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07/04/2012

Ist Alzheimer ansteckend?

Infektiöse Prionen als Auslöser von Demenz: Darüber spekulieren Forscher in den USA. Viele Experten sind aber skeptisch.

von Ernst Mauritz

An diesem Titel bleibt man unweigerlich hängen: „Labortests: Alzheimer könnte ansteckend sein“, schreibt Spiegel Online – und spekuliert bereits, welche Folgen das zum Beispiel für Pflegepersonen haben könnte. Doch praktisch die gesamte Fachwelt weist den Verdacht zurück: „Wenn überhaupt, ginge es ja nicht um eine Ansteckung über die Hände, sondern zum Beispiel über eine Infektion von OP-Besteck bei Hirnoperationen oder über Blut“, sagt Alzheimer-Spezialist Univ.-Prof. Peter Dal-Bianco von der MedUni Wien: „Und für beides gibt es beim Menschen überhaupt keine Hinweise. Das sind reine Hypothesen.“

Eine bestimmte Form von sogenannten Beta-Amyloid-Proteinen (ihre Faltung ist verändert) gilt als ein Auslöser von Alzheimer. Hintergrund der Infektions-Spekulationen ist eine Studie von kalifornischen Forschern aus dem Labor von Nobelpreisträger Stanley Prusiner, der 1997 den Nobelpreis für die Entdeckung der Prionen bekam. Diese gelten in ihrer krankhaften Form als Auslöser von BSE (Rinderwahnsinn) und Creutzfeldt-Jakob beim Menschen.

Die Forscher injizierten Klumpen aus künstlich hergestelltem und gereinigtem Amyloid-Beta in die Gehirne gesunder Mäuse. Solche Klumpen bilden sich bei einer Alzheimer-Erkrankung.
Die Folge: Auch bei den ursprünglich gesunden Mäusen entstanden derartige Protein-Ablagerungen (Plaques) – nicht nur an der Injektionsstelle, sondern im gesamten Gehirn. Die kalifornischen Forscher ziehen Parallelen zu den Prionen. Möglicherweise handle es sich bei Plaques sogar um „Alzheimer-Prionen“.

„Das ist reine Spekulation“, sagt Dal-Bianco. „Alzheimer ist eine Protein-Falterkrankung: Das ist wie bei einem Taschenmesser – es kann offen oder zu sein. Und so kann auch dieses Beta-Amyloid-Protein zwei Formen haben – eine gesunde und eine schädigende.“

Keine Hinweise

Und auch Prionen-Forscher Univ.-Prof. Herbert Budka (siehe re.) ist skeptisch: „Bei diesen Eiweißen handelt es sich nicht um Prionen. Nur der Mechanismus der Weitergabe ist prionenähnlich. Bis jetzt gibt bis überhaupt keine Hinweise, dass diese Laborstudien an Mäusen eine Bedeutung für den Menschen haben. Der Nachweis, dass für Menschen eine Gefahr besteht, der fehlt.“

Der Prionenspezialist verweist auch auf Studien aus den 1970er-Jahren: Damals wurden Affen Extrakte verschiedener Gewebe von Alzheimer-Kranken injiziert: „Es konnte aber keine einzige Übertragung nachgewiesen werden.“ Budka sieht hinter den Spekulationen ganz andere Motive: „Das Thema wird immer wieder hochgekocht, um Forschungsmittel zu lukrieren. Denn je mehr sich die Bevölkerung fürchtet, umso eher werden öffentliche Mittel für die Forschung frei.“

Nachgefragt: „Das Wort ,infektiös‘ ist nicht passend“

Univ.-Prof. Herbert Budka ist Österreichs führender Prionen-Experte.

KURIER: Ist Alzheimer eine Infektionskrankheit?
Herbert Budka: Es gibt überhaupt keine Anhaltspunkte für eine Übertragung von Mensch zu Mensch – auch nicht durch Blutprodukte oder infiziertes Operationsbesteck nach einem chirurgischen Eingriff. Wenn dem so wäre, müssten wir das schon längst in unseren epidemiologischen Daten sehen, denn Alzheimer ist ja eine häufige Erkrankung. Ich finde deshalb das Wort „infektiös" nicht passend. Das, was gezeigt werden konnte, bezeichne ich lieber als „Seeding", quasi als Aussaat, aber es gibt kein geeignetes deutsches Wort.

Was bedeutet das?
Wenn Sie gesunden Mäusen, die dafür empfänglich gemacht wurden, Hirnextrakt einer kranken Maus injizieren, können die Alzheimer-verursachenden Veränderungen auf die gesunden Tiere übertragen werden – durch eine Kaskade von dadurch ausgelösten Reaktionen. Deshalb sind diese veränderten Proteine aber noch lange nicht infektiös – so wie es die Prionen sind. Trotzdem sind diese Studien sehr wichtig, weil sie unser Verständnis von Erkrankungen wie Alzheimer verändern werden.

 

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