Der schwedische König Carl XVI. Gustav überreicht Quantenphyiker Anton Zeilinger die Nobelpreis-Urkunde und Nobelpreis-Medaille.

© APA/AFP/JONATHAN NACKSTRAND

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Physik-Nobelpreis: So lief die Verleihung an Anton Zeilinger ab

Der schwedische König Carl XVI. Gustaf überreichte den Preis. "Bemerkenswert, wie der Kreis in Österreich begann und in Österreich geschlossen wurde", hieß es bei der Ehrung.

12/10/2022, 02:35 PM | Aktualisiert am 12/10/2022, 06:05 PM

Der österreichische Quantenphysiker Anton Zeilinger hat Samstagnachmittag vom schwedischen König Carl XVI. Gustaf den Physik-Nobelpreis entgegengenommen. Im Stockholmer Konzerthaus wurde er mit seinen Co-Preisträgern in Physik, Alain Aspect und John Clauser, ausgezeichnet. Am Beginn der zweiten Quantenrevolution sei es "bemerkenswert, wie der Kreis in Österreich begann und in Österreich geschlossen wurde", hieß es bei der Präsentation der Physik-Laureaten.

Die feierliche Zeremonie mit rund 1.560 geladenen Gästen wurde mit dem Einzug der königlichen Familie - neben König Carl XVI. Gustaf und Königin Silvia auch Kronprinzessin Victoria und Prinz Daniel - und dem schwedischen Königslied „Kungssången“ eröffnet.

Für den Vorsitzenden der Nobelstiftung, Carl-Henrik Heldin, braucht es angesichts einer Vielzahl von Krisen und Herausforderungen wie den Krieg in Europa, die Energiekrise und den Klimawandel „engagierte Wissenschafter, die unermüdlich nach der Wahrheit suchen und die Grenzen unseres Wissens erweitern“.

In seiner Eröffnungsrede verwies Heldin auf das „höhere Ziel“ der Auszeichnung: „Die Nobelpreisträger sind Teil einer Gemeinschaft, die die Welt auf tiefgreifende Weise verändert hat. Sie demonstrieren die Fähigkeit, die wir als menschliche Wesen haben, unser eigenes Schicksal zu gestalten.“

Mats Larsson, Mitglied des Nobelkomitees für Physik der Schwedischen Akademie der Wissenschaften, würdigte dann die drei Physik-Preisträger. Er erinnerte daran, dass für den österreichischen Physiker und Nobelpreisträger Erwin Schrödinger (ausgezeichnet 1933) die Verschränkung „das charakteristische Merkmal der Quantenmechanik“ war.

Zeilinger und sein Team hätten gezeigt, „wie das schwer fassbare Konzept der Quantenverschränkung nützlich sein kann. Dies war ein riesiger Sprung von Zeilingers österreichischem Vorgänger Schrödinger, und es ist bemerkenswert, wie der Kreis in Österreich begann und in Österreich geschlossen wurde“, so Larsson. Damit habe „die zweite Quantenrevolution begonnen“. Anton Zeilinger ist der vierte österreichischen Nobelpreisträger für Physik:

Kurz vor 16.30 Uhr erhielten dann die Physiker als erste aus der Hand des schwedischen Königs die mit der Auszeichnung verbundenen Insignien: die Nobelpreis-Medaille und -Urkunde. Die Überreichung erfolge dabei in alphabetischer Reihenfolge nach strengem Protokoll: Nach Erhalt von Urkunde und Medaille schüttelten die Preisträger dem König die Hand und verbeugten sich drei Mal: einmal Richtung König, dann Richtung Akademie und schließlich Richtung Publikum.

Hier können Sie die Zeremonie noch nachträglich ansehen. Ab Minute 31:18 ist die Ehrung von Anton Zeilinger zu sehen :

Aspect, Clauser und Zeilinger wurden „für Experimente mit verschränkten Photonen, Nachweis der Verletzung der Bellschen Ungleichungen und wegweisender Quanteninformationswissenschaft“ auszeichnet. Sie teilen sich den mit zehn Mio. Schwedische Kronen (rund 900.000 Euro) dotierten Nobelpreis.

Nach den Physikern folgt die Ehrung der Preisträger für Chemie, Medizin, Literatur und Wirtschaftswissenschaften.

"Nobelpreis ist hochverdient"

Gratulationen an Zeilinger kamen von seinem Nachfolger als Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), Heinz Faßmann: „Heute ist ein großer Tag für den unbeugsamen Grundlagenforscher, Anton Zeilinger, aber auch für die Wissenschaft in Österreich.“ Sein Nobelpreis sei „hochverdient und wirkt weit über die Wissenschaftsgemeinschaft hinaus“, so Faßmann in einer Aussendung der ÖAW.

Zeilinger habe bewiesen, dass man im heimischen Wissenschaftssystem zur Weltspitze zählen kann. Österreich sei im internationalen Vergleich zwar insgesamt „gut aufgestellt“, es gebe jedoch weiter „Nachholbedarf“ bei der Grundlagenforschung. Der budgetäre Wachstumspfad bei den Hochschulen und Forschungsinstitutionen müsse fortgesetzt werden und dürfe nicht zu einem „Zickzack-Kurs“ werden. Man müsse hier, „wie auch Anton Zeilinger bei der Verschränkung, dran bleiben“, sagte Faßmann am Samstag Nachmittag in ORF III.

Der heutige Tag sei ein großer Tag für die Wissenschaft in Österreich, konstatierte auch Zeilingers langjähriger Wegbegleiter, Gregor Weihs: Mit der Zuerkennung des Physik-Preises „haben wir schon lange gerechnet und darauf gehofft“, so der Wissenschafter von der Universität Innsbruck.

"Den eigenen Ideen vertrauen"

In einem Interview für die ORF-Ö1-Interviewreihe "Im Journal zu Gast" hatte Zeilinger zuvor betont, als Wissenschafter solle man  "den eigenen Ideen vertrauen und sich durchaus unbescheidene Ziele setzen." 

Dies habe er von seinem Doktorvater, dem 2019 verstorbenen renommierten Physiker Helmut Rauch, gelernt, sagte Zeilinger. "Vom ihm habe ich das große Fragenstellen gelernt, aber was ich von ihm noch gelernt habe, ist, man soll seinen Ideen vertrauen, selbst dann, wenn man eine falsche Begründung für die Idee gibt."

"Intuition funktioniert nicht logisch"

Zeilinger erklärte im Ö1-Interview, es habe endlose Diskussionen, wissenschaftliche Auseinandersetzungen, zwischen Helmut Rauch und ihm gegeben, "wo er eine Idee äußerte und ich gesagt habe, du, das ist Unsinn, wie du das begründest, aber da hat sich herausgestellt, die Idee war richtig. Das heißt, es gibt eine Intuition, die nicht logisch funktioniert, wo man erst nachher draufkommt, woher kommt das, und das ist ganz ganz ganz wichtig."

Damit exzellente Wissenschaft entstehen könne, sei Begeisterung das Allerwichtigste. "Für mich war mein Physiklehrer im Hietzinger Gymnasium (Fichtnergasse, Anm.) ganz wichtig", erzählte Zeilinger. "Warum war er wichtig? Weil er vollkommen begeistert war von dem, was er gemacht hat. Das ist die allerwichtigste Sache in der Schule, dass man begeistert ist und diese Begeisterung weiter gibt und dadurch authentisch ist und dadurch wirkt."

Er sei davon überzeugt, dass sein Physiklehrer "keine einzige Stunde Fachdidaktik" gelernt habe. Insgesamt haben mit ihm fünf aus seiner Klasse Physik studiert, sagte Zeilinger. "Bei uns gab es keinen einzigen Test in der Physik und keinen Test in der Chemie. Das war ein automatisches Hineinwachsen in die Dinge."  Natürlich habe es auch Leute gegeben, die in Physik in der letzten Reihe saßen und die es nicht interessiert hat, "aber das ist auch ok".

Zur Verleihung des Nobelpreises an ihn sagte Zeilinger, dass er immer wieder Hinweise erhalten habe, "dass ich diskutiert werde oder vorgeschlagen wurde". Ein Physiker aus Saudi-Arabien habe ihm einmal gesagt: "Du wirst den Nobelpreis verliehen bekommen, schau nur darauf, dass du alt genug wirst."

Zeilinger betonte einmal mehr, dass beim Start der Experimente in den 70-er Jahren Helmut Rauch und er "wirklich davon überzeugt waren, das ist sinnlos im Sinne einer Anwendung, wir machen es nur aus Neugierde. Wir wollten wissen ob die Welt sich für einzelne Teilchen wirklich so verrückt verhält wie es die Theorie sagt."

Es sei rein pragmatisch um Fragen gegangen, ob es wirklich so sei, dass ein Teilchen durch zwei Spalten gleichzeitig durchgehen könne oder zwei Teilchen über große Entfernung miteinander verbunden, verschränkt, sein können. "Erst danach kann man die Frage stellen, was es bedeutet, und diese Frage, was es bedeutet, ist bis heute noch nicht wirklich beantwortet."

Dass sich mit diesen Versuchen eine neue Technologie eröffne, sei ihm zum ersten Mal klar geworden wie die Quantenkryptographie, die geheime Verschlüsselung, kam. "Ich sah das am Anfang als eine rein mathematische Geschichte, aber dann, wie die Experimente liefen, war sichtbar, dass mögliche Anwendungen etnwickelt werden könnten."

Er habe dann sogar selbt einen Versuch gestartet, mit Kollegen einen Spin-off (eine Unternehmsgründung auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse, Anm.) zu machen: "Aber ich habe mich daraus zurückgezogen, weil über Euros und Businesspläne nachzudenken ist nicht gut für das Nachdenken über fundamentale Fragen der Wissenschaft."

Dass die Quantenkryptographie die am weitesten entwickelte Anwendung ist, habe laut Zeilinger zwei Gründe: "Sie ist relativ einfach zu verwirklichen. Und das Zweite ist: Es scheint offenbar doch Interesse zu geben, Nachrichten geheim zu halten, nicht nur militärische, sondern auch ökonomische, wirtschaftliche."

Dabei seien die Datenraten, "die wir übermitteln können, sehr gering. Sie sind astronomisch weit weg von dem, was im Internet ausgetauscht wird".

Zeilinger betonte auch, dass die Daten zwar "absolut gesichert" sind, aber nur "solange man keinen Fehler macht". Es gebe einen Kollegen in Kanda, dessen Forschungsgebiet es sei, die bestehenden Systeme zu knacken: "Und er hat viele knacken können, weil sie im Aufbau irgendwo einen Abkürzer gemacht haben. Aber wenn man sich an das Protokoll wirklich genau hält und das kompromisslos durchzieht, dann ist es sicher."

Zeilinger sagte auch, dass er die Möglichkeit gehabt hätte, eine Karriere in den USA zu machen. "Ich habe mich bewusst für Österreich entschieden, weil ich bin Österreicher, ich fühle mich hier einfach wohl, ich kann hier leben." Und er könne auch "mit den seltsamen negativen Eigenschaften unseres Landes" leben, "das ist man gewöhnt, jedes Land hat seine eigenen Probleme."

Besondere Rolle von Wien

Dass der Standort Wien etwas ganz Besonderes sei, habe sehr viel damit zu tun, "dass Wien für junge intelligente Juden der Anlaufplatz in der ganzen Monarchie war.  Kaiser Franz Joseph hatte ja die Juden unter seinen persönlichen Schutz gestellt und signifikanter Teil der großen Beiträge in Wien, in Wissenschaft und Kunst, kam von Juden. Ich glaube, das ist ganz zentral gewesen für die Entwicklung."

Zeilinger, der leidenschaftlicher Segler ist, beantwortete auch die Frage, warum sein Segelboot am Traunsee,"42" heißt: "Das stammt aus ,Per Anhalter durch die Galaxis`(ironischer Science-Fiction-Roman von Douglas Adams, Anm.). Da gibt es einen Riesencomputer, der die Frage nach dem Universum, dem Leben und dem ganzen Rest beantworten soll. Er rechnet und rechnet – und irgendwann spuckt er die Zahl 42 aus. Niemand weiß, was es bedeutet. Für mich ist mein Boot die Antwort."

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