Neue Therapieansätze bei Lungenkrebs helfen noch nicht allen Patienten.

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Wissen und Gesundheit
11/25/2016

Lungenkrebs: Größere Überlebenschancen dank neuer Therapien

Anfang Dezember kommen rund 6000 Experten nach Wien. Sie wollen die Möglichkeiten der Behandlung weiter verbessern.

Rauchverbot in Restaurants, an öffentlichen Plätzen, Werbeverbot, extrem große Warnhinweise auf Zigarettenpackungen, hohe Tabaksteuern: In Uruguay in Südamerika sind die Anti-Tabak-Maßnahmen besonders streng – der Tabakriese Philip Morris klagte. Aber im Sommer konnte Staatspräsident Tabaré Vázquez, selbst ausgebildeter Onkologe, verkünden: Ein internationaler Schiedsgerichtshof habe die Klagepunkte des Konzerns "komplett zurückgewiesen".

Seither ist Vázquez ein Star unter den Anti-Tabak-Kämpfern – und außerdem "Stargast" beim Welt-Lungenkrebs-Kongress ab 4. 12. in der Messe Wien. Mehr als 6000 Teilnehmer aus 100 Nationen werden erwartet.

"In Ländern mit einer strikten Anti-Tabak-Politik geht die Zahl der Lungenkrebsfälle nachweislich zurück", sagt Kongresspräsident Robert Pirker vom Wiener Comprehensive Cancer Center (CCC) von MedUni und AKH Wien.

Neue Entwicklungen

"Natürlich stellt sich die Frage, ob wir nicht mit mehr Prävention viel besser fahren würden", so auch Christoph Zielinski, Koordinator des CCC. Es gibt zwar deutliche Fortschritte in der Therapie – aber nicht alle Patienten profitieren davon. "Und die Wünsche der Patienten überholen uns angesichts der Tatsachen."

Überlappend "Früher kam die Chirurgie nur in den Frühstadien der Erkrankung zum Einsatz, die Stadien drei und vier (siehe Grafik) waren Chemo- und Strahlentherapie vorbehalten", sagt Walter Klepetko, Leiter der Klinischen Abteilung für Thoraxchirurgie von MedUni Wien und AKH Wien. "Heute hat die Chirurgie auch im fortgeschrittenen Krankheitsstadium ihre Berechtigung, Chemo- und Immuntherapie auch im frühen Stadium. Das überlappt sich." Auch wenn es zum Beispiele bereits eine Metastase im Gehirn gibt, kann eine heilende Therapie noch das Ziel sein: "Wir betreuen Patienten, die so eine Behandlung bereits vor fünf Jahren hatten." Die Kombination von Chemotherapie, Strahlentherapie und Chirurgie verbessere die Ergebnisse deutlich, betont Klepetko.

ZielgerichtetDie Tumoren von rund 25 Prozent der Patienten weisen ganz spezielle molekularbiologische Eigenschaften auf – mehrere Untergruppen werden hier unterschieden. Bei ihnen wirken verschiedene zielgerichtete Medikamente (personalisierte Therapie), die das Fortschreiten der Erkrankung hinausschieben können. Treten nach (zumeist rund einem Jahr) Resistenzen auf, können Präparate der zweiten und dritten Generation die Erkrankung weiter im Schach halten.

Enttarnend Eine andere Behandlungssäule sind die neuen Immuntherapien, auf die rund 30 Prozent der Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkrebs sehr gut ansprechen. Sie lösen jene Bremsen, mit deren Hilfe die Tumoren das Immunsystem blockieren. Das Abwehrsystem der Patienten wird wieder scharf gestellt. Der Antikörper Nivolumab konnte bei Patienten mit fortgeschrittenem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom die Wahrscheinlichkeit, ein Jahr zu überleben, von 24 auf 42 Prozent erhöhen. Und erst vor Kurzem zeigte eine Studie mit einer anderen Substanz (Pembrolizumab), dass diese bei ausgesuchten Patienten besser wirkt als Chemotherapie. Die Entwicklung stehe hier aber erst am Anfang, so Zielinski.

Unterstützend "Die unterstützenden Therapien etwa gegen die Übelkeit durch die Chemotherapie wirken heute viel besser als früher", sagt Zielinski. "Wir haben Medikamente, die bei vielen Patienten nach einigen Tagen die Übelkeit wegbringen. An unserer Tagesklinik sind rund 50 Prozent der Patienten berufstätig."

Klepetko: "Wir sind weit davon entfernt, dass alle Probleme gelöst sind – aber es gibt einen großen Fortschritt."

Luftgüte wichtig

Auch wenn mehr als 80 Prozent der Lungenkrebserkrankungen mit dem Rauchen zusammenhängen, macht Thoraxchirurg Klepetko auf ein anderes Problem aufmerksam, das künftig mehr Bedeutung bekommen könnte: An einem großen Spital in Schanghai werden jährlich 8000 Lungenoperationen (AKH Wien: 1000) durchgeführt – ganz besonders eine spezielle Art kleiner Tumore: "Bei Smog sieht man in Schanghai keine 200 Meter weit. Aber der Smog scheint gerade diese Tumorform zu fördern."

Er ist sportlich, durchtrainiert, war Leistungsschwimmer und arbeitet jetzt als Schwimmtrainer: „Ich bin ein Athlet“, sagt Jeff, 41, aus Boston, USA. Einer, der nie geraucht hat – und trotzdem mit 39 die Diagnose Lungenkrebs, Stadium 4, bekommen hat. „Sie haben noch sechs bis zwölf Monate zu leben“, sagten ihm mehrere Ärzte, „vielleicht wird es mit der Chemotherapie etwas länger“.

Erst der „sechste oder siebente“ Arzt sagte ihm, dass es außer Chemotherapie noch etwas anderes gibt – Medikamente, die gegen ganz bestimmte Tumorarten wirken, dafür aber eine Gewebeprobe seines Tumors auf die entsprechenden genetischen Merkmale untersucht werden muss. Jeff wurde kürzlich von der Pharmafirma Roche als einer jener Patienten vorgestellt, die von solchen Gentests profitiert haben – weil sie danach eine individuell abgestimmte und wirksamere Therapie erhielten.

Unternehmen wie Foundation Medicine in Boston (Hauptaktionär ist Roche) bieten so ein Service weltweit an – der KURIER berichtete. 41.000 Proben aus der ganzen Welt werden dort heuer analysiert, einige davon auch aus Österreich. Von 7.30 bis 23.30 Uhr laufen dort an 352 Tagen im Jahr die Labors zur Entschlüsselung der einzelnen Gen-Bausteine. Vier Millionen Menschen weltweit könnten jährlich von so einem Angebot profitieren, heißt es bei Foundation Medicine.

Tests auch in Österreich

„Auch in Österreich werden an den Spitälern mit einem onkologischen Schwerpunkt die wichtigsten Mutationen abgetestet“, betont Onkologe Christoph Zielinski. Dabei handelt es sich um Gen-Veränderungen, von denen nachgewiesen ist, dass bei ihrem Auftreten zumindest ein Teil dieser Patienten von bestimmten Therapien profitiert. Wenn aber jetzt Firmen damit werben, mehr als andere Labors untersuchen zu können, bedeute das nicht, dass damit die Behandlungsergebnisse besser werden, betont Zielinski.

Er nennt ein Beispiel: Auch wenn beim Vorhandensein einer speziellen Mutation z.B. bei Brustkrebs ein bestimmtes Medikament wirkt, muss das nicht auch der Fall sein, wenn diese Mutation zum Beispiel in Lungenkrebsgewebe gefunden wurde. Und es treibt auch nicht jede Mutation den Krebs an. „In Wirklichkeit wird die Therapie experimenteller. Und es handelt sich dann um Einzelfälle, die keine allgemeine Aussage zulassen.“