas zugetraut hat. „Das ist nicht überall so“, weiß sie. Sie ist immer noch im Fotostudio Eder in Linz  angestellt und macht alles, was kommt:  Von Veranstaltungen über Produktfotografie bis zu privaten Porträts.

Benjamin Müller geht in die AHS und wird Mechatroniker

Der 17-jährige Linzer, der die 7. Klasse AHS  Khevenhüller besucht, ist zwar ein guter Schüler – ein Fan der Schule ist er dennoch nicht: „Da ist alle schon so vorgegeben, etwa der Stundenplan,“ erzählt er. So kam er auf die Idee, parallel zur Schule eine vierjährige Ausbildung zum Mechatroniker zu machen. Nächstes Jahr hat er dann Matura und Lehrabschlussprüfung in der Tasche.

In der Werkstatt

Deshalb steht Benjamin Müller regelmäßig am Wochenende in der Werkstatt des Wifi, wo er fräst, bohrt und viel mit den Händen arbeitet. Parallel hat er noch Theorie-Unterricht. „Es ist ein ganz anderes Lernen als in der Schule. Hier ist es logisch, warum ich zum Beispiel einen Mathestoff lernen muss. Auch die Atmosphäre ist anders. Die Lehrer sehen sich als Coaches und wir sind per Du.“ Bereut hat er seinen Schritt bis heute nicht: „Aber fragen Sie mich das einmal am Samstag, wenn kurz vor 7 Uhr der Wecker klingelt“, scherzt er. „Dann bekommen Sie wohl eine andere Antwort.“ Nicht nur deshalb würde er  diese Doppelbelastung nicht jedem empfehlen. „Wenn man sich in der Schule schwer tut,  ist das eher nichts.“

 

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