Zehntausende kommen derzeit grippebedingt nicht aus dem Bett.

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Influenza-Welle
01/11/2017

"Rekord-Grippe": Fakten und Tipps

20.000 neue Fälle in einer Woche nur in Wien. Und der Höhepunkt ist noch nicht erreicht. Plus: Was sie alles zum Thema Kälte wissen müssen

von Ernst Mauritz, Ingrid Teufl

"Eine wirklich handfeste wissenschaftliche Erklärung für diese starke Zunahme gibt es nicht." So kommentiert die Virologin Monika Redlberger-Fritz den massiven Anstieg an Patienten mit Grippe und grippalen Infekten – wobei der steile Pfeil nach oben (siehe Grafik) auf die echte Virusgrippe zurückgeht: 19.700 Menschen sind in der Vorwoche alleine in Wien neu erkrankt – in der Woche vor Weihnachten waren es in Wien 11.400 Neuerkrankte. Das gab Dienstag der Gesundheitsdienst der Stadt Wien bekannt. "Ein weiterer Anstieg würde mich nicht sehr verwundern", betont die Virologin.

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Eine derart hohe Zahl an Neuerkrankungen in nur einer Woche gab es in Wien zuletzt im Jänner 2000. Damals lag der Höchstwert an wöchentlichen Neuerkrankungen bei 26.000. In den vergangenen Wintern hingegen wurden nie mehr als 16.000 Grippefälle in einer Woche registriert.

Österreichweit ist damit zu rechnen, dass mindestens fünf Prozent der Erwachsenen und zehn Prozent der Kinder erkranken.

Damals wie heute war ein A(H3N2)-Virus dominierend. Es sorgt vor allem bei älteren Menschen für schwere Krankheitsverläufe.

Keine auffällige Mutation

"Es gibt jetzt keine auffällige Mutation des Virus, die man für diesen starken Anstieg verantwortlich machen könnte", sagt Redlberger-Fritz. Es sei eine ganz normale Eigenschaft der Grippeviren, dass sie sich jedes Jahr ein wenig verändern – es kommt zu kleinen punktuellen Veränderungen (Mutationen) bestimmter Eiweiße (Antigene) an der Virusoberfläche. Diese Antigene sind das Schloss: Nur wenn die Antikörper quasi als Schlüssel in dieses Schloss passen, können sie die Viren neutralisieren. Das aber bedeutet: "Auch wenn man vor zwei Jahren eine Infektion mit einem A(H3N2) Virus durchgemacht hat, kann man heuer wieder erkranken" – weil eben der Schlüssel nicht in das Schloss passt. Möglicherweise gebe es einen gewissen Teilschutz – "aber von einer Immunität kann man nicht ausgehen".

Ein Faktum ist aber auch, dass die Kälte die Ausbreitung der Viren begünstigt. Mehr zum Thema Kälte lesen Sie in untenstehendem, beigefügten Artikel.

Erst Woche vier

Derzeit halte man man am Beginn der vierten Woche der Grippewelle: "Eine durchschnittliche Welle dauert acht bis zwölf Wochen. Bis der Impfschutz vollständig aufgebaut ist, dauert es rund zehn Tage – deshalb ist es auch jetzt noch nicht zu spät für eine Impfung", so Redlberger-Fritz. Eine Versicherung, nicht zu erkranken, ist sie aber nicht. Grundsätzlich stimmen die entscheidenden Eigenschaften des Impfvirus mit denen des zirkulierenden Viren überein. Erste – vorläufige – Daten aus Finnland und Schweden zeigten aber bei Menschen über 65 eine Wirksamkeit von lediglich rund 30 Prozent – demnach wären nur drei von zehn älteren Menschen geschützt. "Das sind nur erste, vorläufige Daten. Für eine endgültige Bewertung ist es zu früh."

Mildere Krankheitsverläufe

Impfexperten verweisen auch darauf, dass die Impfung – wenn sie eine Infektion nicht gänzlich verhindern kann – in vielen Fällen zumindest den Krankheitsverlauf abmildern und das Risiko für Komplikationen wie eine Lungenentzündung reduzieren kann.

Abmildern und verkürzen kann man in vielen Fällen den Krankheitsverlauf auch mit der Einnahme von sogenannten Neuraminidasehemmern (Tamiflu, Relenza) – aber nur dann, wen dies in den ersten 48 Stunden nach Auftreten der ersten Symptome wie hohes Fieber der Fall ist. Keine Wirkung gegen eine Influenza zeigen Antibiotika, also antibakterielle Medikamente. Sie wirken nicht gegen Viren. Redlberger-Fritz: "Nur wenn eine bakterielle Zweitinfektion, also etwas eine bakterielle Lungenentzündung, auftritt, sind sie angezeigt."

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So reagiert der Körper, das kann man tun

Bei Kälte hält der Körper mit einem komplexen Temperatur-Regulationssystem seine Kerntemperatur (in Ruhe 36 bis 37 Grad) – um so die Funktion der Organe zu gewährleisten. Dass jemandem kalt wird, ist also eine Schutzmaßnahme des Körpers. „ Das Thermoregulationszentrum aktiviert beim Erwachsenen die sogenannte Zitterbahn, um Wärme zu produzieren“, sagt Univ.-Prof. Horst Olschewski, Pulmologe an der MedUni Graz. Dafür werden Temperatursignale aus dem Körper und der Hautoberfläche im Gehirn zusammengeführt und über das Rückenmark an Nervenbahnen sowie die Skelettmuskulatur weitergeleitet.

Babys

Bei Neugeborenen ist die Zitterbahn zur Wärmeproduktion noch nicht ausgereift. „Babys schützen ihre Körpertemperatur über eine zitterfreie Wärmebildung mithilfe des braunen Fettgewebes.“

TCM

Aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin fehlt es dem Körper im Winter an wärmender Nieren-Energie. „Daher neigt man verstärkt zu Verkühlungen, Erkältungen, Unterleibs- oder Gelenkproblemen. Sie sind alle der Niere zugeordnet“, sagt die Mödlinger TCM-Ärztin Katrin Bienert. Mit scharfen und wärmenden Lebensmitteln und Kräutern sollte daher das Nieren-Yang angeheizt und der Körper erwärmt werden. Bienert empfiehlt Ingwertee sowie Gewürze wie Kardamom, Zimt, Chili, Curry, Zwiebel und Knoblauch. Über „Windpunkte“ kann zusätzlich Kälte eindringen. „Daher immer Hals und Nacken gut schützen, wo sich viele Windpunkte befinden.“

Sport

Kälte ist mit Sport gut vereinbar, mann muss nur ein bisschen mehr aufpassen“, sagt Univ.-Prof. Christian Gäbler („Sportordination“). Kalte trockene Luft kann die Atemwege reizen und verengt die Bronchien, Atemprobleme können auftreten. „Ab minus zehn Grad sollte man nur mit Kälteschutzmaske laufen und nur durch die Nase atmen.“ Beim Radfahren, Langlaufen oder Skifahren ist durch die Geschwindigkeit die gefühlte Temperatur noch niedriger (Windchill-Effekt). Hinzu kommt zumindest beim Radfahren und Langlaufen die verstärkte Atmung: Alle Hautpartien müssen durch Gesichtsmaske und Fettcreme vor Erfrierung geschützt werden.

Herzkrankheiten

„Die Kälte ist ein starker Reiz, der Körper benötigt zusätzlichen Sauerstoff“, sagt der Kardiologe Prim. Univ.-Doz. Franz Xaver Roithinger. „Oft zeigen sich Erkrankungen der Herzkranzgefäße erst im Winter, typischerweise beim Schneeschaufeln, wo die Belastung durch die Kälte und die körperliche Anstrengung zusammenkommen. Menschen mit Herz- und Lungenerkrankungen sollten bei Temperaturen unter minus zehn Grad keine sportlichen Aktivitäten mehr durchführen, so Gäbler.