Ausschnitt aus einem WHO-Plakat zum Weltgesundheitstag

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Gesundheitstalk
03/10/2017

Depression, Angst: Warum es Betroffene oft so schwer haben

Diskriminierung, Stigma und zu wenig geeignete Therapiemöglichkeiten auf Kassenkosten: Für Menschen mit psychischen Erkrankungen gibt es viele Hürden.

von Ernst Mauritz

"Es gibt immer noch das Stigma im Bereich der psychiatrischen Krankheiten. Viele der Betroffenen haben das Gefühl, dass es nicht opportun ist zu sagen: ,Ich muss jetzt zum Psychiater gehen‘." Diese Erfahrung macht die Psychiaterin Univ.-Prof. Gabriele Fischer von der MedUni Wien (Uni-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie) immer wieder: "Die Menschen glauben: Meine Gesundheit ist minderwertig – und meine Krankheit auch."

Und auch ihr MedUni-Wien-KollegeUniv.-Prof. Stephan Doering(Uni-Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie) sieht es so: "Psychisch kranke Menschen werden in Österreich noch immer diskriminiert – das ist ein Skandal. Stellen Sie sich vor, Sie haben Diabetes oder eine Herz-erkrankung und die Kasse sagt zu Ihnen: Wir zahlen für Ihr Insulin nur einen Zuschuss von 30 Prozent. Das gäbe eine riesigen Aufschrei. Aber psychisch Kranke haben halt so eine schwache Lobby, die schreien nicht auf, wenn sie keine kassenfinanzierte Psychotherapie bekommen – obwohl wissenschaftlich ganz klar belegt ist, dass für Angst und Depression Psychotherapie eine Methode der Wahl ist", betont Doering.
Fischer und Doering sind zwei Podiumsgäste beim Gesundheitstalk "Depression und Angst" am kommenden Mittwoch, 15.3., in Wien (siehe unten).

„Depression – lass uns reden“ ist auch das Motto des heurigen Weltgesundheitstages am 7.4. Die Sujets in dieser Geschichte sind die offiziellen WHO-Plakate zu der Kampagne.

"Depressionen werden 2020 laut Weltgesundheitsorganisation WHO der zweithäufigste Grund für frühzeitige Pensionierungen sein", sagt Fischer. Hier gebe es eine Zunahme: Einerseits durch die steigende Lebenserwartung (ältere Menschen sind besonders betroffen), andererseits aber auch bei schlechten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. "Wenn die Therapie bei einem Allgemeinmediziner nicht ausreicht bzw. greift, ist es sehr schwierig, einen Behandlungsplatz bei einem Psychiater mit Kassenverträgen zu bekommen. Diese Facharzt-Ordinationen sind am Ende ihrer Kapazität."

Eine "extreme Katastrophe" sei die "völlig defizitäre Versorgung" mit Kinder- und Jugendpsychiatern mit Kassenverträgen: "In Wien wurden einige zusätzliche Stellen geschaffen, aber es ist trotzdem noch zu wenig. Und in der Steiermark etwa gibt es keine einzige Kassenstelle für einen Kinder- und Jugendpsychiater. Das zeigt schon, wie klein die Lobby in diesem Bereich ist. Und das führt zur Zwei-Klassen-Medizin." Finanziell schlechter gestellte Menschen oder Personen mit Migrationshintergrund seien stark diskriminiert – "und zwar über ihre ganze Lebensspanne, von der Kindheit bis ins Alter". Auch da ist die psychiatrische Versorgung mangelhaft.

Ein Teil der Behandlungen könnte auch von klinischen Psychologen durchgeführt werden – "aber dafür gibt es überhaupt keine Kostenerstattung".

Falsche Behandlung

Die Folge: Oft würden nur die Symptome wie Erschöpfung oder Schlaflosigkeit behandelt – aber nicht die Ursachen. "Das verstärkt aber die Probleme und macht die Beschwerden chronisch." Beruhigungsmittel würden dann zu lange eingenommen. Aber nur durch andere Medikamente – Antidepressiva – sei es oft erst möglich, auch eine Psychotherapie beginnen zu können: "Und bei diesen Medikamenten muss man keine Angst vor Abhängigkeit haben", sagt Fischer.

"Als primär psychotherapeutisch arbeitender Psychiater empfehle ich immer auch eine Psychotherapie – sei es mit oder ohne Medikamente. Nur damit kommt man den Ursachen der Beschwerden auf die Spur", betont Doering.

Er wird am Mittwoch vor allem über Angsterkrankungen reden: "Es gibt verschiedene Gruppen – von der Panikstörung – den ganz extremen Angstattacken –, über die soziale Phobie – die Angst, in der Öffentlichkeit negativ beurteilt zu werden –, die generalisierte Angststörung – sich ständig zu fürchten, dass etwas Schlimmes passiert – bis hin zu den Phobien mit einem speziellen Auslöser wie der Höhenangst."

"Es sei wichtig die Menschen zu ermutigen, "Hilfe in Anspruch zu nehmen um die Angst zu überwinden". Für alle Angsterkrankungen sind sowohl Psychotherapie als auch medikamentöse Therapien empfohlen: "Die Wahl hängt von der Art der Angststörung, der Schwere und auch den Wünschen des Patienten ab. Die Erfolgsraten liegen bei 50 bis zu 80 Prozent."

Depressionen und Angst in Zahlen

Die Angaben stammen von der Weltgesundheitsorganisation WHO:

25 % bis 30 % der Bevölkerung erleben in einem Jahr Depressions- oder Angstzustände.
50 % der längeren Fehlzeiten treten aufgrund von Depression oder Angst auf.
50 % der schweren Depressionen in Europa werden nicht behandelt.
176 Milliarden Euro machen die jährlich in der EU verursachten Kosten durch Stimmungsstörungen und Angst (z.B. Krankenstände) aus.

Alles zum Thema Depression & Angst beim Gesundheitstalk

„Depression & Angst – ernst nehmen und behandeln“ ist das Thema des Gesundheitstalks am Mittwoch, 15.3., 18.30 Uhr. Referenten am Podium sind Univ.-Prof. Dr. Gabriele Fischer (Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der MedUni Wien), Univ.-Prof. Dr. Stephan Doering (Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie der MedUni Wien) sowie Dr. Rudolf P. Wagner, Geschäftsführer von pro mente Wien. Moderation: Gabriele Kuhn, Leiterin des Ressorts LebensArt im KURIER.

Zeit: Mittwoch, 15.3., 18.30 Uhr

Ort: Van-Swieten-Saal der Medizinischen Universität Wien, Van-Swieten-Gasse 1a (Ecke Währinger Str.), 1090 Wien.

Veranstalter: KURIER, MedUni Wien und Novartis.

Der Eintritt ist gratis.

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