Wissen
16.08.2018

Tablettensucht: Wie Abhängige an die Medikamente kommen

Häufiger Arzt- und Apothekenwechsel sowie das Internet ermöglichen es, immer wieder an Schlaf- oder Schmerzmittel zu kommen.

Der Medikamentenmissbrauch in Österreich nimmt deutlich zu – darauf machte Anfang der Woche der Suchtexperte Michael Musalek, ärztlicher Leiter des Anton-Proksch-Instituts in Wien, aufmerksam – an Daten über diese „stille Sucht“ fehle es aber (der KURIER berichtete). Doch wie kommen Abhängige an die Medikamente?

„80 bis 85 Prozent aller Schlaf- und Beruhigungsmittel werden von Ärzten verschrieben“, sagt Musalek. Die Behandlung mit zahlreichen Psychopharmaka und Schmerzmitteln „stellt eine Gratwanderung zwischen der Verwendung von wirksamen medikamentösen Mitteln und dem Risiko für ein zusätzliches Problem, der Entwicklung von Missbrauch und Abhängigkeit, dar“, schreibt Suchtexperte Reinhard Haller in der Österreichischen Ärztezeitung. „Die Medikamente wirken ja gut und sind in vielen Fällen ein Segen“, so Haller zum KURIER. Gleichzeitig gebe es aber auch einen „starken Verschreibungsdruck“ vonseiten der Patienten. Und durch den Ärztemangel und die große Zahl an Patienten könne es schon auch passieren, dass ein Arzt „eher zu Medikamenten greift“.

Von Arzt zu Arzt

Ein massives Problem sei das „Doktor-Hopping“ bzw. „Doktor-Shopping“, betonen sowohl Haller als auch Musalek. Edgar Wutscher, Obmann der Bundessektion Allgemeinmedizin der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK): „Das ist eines der Grundprobleme. Wenn ich als Allgemeinmediziner einem Patienten sage, ,jetzt ist Schluss mit dem oder dem Medikament‘, kann es durchaus sein, dass er wohlwollend das letzte Rezept nimmt und sich einen anderen Arzt sucht.“ Das setzt aber Ärzte unter Druck, weil sie Patienten verlieren, so Musalek.

Zeitdruck spielt aus Sicht von Wutscher keine Rolle: „Wenn ein Patient kommt und sagt, er brauche nur ein neues Rezept für sein Schlafmittel, ist es kein großer Zeitaufwand für mich nachzusehen, wann er zuletzt bei mir war – das dauert zehn Sekunden.“ Und das Drängen der Patienten auf ein Rezept gebe es zwar, bei den Schmerzmitteln noch viel mehr als bei den Psychopharmaka: „Aber der Wunsch eines Patienten kann doch nicht über eine Medikamentenverschreibung entscheiden.“

Doch zunehmend umgehen Medikamentensüchtige ohnehin die Ärzte: „Die Medikamentenbeschaffung über das Internet nimmt zu“, sagt Musalek. Diese Beobachtung macht auch Philipp Saiko, Präsident der Apothekerkammer Wien. Abgesehen davon, dass in Österreich der Versand von rezeptpflichtigen Medikamenten verboten ist, „sind mehr als 95 Prozent der aufgegriffenen Medikamente aus dem Internet Fälschungen, also 19 von 20 Packungen“, sagt Saiko. „Entweder ist gar nicht das enthalten, was auf der Packung steht – oder es gibt grobe Qualitätsmängel wie starke Verunreinigungen, bis hin zum Nachweis von Giftstoffen“.

Wird ELGA helfen?

Was den häufigen Arzt- und Apothekenwechsel betrifft, erwartet sich Saiko eine „deutliche Verbesserung“ durch die Elektronische Gesundheitsakte (ELGA) und die „e-Medikation“: Von Ärzten verordnete und in der Apotheke abgegebene Medikamente werden für ein Jahr gespeichert. „Damit kann jeder Arzt sehen, wann zuletzt bestimmte Medikamente verschrieben wurden. Und auch alle rezeptfreien Präparate werden erfasst. Damit sollte ein Missbrauch deutlich erschwert werden – davon bin ich überzeugt.“

Allgemeinmediziner Wutscher bleibt skeptisch: „Erfahrungen aus einem Pilotprojekt in Tirol haben gezeigt: Auch Patienten, die sich nicht von ELGA abgemeldet haben, sind dagegen, dass Psychopharmaka gespeichert werden. Das ist ihr gutes Recht.“ Ähnlich Musalek: „Man kann auch privat zu einem Arzt gehen, um ein Rezept zu bekommen. ELGA wird vielleicht ein bisschen etwas verbessern. Aber die Lösung eines Suchtproblems kann nie über eine Verwaltungsmaßnahme gelingen, sondern nur über die Aufklärung der Bevölkerung.“ Und: „Wir müssen das Bewusstsein bei allen Gruppen erhöhen, bei den Fachärzten, den Allgemeinmedizinern, den Apothekern und den Patienten.“