Wissen und Gesundheit
09.06.2017

Neue Therapie-Chancen für Brustkrebspatientinnen

Aktuelle Behandlungsmethoden können manchen Frauen eine Operation ersparen.

"Das ist ein deutlicher Schritt vorwärts zur Verbesserung der Prognose einer der gefürchtetsten Brustkrebsformen." So kommentieren der Onkologe Univ.-Prof. Günther Steger und der Chirurg Univ.-Prof. Michael Gnant, beide MedUni Wien, die vor wenigen Tagen beim amerikanischen Krebskongress (ASCO) in Chicago präsentierte Studie. Sie lieferte erste Ergebnisse zu einem neuen Behandlungsansatz gegen das aggressive HER2-positive Mammakarzinom, das 20 Prozent der Brustkrebspatientinnen trifft.

Zielgerichtete Therapie mit zwei Antikörpern bei HER2-positivem Brustkrebs

Eine zielgerichtete Therapie aus zwei Antikörpern plus Chemotherapie reduzierte das Risiko, dass der Krebs wiederkommt, um 19 Prozent. An der sogenannten "Aphinity"-Studie unter Beteiligung der österreichischen Studiengruppe ABCSG (Austrian Breast & Colorectal Study Group) für Brust- und Darmkrebs nahmen weltweit 4800 Frauen teil, darunter auch österreichische Patientinnen im Frühstadium. Untersucht wurde, wie sie von einer adjuvanten Behandlung (nach einer Operation, Anm.) mit den beiden Antikörpern Trastuzumab und Pertuzumab im Kombination mit einer Chemotherapie profitieren.

Diese speziellen Antikörper blockieren den Rezeptor des Proteins HER2 auf unterschiedliche Weise. Nach vier Jahren waren 92,3 Prozent der Patientinnen noch immer krebsfrei, betonen Steger und Gnant.

Jedes Prozent zählt

Damit stieg die Rate um knapp drei Prozent. Das mag gering klingen: "Es stimmt, dass wir da von einem hohen Niveau ausgehen", sagt Gnant. "Jedes Prozent heißt auch mehr Überlebende. Zwei oder drei Prozent sind Dutzende Patientinnen in Österreich und Tausende weltweit."

Für die derzeitige Standardtherapie wird bei dieser aggressiven Brustkrebsform die Chemotherapie mit Trastuzumab kombiniert. Der Antikörper war vor etwa 20 Jahren entwickelt worden. Bereits diese Methode erhöhte die Überlebensrate der Betroffenen enorm. "Bis zur Jahrtausendwende war die Diagnose für diese Patientengruppe eine Katastrophe", sagt Gnant, auch ABCSG-Präsident.

Sehr aggressive Krebsform

Dass gerade beim HER2-positiven Brustkrebs so intensiv geforscht wird, liegt an seiner aggressiven Form: Krebszellen mit dem HER2-Rezeptor wachsen und teilen sich besonders rasant – und bilden Metastasen. Hat er einmal gestreut, reduziert das die Überlebenschancen dramatisch. Trotz des Fortschritts in der Behandlung kehrt der Krebs bei einem Fünftel der Patientinnen zurück. Daher ist das Ziel von Onkologen, möglicht früh zielgerichtete Therapien anbieten zu können. "Die beste Metastasentherapie ist jene, die Metastasen verhindert", sagt Steger. Die vorliegenden Ergebnisse der "Aphinity"-Studie legen dieses Ziel nahe.

OP vor der Chemo - ein Paradigmenwechsel?

Am ASCO wurde ebenso eine weitere ABCSG-Studie aus Wien präsentiert, die einen Paradigmenwechsel in der Behandlung von primär metastasiertem Brustkrebs darstellen könnte, betont Studienleiter Univ.-Prof. Florian Fitzel, Brustchirurg an der MedUni Wien. Bei diesen Krebsformen geht es vorrangig um den Erhalt der Lebensqualität sowie um die Verlängerung der Lebenserwartung.

Mit seinem Team untersuchte er, wie die sofortige operative Entfernung des Brustgewebes vor einer medikamentösen Therapie die Behandlung beeinflusst. Das Ergebnis zeige deutlich, dass eine OP den betroffenen Frauen keinen Überlebensvorteil verschafft. Dies war in den vergangenen Jahren eine häufig bevorzugte Behandlungsoption. Die Studie zeige aber, "dass man vielen betroffenen Frauen im Sinne der besseren Lebensqualität den belastenden Eingriff ersparen kann."