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29.08.2018

Neurodermitis: Zahl der Patienten steigt stark an

Eines von fünf Kindern ist von der häufigsten chronisch-entzündlichen Hauterkrankung betroffen. Neue Therapien helfen.

Im Vorfeld des Europäischen Neurodermitis-Tages (am 14. September) machen jetzt führende Dermatologen und die Österreichische Ärztekammer auf diese Erkrankung aufmerksam: In den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der Patienten deutlich angestiegen. Umwelteinflüsse (etwa Allergene, Schadstoffe, Tabakrauch) dürften dabei eine entscheidende Rolle spielen."Hauterkrankungen sind ganz generell im Steigen begriffen", betonte Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, bei einer Veranstaltung in Wien. "Da Neurodermitis die Lebensqualität der Betroffenen massiv beeinträchtigt, ist es von besonderer Bedeutung, dass rasch die Diagnose gestellt wird und umgehend mit einer zielgerichteten Behandlung begonnen wird."

Die Diagnose Neurodermitis (atopische Dermatitis) bei einem Kind verunsichert aber die Eltern oft: Sie haben Schuldgefühle, hören Vorwürfe und haben Angst vor Salben mit Cortison.

"Aber Eltern tragen keine Schuld", betonte Beatrix Volc-Platzer, Vorstand der Dermatologischen Abteilung im Donauspital / SMZ Ost in Wien. "Viele Risikofaktoren spielen eine Rolle." Der wichtigste ist Vererbung. Das höchste Risiko für die Entstehung einer Neurodermitis hat ein Kind, wenn beide Elternteile an der Erkrankung leiden. Und bei Cortisonpräparaten gehe es heute um eine kurze, aber sehr gezielte Therapie: "Man kann den Eltern nicht sagen, schmieren Sie Cortison, bis die Tube leer ist. Wir geben ihnen einen Therapieplan mit für jeden Tag. Das ist ganz etwas anderes."

Mehrere Kliniken und Ärzte bieten Neurodermitis-Schulungen für Patienten und Angehörige mit Dermatologen, Psychologen und Ernährungsberatern an. Eine Liste der Angebote und nähere Informationen dazu finden Sie hier.

Wichtig ist es, die Auslöser für einen Schub zu ermitteln, betont Neuhofer. Und die können sehr unterschiedlich sein:

  • Faktoren, die die Haut austrocknen wie etwa häufiges Waschen
  • Allergene wie Hausstaubmilben, Pollen, Tierhaare oder auch bestimmte Nahrungsmittel wie Zitrusfrüchte
  • Irritierende Stoffe auf der Haut, zum Beispiel durch das Tragen von Wollkleidung oder den Kontakt mit Reinigungsmitteln, Duft- oder Konservierungsstoffen in Kosmetika
  • Extreme Kälte oder Hitze
  • Umweltfaktoren wie Ozon, Dieselabgase oder Tabakrauch
  • Psychische Belastung und Stress
  • Die Hautbesiedelung mit Keimen bei bestehender Neurodermitis

"Wir haben heute eine Vielzahl an Behandlungsmöglichkeiten", sagt Matthias Schmuth, Leiter der Uni-Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der MedUni Innsbruck und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie. So gibt es für die äußerliche anti-entzündliche Therapie neben Cortison auch eine zweite Wirkstoffklasse (Calcineurin-Antagonisten).

Neue Therapie

Reicht die lokale Behandlung nicht aus, können Tabletten und Spritzen eingesetzt werden: Medikamente aus der Transplantationsmedizin (z. B. Cyclosporin A) dämpfen die Entzündungsreaktion. Seit 2017 gibt es zusätzlich eine Antikörpertherapie, im Zuge derer alle 14 Tage eine Injektion verabreicht wird: "Entzündungsreaktionen und Juckreiz werden gelindert, die Läsionen heilen rascher ab."

Vor einer "Neurodermitis-Diät" warnt Johannes Neuhofer, Obmann der Bundesfachgruppe Dermatologie der Österr. Ärztekammer: "Das führt oft zu einer Mangelernährung und bringt nichts." In ausgewählten Fällen können aber Tests auf Nahrungsmittelallergien sinnvoll sein, so Schmuth.

Laut neuen Studien ist es sinnvoll, Neugeborene aus Risikofamilien (Erkrankung eines Elternteils, Erkrankung eines älteren Geschwisters) vorsorglich mit rückfettenden Cremen einzuschmieren: Wird dies in den ersten sechs Lebensmonaten zwei Mal täglich gemacht, reduziert sich das Auftreten von Neurodermitis in diesem Zeitraum um 50 Prozent.

"Ein ganz wichtiger Aspekt bei Neurodermitis ist die Psyche", betont Neuhofer. "Durch die Juckreiz-Attacken ist auch der Schlaf beeinträchtigt." In weiterer Folge kann es auch zu Magen-Darm-Problemen bis hin zu Depressionen kommen.

Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Durch die zunehmende Breite des Therapieangebotes kann sehr vielen Betroffenen wirkungsvoll geholfen werden. Schmuth: "Die Behandlungsmöglichkeiten sind heute viel besser als noch vor einigen Jahren."