Die Corona-Krise treibt die Politik dazu, die Augen vor unangenehmen Realitäten zu
verschließen.

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Wissen Wissenschaft
08/04/2020

Corona-Test-Psychologie: Warum wir uns lieber tot stellen

Wie Gemeinnutzen und individueller Nutzen in St. Wolfgang miteinander in Konflikt geraten.

von Susanne Mauthner-Weber

Der Befund in deutschen Medien ist eindeutig: „Das ist bitter. Mitten in der Hochsaison hat sich St. Wolfgang zu einem Corona-Hotspot entwickelt“, schreibt die dpa. 79 Infizierte zählte man am 3. August. Und weiter: „Die Schlagzeilen bedrohen das Geschäft im kleinen Ort mit seinen 2.700 Gästebetten.“

Das „europaweit einzigartige Präventionsprogramm“ mit umfassenden freiwilligen Tests sollte nicht zuletzt deutsche Urlauber anlocken. Doch die Umsetzung der Initiative entpuppte sich als schwieriger als gedacht. Wer mit Branchenvertretern spricht, bekommt hinter vorgehaltener Hand immer wieder einen Grund genannt, warum es so wenige Anmeldungen für das Projekt gibt: Es ist die Angst davor, was passiert, wenn es einen positiven Fall im Betrieb gibt – sei es bei einem Gast oder einem Mitarbeiter.

Vogel-Strauß-Politik mit fatalen Folgen? Glaubt der Mensch tatsächlich, dass Dinge weggehen, wenn man sie ignoriert?

Soziales Dilemma

„In der Corona-Pandemie haben wir es mit einem klassischen sozialen Dilemma zu tun. Das liegt dann vor, wenn sich alle auf eine bestimmte Art und Weise verhalten sollten, damit der Nutzen für die Gesellschaft insgesamt optimiert wird. Jedes einzelne Individuum aber eigentlich einen noch größeren Nutzen daraus zieht, wenn es das nicht tut“, sagt Claus Lamm. Der Neuropsychologe von der Universität Wien hat Lockdown-Studien zum Thema Stress sowie Stimmungsveränderung gemacht und führt aus: Infektionsketten unterbrechen und testen stehe fürs Gemeinwohl. Doch der Einzelne habe eine viel höhere Motivation, auszugehen und sich nicht ständig testen zu lassen. Stichwort: Kosten. „Wir stecken in diesem sozialen Dilemma und irrationale Entscheidungsmuster werden stärker“, sagt Lamm.

Rational betrachtet, wüssten wir alle, was zu tun sei: Wir schauen aufeinander und schützen die anderen. Intuitiv sei aber ganz etwas anderes in uns drinnen: „Es wird schon nicht so schlimm sein; wenn alle den Mundschutz tragen, muss ich ja nicht auch noch; mir passiert nichts, ich bin eh jung.“

Schon Sigmund Freud beschäftigte sich mit dem Abwehrmechanismus hinter der „Vogel-Strauß-Politik“: Verleugnung, so nannte er den Prozess der Verweigerung eines Teils der Realität, der als gefährlich oder verletzend angesehen wird. In einem Punkt sind sich alle einig: Wenn man sich weigert, der Gefahr ins Auge zu sehen, wird sie nicht geringer. Im Gegenteil. Mit der Zeit wird sie eher größer, und dann ist es noch schwieriger, mit ihr umzugehen. Und trotzdem erliegen wir Verleugnung stärker, je größer die Gefahr wird.

Komplexe Gefühle

Zu streng dürfe man mit den Leuten aber nicht sein: „Der Mensch ist kein rein rationales Wesen, er folgt einer Art Psycho-Logik und holt sich Informationen nicht, um bestmöglich informiert zu sein, sondern, um sich besser zu fühlen“, analysiert Lamm.

Berücksichtigt man diese emotionale Dimension, löst sich so manche Irrationalität auf: Das Ergebnis der Information, in diesem Fall ein Corona-Test, macht Angst und kann unangenehme Ereignisse in Gang setzen – den ökonomischen Niedergang. Und wenn wir schon dabei sind, darüber zu reden, wie Menschen ticken: Die Situation im Lockdown sei viel einfacher gewesen, obwohl sie gesamtgesellschaftlich viel komplexer war, denkt der Psychologe: „Alle bleiben zu Hause und wer sich nicht daran hält, auf den wird mit dem Finger gezeigt. Sich an diese einfache Regel zu halten, ist weniger kompliziert, als Eigenverantwortung zu übernehmen.“ Letzteres erfordere Mitdenken, sich selbst regulieren, auf sich selbst aufpassen und auf andere auch. „Es ist keine Schwarz-Weiß-Entscheidung, sondern eine mit vielen Grautönen. Damit tut sich der Mensch generell schwerer.“

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