Wissen und Gesundheit
01.12.2017

Hund oder Katze: Wer ist intelligenter?

Forscher haben Neuronen in der Großhirnrinde gezählt – doch die sind nur ein Indiz für Intelligenz.

Katze oder Hund? Unter manchen Haustierliebhabern gibt es geradezu Glaubenskriege, welches dieser Tiere wohl das Klügere ist. Eine US-amerikanische Forscherin, die sich selbst als "hundertprozentigen Hundemenschen bezeichnet", will jetzt eine Antwort gefunden haben: "Der Hund hat mehr als doppelt so viel Neuronen in der Großhirnrinde wie die Katze", sagt Suzana Herculano-Houzel von der Vanderbilt University. Genauer gesagt besitzt ein Hund rund 530 Millionen Nervenzellen, während es bei einer Katze nur 250 Millionen sind. Zum Vergleich: In der menschlichen Großhirnrinde (Cortex) zählen Neurologen 16 Milliarden Neuronen.

Das internationale Forscherteam hat nicht nur die beliebten Haustiere untersucht, sondern auch Frettchen, Hyäne, Löwe, Waschbär, Braunbär und Manguste – eine kleine indische Schleichkatze. Die Neurobiologin vermutet, "dass die absolute Zahl der Neuronen im Cortex bestimmt, wie reich der mentale Zustand eines Tieres ist und wie gut es auf Basis vergangener Erfahrungen vorhersagen kann, was in seiner Umwelt passieren wird." Für sie ist deshalb klar: "Der Hund hat rein biologisch die bessere Voraussetzung, um komplexe Dinge zu bewerkstelligen."

Die Nase vorn

Heißt das jetzt tatsächlich, dass im Intelligenz-Rennen die Hunde die Nase vorn haben? Gemach, gemach. Verhaltensforscher und Hundekenner Kurt Kotrschal hält von solchen Vergleichen nicht allzu viel: "Welche Intelligenz ist da gemeint, welche Leistung spricht man da an?" Der Hund sei aufgrund seiner Wolfsherkunft und Anpassung an die Kooperation mit dem Menschen in seinem Sozialverhalten sicher intelligenter. Die Katze ist kein so guter Kooperationspartner, dafür kann sie meist ihren Besitzer besser manipulieren – auch ein Zeichen für Intelligenz."

Intelligenz bedeutet meist, dass sich ein Tier optimal an seine Umwelt anpassen kann: "Manche Rabenvögel können sich Tausende Verstecke merken, eine Spezialfähigkeit, die sie nicht unbedingt zu allgemein intelligenteren Tieren macht. Es kann aber durchaus passieren, dass sich solche Leistungsfähigkeiten verallgemeinern und ein Tier auch in anderen Bereichen diese Intelligenz nutzen kann", so Kotrschal.

Außerdem sagen die Anzahl der Nervenzellen oder die Größe des Gehirns nicht unbedingt etwas über die Intelligenz eines Tieres aus: "Maßgeblich ist die Dichte des Hirns sowie die Vernetzung zwischen den Nervenzellen. Eine hohe Neuronendichte kann ein Anhaltspunkt sein für die Verarbeitungsleistung des Gehirns", sagt Kotrschal, der auch gleich ein lebendes Beispiel aus der Zoologie nennt: "Raben und Schimpansen haben eine ähnliche relative Hirngröße, aber die Neuronendichte ist bei Raben größer, wohl auch deren Vernetzung." Logisches Denken sei aber ein überschätzter Vorteil: "Auch wir Menschen entscheiden viel spontan und unbewusst aus dem Bauch heraus."

Doch zurück zu Suzana Herculano-Houzel und ihrem Team. Beim Vergleich der einzelnen Fleischfresser sind sie zu überraschenden Ergebnissen gekommen. So zeigen sie, dass die Gleichung "Je größer das Gehirn desto mehr Nervenzellen sind vorhanden" keine allgemeingültige Regel ist. Ein Golden Retriever hat z. B. mehr Neuronen als eine Hyäne, ein Löwe oder ein Braunbär – und das obwohl deren Gehirn zum Teil drei Mal so groß ist wie die des beliebten Hundes. Das extremste Beispiel ist der Braunbär: Seine Hirnrinde hat genau so viele Neuronen wie die einer Katze, obwohl sein Denkorgan zehnmal größer ist.

Biologen haben eine Vermutung, warum das so ist: "Das Jagen verbraucht eine Menge Energie, ebenso die Nervenzellen im Gehirn, die die größten permanenten Energiefresser sind. Je kraftraubender die Jagd und je größer die Abstände zwischen den Raubzügen, desto weniger Energie steht für die Versorgung der Neuronen zur Verfügung. Der Natur findet also eine Art Kompromiss – die Tiere entwickeln ein großes Gehirn, sparen aber bei den Nervenzellen."

Waschbären

Eine große Ausnahme unter den Karnivoren – so die wissenschaftliche Bezeichnung für Fleischfresser – sind die Waschbären. "Sie haben eine Dichte an Nervenzellen, wie man sie nur bei Primaten findet." Keinen Unterschied machte es übrigens, ob Tiere domestiziert wurden oder nicht.

Was die Wissenschaftler außerdem überraschte: Fleischfresser haben nicht mehr graue Zellen als Pflanzenfresser – zumindest wenn man kleine und mittelgroße Säugetiere miteinander vergleicht. Bisher gingen Biologen davon aus, dass Raubtiere klüger sein müssten, weil die Jagd intelligentere Strategien erfordert als das Suchen pflanzlicher Nahrung. Offensichtlich ist aber der evolutionäre Druck auf Fleisch- und Pflanzenfresser derselbe.

Und was heißt das jetzt alles für Hunde- und Katzenliebhaber? Nur so viel: Der Streit, wer der Klügere von beiden ist, ist noch lange nicht beigelegt.