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04/07/2020

Coronakrise: Mündliche Matura wird heuer gestrichen

Lehrabschlüsse, Reifeprüfung, Sitzenbleiben: Für das heurige Schuljahr braucht es Regelungen "mit Augenmaß". Einige wird Faßmann am Mittwoch verkünden.

von Ute Brühl

40.000 Maturantinnen und Maturanten gibt es heuer, dazu 32.000 Lehrlinge, die vor einer Abschlussprüfung stehen. Wie es für diese jungen Menschen weitergehen wird, das will Bildungsminister Heinz Faßmann am Mittwoch verkünden.

Fix ist nach derzeitigem Stand, dass alle ihre Prüfungen noch in diesem Schuljahr machen können. Die Matura soll am 19. Mai – also in knapp sechs Wochen – starten, vielleicht auch eine Woche später. Die Prüfung ganz absagen, was viele Länder bereits getan haben (siehe unten) und von immer mehr Schulpartnern gefordert wird, will der Minister wohl nicht. Allerdings soll es für die Schüler Erleichterungen geben, so wird zum Beispiel die mündliche Matura erlassen – Ziel sei „eine Matura mit Augenmaß“ heißt es im Bildungsministerium. Das heißt wohl, dass es nur drei schriftliche Maturaprüfungen geben wird, für deren Bearbeitung die Schüler auch mehr Zeit erhalten sollen. Zudem sollen die Noten der 8. Klasse mit in das Maturazeugnis einfließen.

Gesundheit hat Priorität

Von einer Prüfung um jeden Preis sind mittlerweile auch die Schülervertreter abgerückt. Hatte die Bundesschulsprecherin Jennifer Uzodike vor drei Wochen im KURIER noch davon gesprochen, dass die Matura unbedingt abgehalten werden muss, so klingt das heute nicht mehr ganz so apodiktisch: „Die Gesundheit aller Schüler muss höchste Priorität haben. Das gilt besonders für Schüler in der Risikogruppe.“

Zudem brauche es eine Vorbereitungszeit von drei Wochen in der Schule – etwaige Feststellungsprüfungen müssten schon vorab gemacht werden. Weitere Forderung: „Für den schriftlichen Teil müssten die Bedingungen gelockert werden. Zudem sollten Zeugnisnoten der 7. und/oder 8. Klassen mit einbezogen werden.“

Umfragen unter Schülern

Uzodikes Schwenk kam nicht von ungefähr: Umfragen in den Landesschülervertretungen hatten gezeigt, dass in den meisten Ländern die Maturanten dafür sind, die Reifeprüfung heuer komplett ausfallen zu lassen. Im Burgenland sollen sich rund drei Viertel für eine  Aussetzung ausgesprohen haben, in Niederösterreich und Tirol waren es mehr als die Hälfte der Befragten, dasselbe gilt für Salzburg und Vorarlberg. Was Schüler auf keinen Fall wollen: Die Matura in den Herbst verlegen. Das haben die Auswertungen der Tiroler Umfrage klar gezeigt.

Eltern sind in dieser Frage zwiegespalten, meint Elisabeth Rosenberger vom Elternverband höherer Schulen: „Ich persönlich könnte mir in der Zwischenzeit ein Aussetzen der schriftlichen Matura vorstellen – zumal die Vorbereitungen sehr unterschiedlich laufen.“ Zudem sei die psychische Belastung unter Maturanten extrem hoch.

Deutschklassen und Sitzenbleiben

Nicht nur die Frage der Matura und der Lehrabschlussprüfungen muss im Bildungsministerium geklärt werden, sondern auch: Wie geht es weiter mit den Deutschklassen? Und soll Sitzenbleiben in der Volksschule heuer möglich sein? Hier wird es wohl erst nach den Osterferien genauere Regelungen geben.

Der Bildungswissenschafter Stefan Hopmann plädiert dafür, dass man das Sitzenbleiben heuer aussetzen sollte. „Das Wiederholen bringt in den meisten Fällen sowieso nichts und ist auch international nicht üblich.“ Wobei man in bestimmen Fällen den Eltern und Schülern durchaus die Möglichkeit unterbreiten sollte, das Jahr freiwillig zu wiederholen.

Für die Kinder in den Deutschförderklassen sollte es laut Hopmann Zusatzangebote im Herbst geben, „die auch durchaus verpflichtend sein können“. Wobei es diese Unterstützung nach der langen Schulpause nicht nur für Kinder mit sprachlichen Defiziten geben müsste, sondern für jegliche Schüler, die den Anschluss zu verlieren drohen.

In Diskussion ist derzeit, die rund sieben Prozent der Schüler, die die Lehrer nicht erreichen, in Sommerkursen zu unterrichten. Bildungsforscher Hopmann ist skeptisch, ob man an diese Schüler in den Ferien tatsächlich herankommt.

Norwegen, die Niederlande, England, Frankreich und viele US-Bundesstaaten: All diese Länder haben heuer beschlossen, aufgrund der Corona-Krise die Matura abzusagen. Stattdessen wird es eine Durchschnittsmatura geben, was so viel heißt, dass die Noten der vergangenen ein bis zwei Jahre ausschlaggebend sind.
Eine Abschlussprüfung nach  zwölf oder 13 Jahren Schule, die zu einem Studium berechtigt, gibt es in den meisten Ländern der Welt: In Deutschland ist es das Abitur, in Frankreich das Baccalauréat und in den USA der Studierfähigkeitstest, kurz SAT. Dass für die Maturanote nur die Ergebnisse dieser Prüfung zählen, so wie das in Österreich der Fall ist,  ist allerdings die Ausnahme.

In den meisten Ländern werden 30 bis 80 Prozent der  Schülerleistungen der letzten ein bis zwei Jahre mit  in die Maturanote einbezogen.  In Ländern wie Finnland oder Norwegen hat man zudem die Möglichkeit, die Noten im Abschlusszeugnis zu verbessern, indem man im Herbst nochmals zur Prüfung antritt.

Freiwillig

Eine Regelung, die Bildungswissenschafter Stefan Hopmann für den Fall sinnvoll hielte, dass die Matura in Österreich ebenfalls abgesagt wird. Und er hat einen weiteren Vorschlag: „Man könnte die  Reifeprüfung auf freiwilliger Basis durchführen.“

Die Universitäten in den USA oder in Großbritannien reagieren übrigens auf die Absage der zentralen Prüfungen ziemlich gelassen, weiß Hopmann: „Die meisten Hochschulen haben sowieso eigene Zugangskriterien.“ So schaut man sich häufig an, wie die Schüler in den vergangenen Jahren abgeschnitten haben. Das gilt auch für Österreicher, die im Ausland studieren wollen.