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Wissen Wissenschaft
03/26/2022

Earth Hour: Wie Tiere vom Licht-Abschalten profitieren

Massive Lichtverschmutzung bringt nachtaktive Tiere vom Glühwürmchen bis zum Zugvogel in Bedrängnis.

von Hedwig Derka

Schichtwechsel bei Sonnenuntergang. Versteckt sich das Tagpfauenauge unter dem Blatt, flattert das Nachtpfauenauge auf. Stellt der Buntspecht sein Klopfen ein, hebt der Waldkauz zur Jagd ab. Rollt sich das Eichhörnchen in sein Nest, springt der Siebenschläfer von Ast zu Ast. Die Nacht hat ihre Schwärmer. Und die sind perfekt an ihr Schattendasein unter Sternen angepasst.

Elektrisches Licht verschmutzt Natur

Künstliches Leuchten dagegen macht ihnen das Leben schwer. Seit rund 150 Jahren belastet die zunehmende Verschmutzung der Natur durch elektrisches Licht nachtaktive Tiere. Wenn nun Millionen Menschen weltweit zur Earth Hour (Samstag, 26.3, 20.30 bis 21.30 Uhr) die Beleuchtung abdrehen, trägt dieses Zeichen für den Klimaschutz auch zum Artenschutz bei – mit einer kurzen Verschnaufpause für Frosch, Fuchs, Schrecke & Co.

Kollateralschäden

„Zwei Drittel aller Spezies sind nachtaktiv“, sagt Stefanie Suchy. Die Projektleiterin von Helle Not der Tiroler Umweltanwaltschaft nennt zunächst die Insekten als Leidtragende des Lichtsmogs. Die Sechsfüßer werden von Straßenlaternen, bestrahlten Werbeflächen oder Fassaden aus bis zu 100 Metern angezogen. In Folge des „Staubsaugereffekts“ fehlen sie in ihrer angestammten Umgebung – in der Nahrungskette von Fressen und Gefressen-Werden; in ihrer Funktion als Bestäuber. Direkt unter der künstlichen Lichtquelle sterben sie zu tausenden. Sie verglühen an der Lampe oder verschwenden dort ungenutzt ihre begrenzte Lebenszeit. Für Fressfeinde, wie manch Fledermaus-Art, ist unter den kurzwelligen, blauen UV-Strahlen üppig angerichtet. Vom Schein vertriebene Spezies dagegen gehen mitunter bedrohlich leer aus.

Auswirkungen auf ganzes Ökosystem

„Die Lichtverschmutzung wirkt immer auf das ganze Ökosystem. Es gibt im Grunde keine Gewinner“, sagt Biologin Iris Tichelmann von der Wiener Umweltanwaltschaft. Die Irrlichter leiten in der Orientierung, der Kommunikation und der Fortpflanzung fehl: Zugvögel etwa werden durch diffuse Lichtglocken von ihrer Route abgelenkt, für die Kurskorrektur fehlt ihnen oft die Kraft. Hell in Szene gesetzte Sehenswürdigkeiten oder blinkende Windräder – Vorsicht: Kollisionsgefahr – wiederum werden für die Überflieger umgehend zur Todesfalle. Bei vielen Standvögeln bringt der gestörte Tag-Nacht-Rhythmus den Hormonhaushalt aus dem Gleichgewicht. Starten sie zu früh mit der Brut, gibt es nicht genügend Futter für die Jungen. Mit der geschwächten Fitness sinkt die Lebenserwartung.

Kommunikation, Partner- und Wanderschaft betroffen

Was die himmlische Finsternis erhellt, erschwert ebenso den innerartlichen Austausch. So bleiben z. B. die Funksignale weiblicher Glühwürmchen ungesehen. Nächtliche Fortpflanzung: Fehlanzeige. Das gilt auch für Frösche. An sich finden sie durch Rufe zu einander, unter Flutlicht stellen sie ihr Quaken ein. Nachtwandler stoßen bei Wegbeleuchtungen auf unüberwindbare Hindernisse. Keine Wanderschaft heißt keine Partnerschaft.

Immer unnatürliche

„Künstliches Licht kann auch gezielt zur Steuerung von Tieren eingesetzt werden“, sagt Suchy. Mit negativen oder positiven Effekten. Auf hoher See werden Meeresfische mit Scheinwerfern angelockt und gefangen, andernorts werden Fische über beleuchtete Aufstiegshilfen in sichere Häfen gelotst. Unnatürlich ist es in jedem Fall.

„Es gibt noch sehr viel Forschungspotenzial zu künstlichem Licht“, sagt Suchy. Fest steht für beide Expertinnen, wie wichtig dessen bewusster Einsatz ist. „Gutes Licht ist dort, wo es gebraucht wird“, sagt Tichelmann: „Das ist definitiv nicht im Schlafzimmer und nicht in der Natur.“

Motte, Maus oder Marder, Regenwurm, Kauz oder Kröte: Im Garten beginnt ein reges Treiben, sobald die Sonne untergeht.

Die Umweltberatung hat Tipps, damit die nachtaktiven Tiere auf Beeten und Rasen möglichst unbehelligt leben können: 

  • Reduzieren Sie Lichtdauer und -intensität im Außenbereich auf das Notwendigste. Sinnvollerweise werden nur Wege und Haustür beleuchtet – am besten mit Bewegungsmelder bzw. Zeitschaltuhr.
  • Montieren Sie Leuchten in geringer Höhe und zielgerichtet, das minimiert das Streulicht. Empfehlenswert sind sogenannte Full-Cut-Off-Lampen, die nach unten hin offen und nach oben und seitlich abgeschirmt sind.
  • Entscheiden Sie sich für warmweiße LED-Lampen (unter 3.000 Kelvin). Das Licht enthält keine UV-Anteile und lockt daher weniger Insekten an. 
  • Legen Sie keine Lichtfallen aus. 98 Prozent der dadurch getöteten Tiere sind keine Gelsen, sondern harmlose Zweiflügler und (gefährdete) Nachtfalter.
  • Verzichten Sie auf die Beleuchtung von Pool, Gartenteich, Bäumen und Sträuchern. Damit schützen Sie zahlreiche Amphibien, Insekten, Kleinsäuger und Vögel. 

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