Wissen und Gesundheit
10.11.2017

Wieso der Darm das unterschätzte Superorgan ist

Von Neurodermitis bis Asthma: Die Verdauung beeinflusst die Gesundheit stärker als gedacht.

Zuletzt waren es Studien zur Krebstherapie: Patienten, die in ihrer Darmflora den Keim Akkermansia muciniphila hatten, sprachen häufiger auf Präparate an, die den Tumor für das Immunsystem besser erkennbar machen, zeigten Forscher in Paris. Das Anderson Cancer Center in Texas, USA, analysierte die Darmflora von 112 Patienten mit Hautkrebs: Bei jenen, die eine größere Bakterienvielfalt im Darm hatten, wirkten die Therapien besser.

Kalifornische Forscher fanden heraus: Menschen, die mehr Bakterien der Gattung Prevotella aufwiesen, waren ängstlicher, reizbarer.

"Seit rund zehn Jahren wird das Mikrobiom – die Gesamtheit der Mikroorganismen im Darm – intensiv erforscht", sagt der Gastroenterologe (Magen-Darm-Spezialist) Univ.-Prof. Christoph Högenauer von der MedUni Graz: "Die Zahl der Veröffentlichungen ist explodiert."

Bei vielen Erkrankungen, an denen Prozesse des Immunsystems beteiligt sind, wird die Darmflora mittlerweile als einer der möglichen auslösenden Faktoren gesehen: Nicht nur bei den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa), sondern etwa auch bei Typ-1-Diabetes, Neurodermitis, Asthma, entzündlichem Rheuma oder multiple Sklerose.

Einflüsse von außen

Die Häufigkeit vieler dieser Erkrankungen nimmt deutlich zu. In Frankreich etwa hat sich bei den entzündlichen Darmerkrankungen bei Jugendlichen die Zahl der Betroffenen von 1988 bis 2011 verdoppelt, sagt Gastroenterologe Gottfried Novacek, MedUni Wien. Aber auch die Fälle von Typ-1-Diabetes werden mehr. Genetische Faktoren gab es immer schon, "aber es gibt Hinweise, dass sich durch unsere heutige Lebensweise das Mikrobiom deutlich verändert". Ernährung (riskant sind viel rotes Fleisch und tierisches Fett, schützend Obst und Gemüse), Medikamente oder auch Tabakkonsum spielen eine Rolle.

"Antibiotika sind wichtige Medikamente, aber ein unkritischer Einsatz ist zu hinterfragen", sagt Högenauer. Auch Zusatzstoffe in Lebensmitteln haben einen Einfluss: "Zuckerersatzstoffe verändern das Mikrobiom – ob das gut oder schlecht ist, wissen wir noch nicht." Ein Teil des Mikrobioms wird von Generation zu Generation weitergegeben – was die Auswirkungen verstärkt. "Mikroben spielen möglicherweise eine entscheidende Rolle, in welche Richtung das Immunsystem ausschlägt." Allerdings: Eine To-do-Liste für das eigene Verhalten könne man nicht so einfach herausgeben.

Krebs verändert Bakterienzusammensetzung

Studien aus Österreich haben auch gezeigt, dass z. B. bei Patienten mit Dickdarmkrebs die Zusammensetzung der Darmbakterien verändert ist. Das könnte ein Ansatz für neue Therapien sein, sagt Alexander Moschen von der MedUni Innsbruck: Man könnte bestimmte Eigenschaften von Bakterien blockieren – und so die Krebsentstehung hemmen.

"Mittlerweile wird das Thema Darm-Mikrobiom bereits von vielen nicht seriösen Gesundheits- und Lifestyle-Beratern aufgegriffen", warnt Högenauer. Aus teuren Analysen der Darmflora werden Rückschlüsse auf die Gesundheit gezogen. "Ebenso gibt es eine Vielzahl an Diäten, Kuren oder Nahrungsergänzungsmitteln, von denen behauptet wird, ein gestörtes Mikrobiom wieder ins Gleichgewicht zu bringen." Doch wissenschaftliche Belege fehlen in der Regel: "Und die Patienten geben aus Verzweiflung sehr viel Geld dafür aus."

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Es ist keine Routinetherapie, sie ist nicht für jeden geeignet – und man sollte sie nicht außerhalb von spezialisierten Zentren durchführen: Eine Stuhltransplantation zur Behandlung von chronischen Darmerkrankungen. Aber für einen Teil der Patienten, wo sonst nichts mehr wirkt, könnte sie in Zukunft eine zusätzliche Behandlungsmöglichkeit werden. Das zeigt eine Studie der MedUni Graz. Von 17 Patienten mit dem Darmleiden Colitis ulcerosa, die auf nichts mehr ansprachen, kam es bei zehn zu einer Besserung. Bei vier Patienten verschwanden die Beschwerden wie Bauschmerz und Durchfall zur Gänze. „Den besten Effekt gab es dort, wo bei den Stuhltransplantaten der Spender (sie werden über ein Endoskop in den Darm gebracht, Anm.) bestimmte Bakterien besonders häufig vorhanden waren.

„Ob diese Therapie erfolgreich ist oder nicht, scheint von der Zusammensetzung des Mikrobioms der Spender abhängig zu sein“, sagt Studienleiter Christoph Högenauer. Deshalb gehe die Forschung dahin, Präparate aus Darmbakterien zu entwickeln , die jene besonders wirksamen Keime enthalten. Diese könnten dann den Patienten in Kapselform verabreicht werden – als „Next Generation Probiotics“.