Wissen 16.04.2018

Löst der Mensch das sechste Massensterben aus?

Erst vor kurzem starb das letzte männliche Nördliche Breitmaulnashorn (auf dem Bild ist ein Südliches zu sehen). © Bild: AP/Neil Aldridge

Fünf Mal wurde das Leben auf der Erde fast ausgelöscht. Jetzt ist es wieder in Gefahr.

Es gibt Menschen, die immer an den falschen Stellen lachen; und Thierry Adatte ist einer von ihnen. Ein amüsiertes Glucksen kommt ihm meistens dann aus, wenn es um Existienzielles und Erschreckendes geht. Wenn er zum Beispiel davon erzählt, dass 2016 ein Wendepunkt war. Weil da zum ersten Mal das Eis an beiden Polen geschmolzen ist. “Das kennen wir in der Erdgeschichte nicht, dass so etwas passiert”, sagt der Geologe. Und lacht.

Aber es gäbe auch positive Aspekte: “Endlich können wir Geologen am gesellschaftlichen Diskurs teilhaben”, deshalb sei es schon “eine sehr nette Sache”, an Massensterben zu forschen. Adatte war vergangene Woche für den jährlichen Kongress der “European Geosciences Union” in Wien; wo er ein Panel über “vergangene und zukünftige Massensterben” organisierte.

Von null auf 250

“Es heißt, dass die Vergangenheit der Schlüssel für das Verständnis der Zukunft ist”, sagt er und schränkt sich gleich selbst ein: “Nur stimmt es leider nicht immer. Wissen Sie, für Geologen hat Zeit eine andere Bedeutung.” Massensterben passieren nicht von heute auf morgen, sondern über eine Spanne von Hunderttausenden Jahren. Und das Problem ist: Diesmal passiert alles so schnell, viel schneller als normal, 250 Mal so schnell. “Setzen Sie sich mal in ein Auto und beschleunigen Sie von null auf 250. Das passiert gerade auf der Erde”, sagt Thierry und lacht.

Fünf Massensterben gab es bislang in der Erdgeschichte; sie gingen alle mit vulkanischen Aktivitäten einher. Nur bei der jüngsten Todeswelle, die vor 66 Millionen Jahren die Regentschaft der Dinosaurier beendete, kam wahrscheinlich ein Kometeneinschlag dazu. “Das war ein wirklich schlechter Tag für die Erde”, sagt Adatte. Nicht nur die Saurier, 75 Prozent aller Spezies starben damals aus.  

Es war nicht das schlimmste Massensterben, vor rund 250 Millionen Jahren wäre das Leben auf der Erde nahezu komplett beendet worden. Eine globale Erwärmung hatte zur Folge, dass der Sauerstoff aus den Meeren entwich. 96 Prozent der marinen Arten verschwanden - die Ozeane waren fast leer. Zehn Millionen Jahre hat es danach gedauert, bis sich das Leben auf der Erde wieder einigermaßen erfangen hatte. Es war außerdem das einzige Massensterben, das auch die Insekten massiv erwischte.

© Bild: Kurier

Von einem Betrunkenen erschlagen

Zumindest bis der Mensch die Bühne betrat; sich auf seine beiden Beine erhob, Pyramiden baute, den Sinn seines eigenen Seins hinterfragte, den Planeten komplett vernetzte. Die Erde dominierte. Autos erfand, Atombomben abwarf, Meere zumüllte. Seit den 1980ern sind Studien zufolge in Europa bis zu 70 Prozent aller Insekten verschwunden. Erst vor wenigen Wochen starb das letzte männliche Nördliche Breitmaulnashorn. Der Tasmanische Beutelwolf ist ausgerottet, genauso die Wandertaube oder der Schomburgk-Hirsch, dessen letztes bekanntes Exemplar 1938 von einem Betrunkenen erschlagen wurde.

Dass Arten sterben, ist nichts Ungewöhnliches. Säugetiere haben als Art eine durchschnittliche Lebensspanne von einer Million Jahren, Wirbellose schaffen elf Millionen. Das leise Verschwinden von Arten wird Hintergrundsterben genannt. Aber aktuell ist die Sterbensrate je nach Schätzung 1000 bis 10.000 mal höher als das Hintergrundsterben. Dazu kommt: “Es sind sehr viele Arten vom Aussterben bedroht”, sagt Adatte. Wenn eine bestimmte Schwelle überschritten ist, könnte das eine Kettenreaktion auslösen. Weshalb viele glauben, dass ein sechstes erdgeschichtliches Massensterben bereits eingesetzt hat.

"Es schaut nicht gut aus"

Der Mensch stellt die Geologen vor ein schwerwiegendes Problem: Ist er die erste Spezies, die den Planeten so sehr verändert hat, dass er ein neues Erdzeitalter eingeläutet hat? Und ist er, nicht vulkanische Aktivität, drauf und dran, die Erde so sehr  zu zerstören und aufzuheizen, dass fast nichts mehr überleben kann - vielleicht nicht einmal mehr er selbst?

“Das ist kompliziert”, sagt Adatte. Anthropozän nennen manche Wissenschaftler eine neue erdgeschichtliche Periode, die die Vorherrschaft des Menschen auf der Erde ausdrücken soll - aber die ist noch umstritten. Als Wissenschaftler ist auch Adatte nicht gänzlich vom Anthropozän überzeugt. Unter anderem, weil es schwierig ist, einen Zeitpunkt festzulegen, an dem es begonnen haben soll. “Viele bringen das Jahr 1964 ins Spiel, weil es da durch Atomtests sehr viel C14 im Boden gibt. Aber das hat eine Halbwertszeit von ein paar Tausend Jahren, das ist für Geologen nicht sehr viel.” Trotzdem sei die Diskussion wichtig: “Weil sie zeigt, dass wir ein großes Problem haben. Ich will kein Pessimist sein, aber es schaut nicht sehr gut aus”, sagt Adatte. Und lacht.

Überlebt der Mensch?

“Was wir aktuell in den Ozeanen sehen, ist mehr oder weniger dasselbe wie bei den schlimmsten Massensterben”, erklärt er. Es gäbe immer mehr tote Zonen, etwa im Golf von Mexiko. “Es gibt dieses Konzept von Gaia, das ich nicht besonders mag, weil es einen religiösen Anstrich hat. Aber es besagt, dass die Erde sich immer erholen konnte, weil sie sich selbst reguliert. Und diese Selbstregulierung ist jetzt in Gefahr.”

Würde der Mensch selbst das sechste Massensterben überleben? “Ich weiß es nicht”, sagt Adatte. Aber eines ist bereits jetzt fix: Es wird unangenehm. Die Meeresspiegel werden steigen, das ist unumstößlich. Der Lebensraum wird kleiner, die Menschen werden mehr - das wird zu Konflikten führen. “Vielleicht wird der Mensch den Menschen eliminieren.” So wie Abertausende andere Arten auch.

( kurier.at , tre ) Erstellt am 16.04.2018