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23.07.2018

Warum der Mensch Rekorden hinterherjagt

Wir gieren ständig nach Höchstleistungen. Verantwortlich dafür sind Hormone, die uns in einen Gefühlstaumel versetzen.

Charles Vance Millar aus Toronto war Exzentriker und berüchtigt für seinen eigenwilligen Humor. Zum Beispiel legte er gerne Ein-Dollar-Noten auf den Gehsteig, um zu sehen, wie sich die Leute die Geldscheine angeln. Mit seinem Testament übertraf der reiche Anwalt und Pferdenarr sich allerdings selbst: Sein Vermögen sollte an jene Frau gehen, die zwischen 1926 und 1936 die meisten Kinder bekommen würde, verfügte er. Das erbitterte „Great Stork Derby“, das daraufhin in Kanada losbracht, ist ein Extrem-Beispiel für die Rekordsucht des Menschen. Die Motive dahinter, sind allerdings nicht immer so eindeutig wie beim Storchen-Derby.

Der Drang, etwas Außerordentliches zu leisten und jene 15 Minuten Ruhm auszukosten, die laut Andy Warhol jedem Menschen gebühren, kann wohl keiner besser analysieren als der Chefredakteur des Guinness Buch der Rekorde: „Es gibt mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Welt. Im Rekordbuch aufzutauchen, ist eine Art, sich zu unterscheiden“, sagte Craig Glenday einmal. Jahr für Jahr verbucht „Guinness World Records“ 50.000 neue Anmeldungen weltweit. Zunehmend zur Rekordjagd geblasen werde in China und Indien – kein Wunder angesichts der Einwohnerzahlen.

Als Alexander von Humbodt 1802 den damals höchsten bekannten Berg der Welt, den Chimborazo, zu besteigen versuchte, war kein Mensch zuvor je höher gekommen: Auf ca. 5000 Meter musste er umkehren, trotzdem blieb er lange der Erste in so lichten Höhen.

Erbe der Vorfahren

Woher aber kommt das Bedürfnis, schneller zu sein, höher hinaus oder weiter vorangekommen zu sein als alle anderen? Weshalb riskiert jemand Kopf und Kragen, um beim Extrembergsteigen oder Apnoe-Tauchen neue Maßstäbe zu setzen? Warum will jeder besser sein als der andere und Sphären entdecken, wo zuvor kein Mensch gewesen ist? Weil wir nur dann ein hormonelles Feuerwerk erleben – so, als ob wir ein Aufputschmittel eingeworfen hätten, wissen Forscher.

Der Wille zum Sieg kommt ursprünglich vom Willen zum Überleben und entwickelte sich in der afrikanischen Savanne der Vorzeit: Wer nicht kämpfte, überlebte nicht. Im täglichen Kampf gegen wilde Tiere, Hunger und Feinde war nur Platz für Siegertypen. Das prägte – auch die Gene.

Ein Blick ins Lexikon gibt zusätzlichen Aufschluss: Das Wort Rekord kommt vom lateinischen recordari und bedeutet „sich einer Leistung oder eines Ereignisses zu erinnern, das besser ist als sämtliche vergleichbaren Leistungen oder Ereignisse“. Ob Grabsteine im antiken Rom oder Gedächtnissteine im antiken Griechenland: Rekorde wurden immer und überall aufgeschrieben. Auch im Mittelalter in Japan, wo die Reissack-Träger Wettkämpfe austrugen, um die größte Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen und so den höchsten Stundenlohn zu ergattern. Die Rekordlisten wurden in Klöstern für alle sichtbar ausgehängt.

Heute geht es – anders als in der Steinzeit – nicht mehr täglich ums Überleben. Der moderne Alltag ist eher auf Risikominimierung ausgelegt. Daher hat sich, wer aus dem Trott ausbrechen, Grenzen überschreiten und als jemand Besonderes wahrgenommen werden will, Ersatz gesucht: Sport, Abenteuer und Entdeckungen zum Beispiel. Wer andere übertrifft oder etwas zum ersten Mal schafft, erlebt denselben Rausch wie Steinzeitmenschen, wenn sie ein Mammut erlegt hatten. Hormone versetzen uns in einen Gefühlstaumel: Das Gehirn produziert das körpereigene Dopamin, das uns wach und lebendig macht. Die Nebennieren pumpen vermehrt Adrenalin in den Körper. Endorphine, Nebennieren- und Sexualhormone werden ausgeschüttet. Es handelt sich um einen überaus komplexen Regelkreis, der immer mit Erregung gekoppelt ist.

Die Wienerin Ida Pfeiffer war eine der größten Abenteurerinnen, besuchte sogar Kannibalen und gilt als erste weltreisende Frau.

Rekordsucht

Das kann schon süchtig machen. So dürfte es Steve Fossett ergangen sein. Jahrelang hat er versucht, als Erster alleine im Ballon um die Erde zu fliegen. Nachdem ihm das 2002 endlich gelungen ist, war das für ihn nur ein Schritt auf dem Weg zu weiteren Rekorden. Typisch für Extremsportler. Sie dürften genetisch darauf programmiert sein, Aufregung besonders zu genießen. Haben sie ihr Ziel aber erreicht , fallen sie in ein „depressives Loch des Erfolges“, wie Forscher es nennen – und jagen fast zwanghaft dem nächsten Kick hinterher.

Fossett stellte mehr als hundert Weltrekorde auf, unter anderem 2005, als er allein und ohne Zwischenstopp in einem Flugzeug die gut 42.000 Kilometer um die Welt flog. Außerdem schwamm er durch den Ärmelkanal, durchquerte mit dem Hundeschlitten Alaska, bestieg Achttausender und umrundete mit einem Segelschiff den Globus. 2007 startete er zu seinem letzten Flug, von dem er nicht zurückkehren sollte. Erst im darauffolgenden Jahr fand man seine Überreste.

Als die deutsche Industriellentochter Clärenore Stinnes 1927 aufbrach, gab es für viele Teilstrecken, die ihr bevorstanden, noch gar keine für Automobile geeignete Straßen. Trotzdem schaffe sie als erste die Weltumrundung mit dem Auto.

Last des Erfolgs

Der Drang nach Erfolg liegt in unseren Genen, schreibt auch der Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf in seinem Buch Warum wir siegen wollen: „Wir sind Sieger-Typen weil unsere Vorfahren überlebten, die das auch waren.“ Folglich werde eine Kultur nur weiterexistieren können, wenn sie den Konkurrenzkampf mit anderen Kulturen annimmt. „Sie hat keine andere Wahl, wie auch jeder Mensch für sich. Wer nicht weiter siegen will, gibt sich auf. Die Nachkommen von Siegern zu sein, ist unsere Last.“

Jacques Piccard war der Erste ganz unten: 1960 tauchte er mit der „Trieste“ so tief wie niemand vor und nach ihm – bis auf 10.912 Meter.

Aufstieg

Die Rekord-Mentalität ist uns aber nicht nur in die Wiege gelegt – oft bestimmt die Psyche über Triumph oder Niederlage. Wer es schafft, steht als Alpha-Tier im Zentrum der Aufmerksamkeit einer Gruppe. Und diese führende Rolle ist genauso gut wie die Best-Leistung selbst. „Das führt zum Aufstieg in der Hierarchie“, sagt die Anthropologin Katrin Schäfer von der Universität Wien.

In der Entwicklungsgeschichte des Menschen war der soziale Status eines der wichtigsten Kriterien bei der Partnerwahl. „Da für die Vorzeit-Frau sehr viel davon abhing, ob sie sich mit dem ,richtigen‘ Mann einließ, war sie wählerisch – besonders, was Ehrgeiz, Stärke und athletische Fähigkeit des Partners angeht.“ Denn damit entschied sich, ob Kinder überhaupt versorgt werden konnten. Das wiederum trieb die Männer an – Ambitionierte und Dominante waren erfolgreicher.

Google-Manager Robert Alan Eustace sprang 2014 mit einem überlegenen Weltraum-Anzug aus 41.400 m Höhe und entthronte damit Felix Baumgartner als König der Lüfte.

Wobei – und das sollte uns Normalos trösten – oft ist David viel beliebter als Goliath. Der Grund: Dauer-Streber machen uns Angst, weil sie unser Selbstbewusstsein untergraben. Um das zu verhindern, versuchen wir, sie abzuwerten, etwa indem wir sie als überheblich beschimpfen.

Ganz abwegig sind solche Vorwürfe nicht. Anhaltender Erfolg kann Menschen verändern und im Größenwahn enden. So haben Untersuchungen ergeben, dass Siegertypen dazu neigen, Unterlegene unhöflicher und mitunter geradezu boshaft zu behandeln. Kein Wunder, um erfolgreich zu sein, ist es nötig, eigene Interessen über das Wohl anderer zu stellen. Vor allem Pioniere müssen oft egoistisch handeln, um erfolgreich zu sein.

Selbstreflexion

Das ständige Umschalten zwischen dem Streben nach Extremen und dem Rest des Lebens ist anstrengend und erfordert vor allem eines – Selbstreflexion. Denn wer von allen hofiert wird, verliert leicht den Bezug zur Realität und hebt ab.

Das dürfte den Rekordmüttern von Toronto übrigens nicht passiert sein: Jede der vier Gewinnerinnen hatte binnen zehn Jahren neun Babys bekommen. Die je 125.000 Dollar (heutiger Wert: knapp 1, 5 Millionen Euro) investierten die sozial schwachen Familien in Häuser, Möbel und Urlaub. „Wir werden jetzt sicher nicht anfangen, zu protzen“, sagte Kathleen Nagle, eine der Rekord-Mütter 1938.

P.S. Wie viele Frauen sich am Fortpflanzungsrekord-Versuch beteiligt haben, ist nicht überliefert. Angeblich verdanken aber 120 Kinder dem Storchen-Derby ihr Leben.