Von der RAVAG zum ORF: Die Wurzeln des Medienriesen
Die erste "Zeit im Bild" 1955
Zwei Schilling betrug die Monatsgebühr der RAVAG 1925, die damals – ein Jahr nach ihrer Gründung – immerhin schon an die 100.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatte.
Kein Schnäppchen
Diese Summe mag heute nach einem Schnäppchen klingen, aber laut historischem Währungsrechner der Nationalbank wären das immerhin 9,65 Euro. Damit liegt die Gebühr gar nicht einmal so weit weg von der aktuellen Haushaltsabgabe, die seit Jänner 2024 für den ORF bezahlt werden muss.
In seiner mehr als 100-jährigen Geschichte hatte der Rundfunk in Österreich immer wieder mit Gegenwind zu kämpfen, die Folgen der Debatte um Ex-Generaldirektor Roland Weißmann sind nur der aktuellste Teil davon.
"Hallo, hallo, hier Radio Wien"
Als Gründungstag des öffentlichen Rundfunkwesens gilt der 1. Oktober 1924: Da ging die RAVAG auf Sendung – „Hallo, hallo, hier Radio Wien“. Dreieinhalb Stunden lang war das tägliche Programm, bestehend aus Bildungsthemen, Unterhaltung und Musik.
Der Beginn des Monopols
Private Radiostationen sendeten allerdings schon davor, Radio Hekaphon etwa gab es bereits seit 1923. Doch die österreichische Politik schlug schon 1924 den Weg ein, der Radio (und später Fernsehen) über Jahrzehnte prägen sollte – den der staatlichen Regulierung und des Monopols: Mit einer Novelle des Telegrafengesetzes und der Gründung der Radio-Verkehrs-Aktien-Gesellschaft, kurz RAVAG, sicherte man sich die Kontrolle über den Rundfunk.
Piratensender mussten aufhören oder wurden übernommen. Politische Steuerung und fehlende Unabhängigkeit wurden auch hörbar in der Zeit des Austrofaschismus, die RAVAG fungierte als Sprachrohr des autoritären Staates.
- 1924: Die RAVAG (Radio-Verkehrs-Aktien-Gesellschaft) wird gegründet und nimmt im Oktober in Wien den Sendebetrieb auf. „Hallo, hallo! Hier Radio Wien auf Welle 530“ geht als erster Radiogruß in die Geschichte ein.
- 1938 - 1945: Am 12. März 1938 Machtübernahme der Nationalsozialisten, aus „Radio Wien“ wird
„Reichssender Wien“. Am 6. April 1945 stellt der „Reichssender“ den Betrieb ein. - 1945 - 1948: Oskar Czeija baut den österreichischen Rundfunk neu auf. Die erste Sendung wird am 29. April 1945 ausgestrahlt. 1948 zählt man bereits eine Million Hörerinnen und Hörer.
- 1950er Jahre: 1953 Umbenennung in Österreichischen Rundfunk. Am 1. August 1955 wird die erste
einstündige TV-Sendung ausgestrahlt, Moderatorin ist Franziska Kalmar-Muliar. Die erste Zeit im Bild wird am 5. Dezember 1955 gesendet, Nachrichtensprecher ist Herbert Kragora. - 1964: Das Volksbegehren für die Unabhängigkeit des ORF – initiiert vom KURIER – erhält 832.353 Unterschriften.
- 1967: Das neue Rundfunkgesetz tritt in Kraft. Gerd Bacher prägt als erster Generalintendant die moderne Struktur.
- 1968: Das ORF-Zentrum am Küniglberg wird von Architekt Roland Rainer entworfen. Fertigstellung 1976.
- 1969: Erste Versuche mit Farbfernsehen auf FS1. Die Live-Übertragung der Mondlandung mit mehr als 28 Stunden Sendezeit wird zur TV-Marathonleistung.
- 1974: Bundesverfassungsgesetz zur Sicherheit der Unabhängigkeit des ORF.
- 1980: Teletext nimmt seinen Betrieb auf.
- 1993: Privatradio startet.
- 1997: ORF geht online
- 2001: Der ORF wird zur Stiftung öffentlichen Rechts.
- 2002: ORF-Kuratorium ab 1. Jänner 2002 durch den Stiftungsrat ersetzt. Beschluss des Privatfernsehgesetzes.
- 2003: Am 1. Juni startet ATVplus (heute ATV) als erster terrestrischer Privatsender in Österreich.
- 2009: Mit der TVthek beginnt der ORF sein Streaming-Zeitalter.
- 2024: Ab Jänner ersetzt die ORF-Haushaltsabgabe die bisherige GIS-Gebühr (15,30 Euro pro Monat); die Bundesländer können zusätzlich unter diesem Titel eigene Abgaben einheben.
- 2026: Generaldirektor Roland Weißmann tritt zurück, Ingrid Thurnher übernimmt interimistisch.
Apropos Übernahme: 1938 wurde die RAVAG eingestellt, am 11. März hielt Bundeskanzler Kurt Schuschnigg seine letzte Radioansprache. Ab dem nächsten Tag wurde das Programm von Berlin aus gestaltet, Radio Wien hieß fortan "Reichssender Wien".
ORF löste RAVAG ab
Er stellte am 6. April 1945 seinen Betrieb ein. Ab 29. April 1945 meldete sich die RAVAG in Wien zurück, wenn auch unter Zensur der sowjetischen Besatzungsmacht. Im September 1953 folgte das erste Programm von Radio Österreich, das unabhängig von den Alliierten gestaltet war: Hier wurde der Grundstein für den Österreichischen Rundfunk gelegt, der 1957 die RAVAG auch als Rechtsnachfolger ablöste.
"Sie verhaspelt sich nicht"
In der Zweiten Republik ging es dann flott in Richtung des neuen Mediums Fernsehen. 1955 wurden behelfsmäßige TV-Studios eingerichtet, am 1. August, Punkt 17 Uhr, war es so weit, die erste Sendung wurde ausgestrahlt.
Eine Premiere, über die Zeitungen gebannt berichteten: "Die Ansagerin, sie bewegt sich. Sie steht nicht auf dem Kopf, sie ist nicht nervös, sie verhaspelt sich nicht", wusste ein Redakteur der Arbeiter-Zeitung zu berichten.
Die erste Fernsehsprecherin Franziska Kalmar-Muliar
Diese "Ansagerin" war übrigens Schauspielerin Franziska Kalmar-Muliar. Aufgezeichnet wurde die erste Sendung nicht, diese Technik hatte man erst fünf Jahre später.
Live sehen konnten Kalmar-Muliar nur wenige Menschen, 1955 gab es nur rund 500 TV-Geräte, die mit 6.000 Schilling (heute rund 4.150 Euro) unleistbar für die breite Masse waren. Die erste "Zeit im Bild" folgte am 5. Dezember 1955.
Das erste Volksbegehren
Doch der Griff der Politik um den Sender wurde fester. Die Aufteilung nach den Regeln des Proporz zwischen Rot und Schwarz führte 1964 zum ersten Volksbegehren Österreichs: Initiiert vom KURIER schloss sich die parteiungebundene Presse an und forderte die Entpolitisierung des ORF.
Mit mehr als 830.000 Unterschriften war es eines der erfolgreichsten Volksbegehren überhaupt.
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