Wissen und Gesundheit
20.11.2016

Social Media: So reagiert man richtig auf Hass und Desinformation

Erfundene Geschichten erobern die sozialen Netzwerke und machen Stimmung. Ein Patentrezept, damit umzugehen, gibt es nicht.

Der Mann muss es wissen: Paul Horner glaubt, "dass Donald Trump wegen mir bald im Weißen Haus sein wird." Das Geschäftsmodell des 38-Jährigen ist einfach: Er stellt Falschmeldungen ins Netz, mit denen er Emotionen weckt. Beispiel: "Michelle Obama ist ein Mann." Oder: "Franziskus unterstützt Donald Trump." Je mehr darauf reagieren, desto mehr Werbeeinnahmen erhält Horner.

Starke Verbreitung von Falschmeldungen

Solche Falschmeldungen wurden vor den US-Wahlen auf Facebook häufiger geteilt als seriöse Informationen, wie Analysten herausgefunden haben. Auch auf Seiten, die von Österreichern geteilt oder kommentiert werden, tummeln sich viele Nachrichten, die sich bei genauerer Betrachtung als Fake (Falschmeldung) erweisen. So wurde von einem FP-Gemeinderat das Posting des "Grünpolitikers Tobias Weihrauch" geteilt, der angeblich dazu aufruft, möglichst viele Afrikaner nach Europa zu holen. Der Witz an der Geschichte: Den grünen Politiker gibt es gar nicht, ergo kann er nichts gepostet haben. Verbreitung fand seine Aussage dennoch.

Kritik an Facebook wird lauter

Kein Wunder also, wenn die Kritik an sozialen Medien wie Facebook lauter wird – auch aus den eigenen Reihen. Laut dem Portal BuzzFeed hat sich eine "Task Force" aus abtrünnigen Facebook-Mitarbeitern gebildet, die gegen Desinformation in dem sozialen Netzwerk vorgehen wollen. Doch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wiegelt ab – er wolle vorsichtig sein und sich nicht zum Schiedsrichter über die Wahrheit machen.

Kommentar: Facebook ist längst außer Kontrolle

Aha-Erlebnisse

Bleibt es also am Internet-Nutzer, sich ein Bild darüber zu machen, welche Quellen seriös sind und welche nicht. Kein leichtes Unterfangen. Das Patentrezept, wie man mit falschen Geschichten und Verschwörungstheorien umgeht, gibt es nicht. Informationen auf ihre Herkunft und auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, ist nämlich nicht so einfach. "Quellenkritik und Medienkompetenz müssen über einen langen Zeitraum hinweg eingeübt werden", sagt Matthias Jax von saferinternet.at. Und zwar von klein auf: Der Verein macht regelmäßig Workshops in Schulen und Jugendeinrichtungen, um junge Menschen im Umgang mit dem Internet und sozialen Medien zu schulen.

"Für viele ist es ein Aha-Erlebnis, wenn sie feststellen, dass eine Geschichte, die sie auf Facebook geteilt haben, so gar nicht stimmt. Oder wenn sie entdecken, dass sie sich mehr von ihren Gefühlen als von ihrem Verstand leiten lassen, wenn sie auf ein Posting reagieren. Wer sich dessen bewusst ist, der ist beim nächsten Mal vorsichtiger", sagt Jax.

Seriöse Quellen suchen

In den Workshops geben Jax und seine Kollegen den Schülern Tipps, die nicht nur für Jugendliche relevant sind: Sie sollen z.B. schauen, ob Nachrichten nur auf einer Internetseite zu finden sind, oder ob mehrere seriöse Quellen deren Aussagen bestätigen. Auch die Zahl von Abonnenten oder Followern sind ein Indiz für die Vertrauenswürdigkeit einer Seite. Hat jemand nur wenige Facebook-Freunde ist das oft ein Anzeichen dafür, dass hinter dem Profil keine wirkliche Person steckt, sondern von jemandem angelegt wurde, der einen ganz bestimmten Zweck damit erfüllen will – etwa Gerüchte streuen.

Unterschiedliche Ergebnisse beim Googeln

Erhellend ist es für viele auch zu sehen, was passiert, wenn sie ein- und denselben Begriff, in verschiedene Suchmaschinen eingeben. Oder wenn verschiedene Personen z.B. googeln: "Die Ergebnisse können sehr unterschiedlich sein. So kann man erklären, wie Algorithmen, also Formeln, dafür sorgen, dass wir die Welt verschieden wahrnehmen." Die Suchergebnisse sind zwar ähnlich, aber manchmal anders gewichtet. Für jeden User wird so eine eigene Wahrheit geschnitzt. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen in ihrer eigenen Realität, in ihrer Blase leben.

Kinder zu kritischen und mündigen Bürgern zu erziehen, sei aber nicht nur Aufgabe der Schule: "Da braucht es alle: Lehrer, Eltern, aber auch Leiter von Jugendgruppen und viele mehr. Es sind die Erwachsenen, die mit gutem Beispiel vorangehen müssen."

Lesen Sie morgen im KURIER: Wie Algorithmen unser Leben und Denken bestimmen

Das Online-Lexikon Wikipedia ist für viele Schüler die Hauptquelle für ihre Referate. Doch seit alle Maturanten eine vorwissenschaftliche Arbeit schreiben müssen, überlegen sie sich eher, auf welche Quellen sie sich verlassen können – auch weil Lehrer das fordern. Ein wichtiger Schritt in Richtung vermehrtes kritisches Denken.

Selbstständiges, kritisches Denken fördern

Für Bundesschulsprecher Harald Zierfuß reicht das nicht aus, wenn es darum geht, junge Menschen zu Staatsbürgern zu erziehen. Wie schon seine Vorgänger fordert er politische Bildung als eigenes Unterrichtsfach ein. „Hier sollte man das theoretische Rüstzeug erhalten und erfahren, was demokratische Institutionen sind, und welche Positionen die Parteien vertreten. Für einige ist es erstaunlich, wenn sie merken, dass sie sich Vorstellungen über Parteiprogramme gemacht haben, die mit der Realität wenig zu tun haben.“ Es geht aber nicht nur um Wissen: „Es muss offen diskutiert werden. Wir wollen zum kritischen, selbstständigen Denken anregen.“

Im Bildungsministerium verweist man darauf, dass der Umgang mit sozialen Medien bereits jetzt Teil des Unterrichts sei – und zwar im Fach „Geschichte und politische Bildung“. Mehr ginge derzeit nicht: „Ansonsten müssten wir in anderen Fächern Stunden kürzen, z.B. in Kunst oder Sport. Das wollen wir nicht“, heißt es aus dem Büro von Bildungsministerin Sonja Hammerschmid. Und man verweist auf die Ganztagsschule, wo es genügend Zeit und Raum gebe, solche Themen zu bearbeiten.