Wie das Radio laufen lernte - Frühe Manuskripte suchen Paten

Highlights aus dem Archiv Dokufunk…
Foto: /Dokumentationsarchiv Funk (2) Archiv Dokufunk

4700 Manuskripte mit fantastischen Einblicken in die Frühzeit des Radios. Paten gesucht für die Aufarbeitung

Was war das für ein TV-Event. Im vergangenen Oktober ließen die öffentlich-rechtlichen Sender in Österreich, Deutschland und der Schweiz das Publikum abstimmen, ob ein Pilot ein Passagierflugzeug abschießen darf. "Terror" hieß der umfassende Themenabend, ein spannendes Beispiel für modernes Fernsehen.

Kaum zu glauben, dass es schon 1928 etwas gab, das mit "Terror" vergleichbar ist. Am 1. Dezember jenes Jahres ging der "Fall Pannicke" erstmals auf Sendung, im damals noch blutjungen, "Unterhaltungsrundspruch" genannten Radio. Hat Pannicke Kleindiebstähle im Büro begangen?

An diese Frage knüpfte der ORF-Vorläufer Ravag einen Aufruf an die Hörer: "Nicht der Gerichtshof, Sie sollen das Urteil fällen. (...) Sie alle sollen Richter sein und womöglich auch Autoren Ihres Urteils." Auf diesen Aufruf folgte ein Preisausschreiben, der Sieger sollte 250 Schilling bekommen, und sein Urteilsspruch sollte im Radio gebracht werden.

Fast ein Wunder

Highlights aus dem Archiv Dokufunk… Foto: /Dokumentationsarchiv Funk Dass man heute weiß, dass es schon 1928 ein Publikumsurteil-Event gab, ist (fast) ein Wunder. Denn Radio, das war noch Jahrzehnte nach Sendebeginn (1. Oktober 1924) ein absolutes Live-Medium. Es wurde gesendet, und das war’s in den allermeisten Fällen.

Es gab zwar Manuskripte. Die wurden sogar systematisch gesammelt, galten aber als verloren, nach dem Krieg gestohlen oder weggeworfen. Die frühe Radiogeschichte war für Jahrzehnte unkartografiertes Land.

Dann aber gab es, dem Zufall sei Dank, einen bedeutenden Fund: Im Aktenlager des ORF wurde ein Konvolut von 4700 Manuskripten ab 1924 entdeckt, das dort, hinter anderen Archivalien verborgen, im Dornröschenschlaf überdauert hat. Was eine kleine Sensation ist.

Denn es ist "für uns heute unverständlich, was für eine grandiose Sache dieses Radio war", sagt Wolf Harranth vom Dokumentationsarchiv Funk, kurz DokuFunk. Es waren Pionierzeiten, die auch die Gesellschaft mitgeprägt haben. Anfangs wusste "niemand, was man im Radio überhaupt machen kann. Alle heute gängigen Formen mussten erst entwickelt werden", sagt Harranth im KURIER-Gespräch.

Brüllende Forscher

Highlights aus dem Archiv Dokufunk… Foto: /Dokumentationsarchiv Funk Schauspieler kamen für die ersten Hörspiele (das Wort hatte es vorher gar nicht gegeben) in Kostüm und Maske ins Radiostudio, vortragende Wissenschaftler haben "gebrüllt, weil sie nichts anderes gewöhnt waren".

Was wurde überhaupt gespielt? Viele Theater-Klassiker und auch neuere Bühnenstücke, die aber bearbeitet werden mussten, um die optische Ebene verständlich zu machen. Es gab auch ganz neue Formen, etwa "Wien – Salzburg" (1930), eine Sendung, die aus einem fahrenden Zug übertragen werden sollte. Im neuen Medium gab es aber bald, zur NS-Zeit und auch später, natürlich auch Propaganda. Nach dem Kriegsende etwa die "Russische Stunde", die sich – durch Manuskripte dokumentiert – u.a. mit Atomkrieg und dem 70. Geburtstag Stalins beschäftigte.

Die Aufarbeitung der aufgefundenen Radio-Manuskripte hat der ORF dem gemeinnützigen Verein DokuFunk überlassen, die einzige Stelle, die auch zuvor konsequent zur Funkgeschichte gearbeitet hatte. Und auf einen Fundus von mehreren Hunderttausend Dokumentenseiten zurückgreifen kann, in denen Querverbindungen zu den Manuskripten möglich sind, darunter Programmzeitschriften, erste Radiokritiken, Schauspieler- und Autorenbiografien.

"So viele der Menschen, die damals gespielt haben, waren zwar damals extrem berühmt, heute weiß man fast gar nichts über sie", sagt Harranth.

Der ORF überlässt dem DokuFunk-Archiv – wie auch für andere Kooperationen – die erforderliche Infrastruktur; die Finanzierung der riesigen Aufgabe der Aufarbeitung dieses Projekts aber muss von DokuFunk gestemmt werden. Daher sucht man Paten. Anmeldung auf www.scriptdepartment.org, wo man bereits erfasste Manuskripte durchstöbern kann.

Patenschaften

Mit 100 Euro ermöglicht man die Aufarbeitung eines (auch selbstgewählten) Manuskripts. Dazu zählt die Konservierung, Digitalisierung und Erforschung.  Der Pate wird genannt, bekommt ein Diplom und ein Faksimile, das Manuskript wird (nach Maßgabe des Urheberrechts)  auf www.scriptdepartment.org veröffentlicht.

(kurier) Erstellt am
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