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Wissen und Gesundheit
02/04/2016

Mikrozephalie: Was bedeutet Kleinköpfigkeit für die Kinder?

Die Fehlbildung wird nicht nur durch das Zika-Virus ausgelöst. Welche Folgen sie haben kann.

Viele Familien in Brasilien müssen sich derzeit auf ein Leben mit einem behinderten Kind einstellen. Seit Herbst 2015 wurden mehr als 4000 Babys mit Verdacht auf Mikrozephalie geboren. Das sprunghafte Ansteigen dieser Fehlbildung wird auf die Ausbreitung des Zika-Virus zurückgeführt. Bisher fehlen noch wissenschaftliche Studien, die einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Infektion mit dem Virus und dem Auftreten der Kleinköpfigkeit bestätigen. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO gibt es aber ernst zu nehmende Indizien, die zur Folge hatten, dass der globale Gesundheitsnotstand ausgerufen wurde.

Nicht nur bei Zika-Infektion

Mikrozephalie oder Kleinköpfigkeit ist allerdings nicht auf eine Infektion mit dem Zika-Virus beschränkt. „Man kann unterscheiden, ob ein plötzliches Ereignis - z.B. ein Sauerstoffmangel - das Gehirngewebe absterben, aber nicht mehr nachwachsen lässt, oder eine angeborene Störung die Ursache des verminderten Schädelwachstums ist. Die klassische Mikrozephalie beruht darauf, dass zu wenig Gehirnsubstanz da ist – Gehirnwindungen sind unreif oder fehlen“, sagt Univ.-Prof. Susanne Greber-Platzer, Leiterin der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde der MedUni Wien. Häufig wächst das Gehirn des Kindes im Mutterleib durch zu geringen Druck zu langsam - der Schädel kann sich nicht in normalem Umfang ausdehnen. Australische Wissenschafter konnten zeigen, dass ein bestimmtes mutiertes Gen für dieses gestörte Gehirnwachstum verantwortlich ist.

Weitere Ursachen können beispielsweise eine Infektion mit Röteln, Toxoplasmose sowie andere Infektionen während der Schwangerschaft, Schädigungen des Ungeborenen durch Alkoholkonsum der Mutter oder schwere Stoffwechselerkrankungen sein. Bei manchen Kindern kommt es dazu, dass sich die Schädelnähte nach der Geburt vorzeitig – also nicht erst gegen Ende des ersten Lebensjahres – schließen, sodass das Gehirn nicht mehr weiter wachsen kann. Wird dies rechtzeitig erkannt, können die Nähte operativ wieder getrennt werden.

Kann auch nach Geburt auftreten

Auch im Kleinkindalter kann ein plötzliches Ereignis das weitere Wachstum des Gehirns verhindern. „Die typische Mikrozephalie tritt in den ersten Lebensjahren auf – je früher, desto kleiner bleibt der Schädel. Es kann aber z.B. ein Schlaganfall im Alter von drei Jahren dazu führen, dass der Kopf nicht weiter wächst“, erklärt die Kinder- und Jugendspezialistin. Da die Mikrozephalie individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt ist und oft als Symptom anderer Störungen auftritt, ist die Zahl der Fälle in Österreich schwer zu schätzen. Mikrozephalie sei aber selten, meint Greber-Platzer. In der Literatur wird ihr Auftreten mit eins auf 8500 Geburten angegeben.

Je nach Ausmaß der Schwere sind unterschiedliche geistige und motorische Einschränkungen die Folge. Greber-Platzer: „Je massiver die Mikrozephalie, desto eher spricht sie für Gehirnschäden. Die Kinder können schwerstbehindert sein – das reicht von nicht gehen, keinen sozialen Kontakt herstellen, nicht sprechen können bis hin zu lokalen Ausfällen. Eine normale Entwicklung ist dann nicht möglich.“

Kopfumfang alleine nicht aussagekräftig

Bereits in der Schwangerschaft sowie nach der Geburt wird der Schädel immer wieder gemessen und in Relation zu Alter, Geschlecht, Körpergröße und Gewicht gesetzt. Die Größe des Kopfes alleine ist allerdings nicht aussagekräftig, da es auch familiär bedingt kleinere Kopfformen gibt, bei denen das Gehirn normal entwickelt ist. „Nicht die Größe des Gehirns ist entscheidend für geistige, kognitive und muskuläre Aktivitäten, sondern seine Verschaltungen. Bei einem Schädelumfang unter der Norm, bei dem aber die Strukturen des Gehirns, der neurologische Status und kognitive Erhebungen nicht auf Beeinträchtigungen hinweisen, spricht man nicht von Mikrozephalie“, betont Greber-Platzer.

Innerhalb der ersten sechs Monate werden diese Faktoren bei Verdacht auf Mikrozephalie mithilfe eines Schädelultraschalls untersucht. Sobald sich die Schädelplatten des Kindes gegen Ende des ersten Lebensjahres verschlossen haben, ist das nicht mehr möglich. Mittels anderer bildgebender Verfahren wie Computertomographie (CT) und Magnetresonanztomographie (MRT) kann die Gehirnentwicklung jedoch weiterhin untersucht werden. Greber-Platzer: „Große Bedeutung kommt den Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen in den ersten zwei Lebensjahren zu, da sie nicht nur den Umfang des Kopfes erfassen, sondern auch die Entwicklungsschritte eines Kindes.“

Heilung nicht möglich

Ob und inwieweit Therapien bei einem Kind mit Kleinköpfigkeit greifen, ist abhängig von der Ursache. Bei angeborener mangelnder Gehirnsubstanz kann nur unterstützend geholfen werden – sie kann aber nicht ergänzt oder geheilt werden. Auch als Folge einer Erkrankung, eines Schlaganfalls oder einer Schädigung durch Sauerstoffmangel können nur die Folgen behandelt werden. Betroffene Kinder erhalten je nach Ausmaß der Beeinträchtigung beispielsweise Physiotherapie, Ergotherapie und logopädische Therapien. Eine Beseitigung des verkleinerten Schädels ist nicht möglich.