Attackierte Krebszelle: Immuntherapien lösen die Bremsen der Abwehr.

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Neue Verfahren
10/21/2016

Wie Patienten von neuen Krebstherapien profitieren

Onkologe Zielinski nach Europa-Kongress: Immuntherapien bringen großen Sprung nach vorne.

von Ernst Mauritz, Manuela Eber

"Die Immuntherapie bei Krebserkrankungen ist einer der größten Fortschritte des vergangenen Jahrhunderts, davon bin ich überzeugt." Das sagt der Onkologe Univ.-Prof. Christoph Zielinski, Koordinator des Wiener "Comprehensive Cancer Center" der MedUni Wien und des AKH Wien. Er war einer der Organisatoren des großen Europäischen Krebskongresses (ESMO), der vor Kurzem in Kopenhagen stattgefunden hat. Gab es bisher vor allem beim fortgeschrittenen Melanom (schwarzer Hautkrebs) gute Ergebnisse, zeigen in Kopenhagen präsentierte Studien auch Fortschritte in anderen Bereichen.

KURIER: Was ist das Besondere an der Immuntherapie?

Christoph Zielinski: Sie bedeutet einen großen Sprung nach vorne bei unseren Therapiemöglichkeiten – und das bei einer zunehmenden Zahl von Krebserkrankungen. Neue Medikamente lösen die Blockade, die der Tumor auf die Zellen des Immunsystems in seiner Umgebung ausübt. Wir haben hier eine neue Sichtweise auf die Krebserkrankungen. Der erste Durchbruch gelang beim fortgeschrittenen Melanom: Bei bis zu zwei Dritteln der Patienten konnte hier die durchschnittliche Überlebenszeit von mehreren Monaten auf zwei bis drei Jahre verlängert werden. Das ist sehr bemerkenswert. Jetzt sehen wir deutlich bessere Ergebnisse im Vergleich nur zur Chemotherapie oder bei einer Kombination mit Chemotherapie auch bei anderen Krebsarten, etwa bei bestimmten Formen von Lungenkrebs, Blasen- oder Nierenzellkrebs. Auch bei Tumoren im Kopf- und Halsbereich sowie Magenkrebs sind vielversprechende Forschungsergebnisse am Horizont.

Welche Entwicklung gibt es beim Lungenkrebs?

Hier gibt es die größten Fortschritte beim nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom, das rund 80 Prozent aller Lungenkrebsfälle ausmacht. Für Aufsehen hat eine Studie mit dem Antikörper Pembrolizumab gesorgt: 45 Prozent der dafür ausgesuchten Patienten sprachen auf die Behandlung an, nur 28 Prozent auf die Chemotherapie. Die Zeitdauer bis zum Fortschreiten der Erkrankung stieg von sechs auf mehr als zehn Monate – im Schnitt. Bei vielen Patienten war es deutlich länger. Wir heilen diese Menschen nicht und die neuen Therapien wirken auch nur rund bei einem Drittel aller Patienten, aber die Erfolge sind trotzdem bemerkenswert. Und während bisher zuerst immer Chemotherapie und dann erst eine Immuntherapie eingesetzt wurde, zeigte sich in dieser Studie: Die Immuntherapie ist von Anfang an der Chemotherapie überlegen.

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Die neuen Therapien sind extrem teuer. Bekommt sie in Österreich noch jeder, der sie auch braucht?

Ja, davon bin ich überzeugt. Natürlich sind die Kosten sehr hoch, die Melanomtherapie etwa kostet im ersten Jahr rund 200.000 Euro, im zweiten 120.000 Euro. Aber man darf die Medikamentenkosten nicht isoliert sehen: Die Gesellschaft spart sich Pflegekosten, die Menschen können früher – oder überhaupt erst durch diese Therapien – in den Beruf zurück. Das heißt: Der wissenschaftliche Fortschritt wird direkt in einen gesellschaftlichen Fortschritt übersetzt.

Eine auf dem Krebskongress präsentierte Studie zeigte: In Westeuropa werden immerhin 70 Prozent der Melanompatienten mit den neuen Therapien versorgt, in Osteuropa weniger als zehn Prozent.

Wenn ich in Wien in ein Flugzeug steige, ist es – mit Ausnahme des Westens – ziemlich egal, in welche Richtung ich in Europa fliege: In den meisten Zielländern – auch in EU-Staaten – bekommen die Patienten die modernen Therapien nicht. Hier ist die Europäische Union aufgefordert, auch eine soziale Union zu werden. Wenn ein Staat nicht Bildung, Gesundheits- und Altersvorsorge garantieren kann, ist man bald bei anarchischen Gedanken und denkt sich: Wofür zahle ich eigentlich meine Steuern? Auch in Österreich muss man sich überlegen: Was muss ich am Gesundheitssystem verändern, damit andere Ausgaben zurückgehen und ich auch in Zukunft niemandem die Medikamente vorenthalten muss? Wir haben in Österreich immer noch eine der höchsten stationären Aufnahmeraten in Spitäler in Europa und da stellt sich schon die Frage: Warum eigentlich?

Muss man aber nicht auch die Treffsicherheit der neuen Therapien erhöhen?

Natürlich, das sind wir der Gesellschaft schuldig. Schon jetzt erhalten diese teuren Therapien nur Patienten, bei denen zum Beispiel aufgrund genetischer Merkmale ein Ansprechen auf die Medikamente erwartbar ist. Hier werden uns aber in den kommenden Jahren sicher zusätzliche Merkmale für eine genauere Eingrenzung von Patientengruppen zur Verfügung stehen. Generell sind die Immuntherapien – im Vergleich mit anderen Therapieformen – aber unverzichtbar. Die Europäische Gesellschaft für medizinische Onkologie hat den Nutzen einzelner Therapien verglichen. Die Immuntherapien haben die beste Bewertung bekommen, auch wegen der relativ geringen Nebenwirkungen.

Welche Bedeutung hat die Grundlagenforschung?

Die Immuntherapie ist das klassische Beispiel der Umsetzung von Grundlagenforschung im Labor in die klinische Praxis – und das innerhalb von nur wenigen Jahren. Es ist die Forschung, die die Aussichten für Krebspatienten in den vergangenen zehn Jahren massiv verbessert hat. Früher haben wir vergleichsweise mit Kanonen auf Spatzen geschossen, heute analysieren wir Tumore nach molekularbiologischen Gesichtspunkten. Ein Drittel der gesamten medizinischen Innovationen findet derzeit im Bereich der Onkologie statt. Das Comprehensive Cancer Center der MedUni Wien publiziert 15 Prozent aller Studien unserer Universität. Die MedUni Wien rangiert im Bereich der klinischen Forschung bereits auf Platz 24 der medizinischen Unis Europas – das ist sensationell.

Wenn man analysiert, wie häufig Studien des Comprehensive Cancer Center weltweit von anderen Forschern zitiert werden, und das mit den Ergebnissen der renommierten Harvard University vergleicht, zeigt sich, dass wir schon ziemlich nahe an Harvard herangerückt sind. Umso wichtiger wäre es, mehr im Bereich Forschung zu investieren, um ein Zurückfallen – zum Schaden der Patienten – zu verhindern.

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