Chronik | Wien
05.02.2018

Benzodiazepine: 140.000 süchtig nach dem Wundermittel

Sie helfen bei Schlafstörungen und Depressionen. Und machen sehr schnell süchtig.

Sie sind wahre Wundermittel: Benzodiazepine helfen gegen Schlafstörungen und Angstzustände oder bei Depressionen. Entsprechend oft werden sie Patienten verschrieben. Doch das Wundermittel hat einen Haken: Es macht rasch süchtig. Rund 140.000 Österreicher sollen laut Schätzungen des Gesundheitsministeriums davon abhängig sein. Laut einer Erhebung von IMS Health wurden allein im Jahr 2016 in Österreich mehrere Millionen Packungen verkauft.

Gabriele Fischer leitet die Drogenambulanz im Wiener AKH. Sie will Benzodiazepine nicht per se verteufeln. "Diese Medikamente sind nicht wegzudenken, sie sind großartig. Aber wenn sie zu lange oder in zu hoher Dosis eingenommen werden, bringt das Probleme." Menschen würden plötzliche "absurde Handlungen setzen", sagt sie. Die Konzentration leidet, Betroffene werden vergesslicher und umständlicher. "Und schließlich birgt das auch Gefahren im Straßenverkehr", sagt Fischer.

Bei der Polizei nimmt man das Problem sehr wohl wahr – speziell bei Verkehrskontrollen. Genaue Zahlen führt man aber nicht. Auch Richter werden laufend in Verfahren mit der Substanz konfrontiert.

"Psychiater-Mangel"

Eine Ursache sieht Fischer im Psychiater-Mangel. Betroffene würden oft vom Hausarzt therapiert. "Da gibt es ein Ausbildungsdefizit, teils wird zu viel Benzodiazepin verschrieben", meint sie. Wobei: Mittlerweile würde dieses Thema im Medizinstudium behandelt werden.

Ein Umstand, den Christa Radoš, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, als "Meilenstein" bezeichnet. "Bis 2015 war das Fach Psychiatrie in der Ausbildung von Allgemeinmedizinern nicht vorgesehen. Jetzt gibt es drei Monate verpflichtende Ausbildung. Das Bewusstsein für die Problematik steigt."

Doch Kontrollsystem gibt es keines. "In Österreich sind das die Krankenkassen. Da diese Medikamente billiger sind als die Rezeptgebühr, fällt das nicht auf", meint Suchttherapeutin Fischer.

Erste Station: Hausarzt

Die Kritik will Edgar Wutscher, Obmann der Sektion der Allgemeinmediziner, nicht auf seinem Berufsstand sitzen lassen. "Dieser Vorwurf kommt immer wieder auf. Aber der Hausarzt ist nun einmal der erste Ansprechpartner. Und wir unterschätzen Benzodiazepine nicht. Wir wissen um ihr Suchtpotenzial."

Als Hausarzt sei man täglich mit Patienten konfrontiert, die an psychischen Erkrankungen leiden. "Diese Erkrankungen nehmen zu. Auch deshalb, weil der Stress wächst und die Gesellschaft erwartet, dass man funktioniert. Du darfst heute einfach nicht mehr sagen: ,Mir geht’s schlecht.’ Das wird nicht mehr akzeptiert." Entsprechend würden auch die Verschreibungen derartiger Medikamente zunehmen.

Laut dem "Epidemiologiebericht Sucht" des Gesundheitsministeriums sind Benzodiazepine zwar rückläufig, dennoch "gaben 13 Prozent aller Klienten, die 2015 eine längerfristige ambulante Betreuung begannen, Benzodiazepine als Leitdroge an. (...) Frauen nennen Benzodiazepine mit 17 Prozent deutlich öfter als Männer (12 Prozent)." Bei 123 Todesfällen durch Drogen 2015 seien 89-mal Benzodiazepine festgestellt worden. Das liege daran, dass Süchtige auch oft an psychischen Erkrankungen leiden.

„Langsamer, schrittweiser“ Entzug als Therapieform

Eine Abhängigkeit von Benzodiazepinen ist nur sehr schwer zu behandeln, heißt es von der Wiener Sucht- und Drogenkoordination. Es gibt dann zwei Möglichkeiten: „Eine stationär durchgeführte Entzugstherapie dauert drei bis sechs Wochen. Ein ambulanter Entzug gelingt nur, wenn man die Dosis langsam, schrittweise und über Monate hinweg reduziert“, sagt Hans Haltmayer, Arzt und Beauftragter für Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien.

Dabei würden die Patienten langsam vom Medikament entwöhnt. Gleichzeitig lernen sie alternative Bewältigungsstrategien aufzubauen, um etwa mit verschiedenen Entspannungstechniken Schlafprobleme zu behandeln.

Tatsächlich einen Entzug zu machen, sei jedoch keine leichtfertige Entscheidung. „Sucht ist nach wie vor ein Tabuthema. Sich zu outen, ist in gewisser Weise mit der Gefahr der sozialen Ächtung verbunden. Es wird noch immer als Zeichen der Schwäche interpretiert“, sagt Haltmayer. Frauen würden öfter und schneller über ihren Schatten springen und Hilfe suchen. „Männer entscheiden sich für den Entzug meist erst, wenn weiterführende Probleme durch die Sucht entstehen – wenn sie etwa ihren Führerschein verlieren oder am Arbeitsplatz Schwierigkeiten bekommen.“