Wissen und Gesundheit
27.03.2017

Trump ist "Ikone der Lieblosigkeit"

Lieblosigkeit im Umgang mit anderen sei ein Kennzeichen unserer Zeit, sagt der Psychiater Michael Musalek. An der Spitze dieser Zeitgeist-Entwicklung stehe der US-Präsident.

Lieblosigkeit, extreme Beschleunigung und Vorurteile: Das sind für den Psychiater Michael Musalek, Vorstand des Instituts für Sozialästhetik und psychische Gesundheit der Sigmund-Freud -Privatuniversität Wien, die negativen "Zeitgeister, die durch unsere Köpfe geistern und derer wir uns oft nicht bewusst sind". Das führe dazu, dass viele Menschen von diesen Zeitgeistern vor sich hergetrieben werden, sagte Musalek beim Symposium "Zeitgeist und Zeitgeister".

Viele Menschen würden gar nicht mehr merken, wie lieblos der alltägliche Umgang miteinander oft schon geworden ist – "weil das schon für ganz normal gehalten wird". Mit einem "liebevollen Umgang" meine er "respektvoll, sympathiegetragen, taktvoll und nicht schamlos". Vielen Menschen sei heute aber "die Grundscham" abhanden gekommen: "Ihnen sind dann eigentlich peinliche Äußerungen gar nicht mehr peinlich."

Die " Ikone der Lieblosigkeit" sei US-Präsident Donald Trump: "Wenn man nur darüber diskutiert, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht, greift das zu kurz: Es geht nicht darum, ob man seine Politik mag oder nicht. Aber wie er umgeht mit Frauen, Mitbewerbern, Menschen mit anderen Ansichten und auch mit Medien – das ist von Lieblosigkeit geprägt." Das alles wäre auch nicht so ein Problem, wenn es nur einen einzige Trump gäbe: "Aber es gibt viele solcher Trumps."

Mangelnder Dialog

Vielfach sei die Dialogfähigkeit verloren gegangen – "diese benötigt viele Voraussetzungen, etwa, dass es gemeinsame Ziele gibt oder eine Grundsympathie den Dialogpartnern gegenüber– das fehlt oft. Ohne echte Dialogfähigkeit befinden wir uns aber nur in einem demokratieähnlichen Zustand."

Der Philosoph und Psychotherapeut Martin Poltrum sieht durch die Beschleunigung des Lebenstempos einen Risikofaktor für psychische Probleme. "Mehrere Berufe, verschiedene Wohnorte, wechselnde Lebensabschnittspartner: Wer auf nichts mehr länger bauen kann, bekommt in einer beschleunigten Zeit vielleicht besonders viel Angst." Burn-out werde deshalb oft auch als "Beschleunigungspathologie" bezeichnet.

Kollektive Erschöpfung

Von 1880 bis 1920 gab es schon einmal eine solche Phase der kollektiven Erschöpfung, "Neurasthenie" lautete damals die Diagnose. Diese war eine Folge der damaligen Lebensbeschleunigung durch die großen Erfindungen – vom Benzinmotor, über die Elektrizität bis hin zum Flugzeug.

Derzeit sei wieder eine Beschleunigung des Lebenstempos und Veränderung der Zeitstruktur zu bemerken: "Eigentlich sollten wir ja dank der modernen Kommunikationsmittel mehr Zeit haben – tatsächlich haben wir aber immer weniger Zeit."

Der permanente Kommunikationsdruck mache aus der Jugend eine "head down generation" ("Kopf-Unten-Generation"), so die Gesundheitspsychologin Ute Andorfer. "Wenn man junge Erwachsene dann bittet, in das Gesicht eines anderen Menschen zu schauen und ein Gefühl zu benennen, tun sie sich wahnsinnig schwer."

Gegentrend

Aber es gebe bereits einen Gegentrend: "Die beliebtesten Zeitgeist-Worte heute sind nicht mehr Vernetzung und Echtzeit, sondern Achtsamkeit und Entschleunigung."

Musalek: "Es ist auch ein Vorurteil, dass die Welt so ist wie sie ist und man nichts machen kann. Aber wir sind keine Hampelmänner – wir haben die Möglichkeit, den Zeitgeist zu verändern."